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Gustav KlimtErotische Ewigkeitsversprechen

4 min

Gustav Klimt malte sein Bild "Der Kuss" 1908.

Um 1900 dreht sich die ganze Welt um Wien, und ganz Wien dreht sich um ein Kaffeehaus. Der Jugendstil trifft hier auf den Klassizismus und beide auf die moderne Sachlichkeit, was nicht nur die Vertreter der gegensätzlichen Kunstströmungen in Wallung bringt, sondern auch das staunende Publikum. Im Hintergrund bahnt sich bereits eine Prügelei zwischen erhitzten Kunstgemütern an, während ein Kellner für Neuankömmlinge die Positionen referiert. Schließlich erhebt sich der Baumeister Adolf Loos zum Lob des Funktionellen und bekommt von Gustav Klimt dafür eine Torte ins Gesicht gedrückt. „Ihnen, Klimt, verzeihe ich“, entgegnet der Besudelte, „denn ihre Kunst ist wenigstens erotisch. Denken Sie an die Kreuzigung. Was könnte erotischer sein als die Kreuzigung?“

Diese Szene aus Raúl Ruiz grandiosem Film „Klimt“ enthält beinahe alles, was das Wesen des titelgebenden Künstlers und seiner Zeit ausmacht: die skandalöse Blüten treibende Atmosphäre im Wien der Jahrhundertwende, die Sexualisierung des bürgerlichen Lebens und die Hoffnung auf Unsterblichkeit. Berühmt und berüchtigt wurde Klimt mit erotischen Frauenbildnissen, auf denen die Porträtierten im Hintergrund aufgehen, als wäre sie Teil eines kostbar verzierten Ornaments. Gold und Geschmeide fassen sie ein, der zum Verfall bestimmte Leib wird konserviert, indem er Teil der Dekoration wird. So trifft sich der Jugendstil mit der ägyptischen Kultur: Alle Lust will Ewigkeit und findet ihre letzte Zuflucht in der Kunst.

Die Neigung zu luxuriösen Materialien wurde Klimt geradezu in die Wiege gelegt. Als Sohn eines Goldschmieds und Graveurs war ihm die Verachtung des Dekorativen fremd – was ihn wie selbstverständlich an die Spitze der neuen Kunstbewegung führte. Gegen 1900 war die Verschönerung der Alltagswelt Welt durch Möbel, Schmuck und Kleidung ein Gebot der Stunde; das ganze Leben sollte durch Design revolutioniert werden. Klimt bemalte zunächst Wände und Decken, etwa im Wiener Burgtheater, aber auch seine späteren Tafelbilder sind so gestaltet, dass sie eine Symbiose mit den anderen Künsten eingehen.

Mehr noch als für seine Zeitgenossen war das Erotische für Klimt das Tor zum Paradies. Er malte Frauen als Inbild der Lust, holte sich seine Modelle oft genug ins Bett und versprach ihnen dafür Unsterblichkeit. In Wirklichkeit machte er aber vor allem Männerträume wahr: Die Frauen geben sich hin, damit in der Verschmelzung von Liebe, Luxus und Design das Versprechen ewigen Glücks aufscheinen kann. Es ist eine gleichermaßen elitäre wie demokratische Kunstreligion: Die Erlösung vom Gewöhnlichen ist stets zum Greifen nah. Im Grunde war Klimt nicht nur einer der einflussreichsten Maler, sondern auch der Hugh Hefner seiner Zeit.

Zu Lebzeiten ein Skandalon, ist Klimts Werk auch heute noch für Schlagzeilen gut. Mit seinem Namen verbindet sich der bislang spektakulärste Fall eines von den Nazis geraubten und später an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegebenen Kunstwerks: Klimts „Adele Bloch-Bauer I“ (1907), die „Goldene Adele“. Auf reichlich dubiose Weise hatte die staatliche Nationalgalerie Belvedere den „geschenkten“ Gaul nach Kriegsende für sich reklamiert und die früh geltend gemachten Ansprüche zurückgewiesen. Zwar durfte die in die USA emigrierte Erbin einen Teil des Familienbesitzes ausführen, doch nur unter der Bedingung, die Klimt-Gemälde dem österreichischen Staat zu überlassen. Dieser erpresserische Handel wurde über 50 Jahre später erfolgreich angefochten und führte schließlich dazu, dass die „Goldene Adele“ zum damaligen Rekordpreis von 106,7 Millionen Euro versteigert wurde. Der Käufer Ronald Lauder richtete dem Bild in New York ein eigenes Museum ein – Kritiker sagen: einen Schrein.

Gustav Klimt wurde am 14. Juli 1862 in Baumgarten bei Wien geboren und führte den dekorativen Stil der Malerei in unerreichte Höhen. Seine „Goldene Adele“ gehört zu den teuersten Gemälden der Welt.

Das Belvedere in Wien besitzt die größte Klimt-Sammlung weltweit und feiert seinen 150. Geburtstag mit einer großen Jubiläumsausstellung. Sie umfasst 120 Werke, darunter 30 Klimt-Gemälde. Der Katalog ist im Prestel Verlag erschienen und kostet 39 Euro.

150 Jahre Gustav Klimt, Belvedere, Prinz-Eugen-Straße 27, 1030 Wien, bis 6. Januar 2013.

Möglicherweise hat Lauder den Maler Gustav Klimt damit besser verstanden als mancher Kunsthistoriker, der über ihn die Nase rümpft. Schließlich ähneln Klimts Gemälde in ihrer betonten Flächigkeit nicht von Ungefähr der altägyptischen Malerei. So wie sich die Pharaonen einbalsamieren und mit kostbarem Grabschmuck für das Jenseits ausstatten ließen, so sind auch Klimts Luxusfrauen Weggefährtinnen in den Tod. Hier ist Klimt zeitlos aktuell: Die schönen Dinge, mit denen wir uns umgeben, sollen uns über die Sterblichkeit hinwegtrösten; und was gäbe es Schöneres als eine in Farbgeschmeide eingefasste Frau? Bei Klimt ist jeder Mann ein Pharao.

Muss es uns stören, dass Klimts Kunstreligion nur von kurzer Dauer war? Wohl kaum. Sie war schon im Moment ihres Entstehens durch die beginnende Frauenbewegung überholt. Es bleibt die Schönheit seiner Bilder. Auf ihnen blickt Gustav Klimt, der 1918 an den Folgen eines Schlaganfalls starb, aus der Ewigkeit zurück.