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Zum 150. GeburtstagHeinrich Mann landete nach dem „Untertan“ keinen Treffer mehr

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Die Brüder Heinrich (l.) und Thomas Mann 

Köln – Sie ist schon triftig, die Gewichtung, die Heinrich Breloer in seinem dreiteiligen TV-Doku-Drama „Die Manns“ von 2001 vornimmt, und das gilt zumal für die Spätphase des amerikanischen Exils: Thomas Mann, dargestellt von Armin Mueller-Stahl, regiert als Patriarch der Familie, während der vier Jahre älter Bruder Heinrich (Jürgen Hentsch) eine verschroben-traurige Figur abgibt: In seiner Schreibtischschublade finden sich Stapel von obszönen Zeichnungen dicker Damen, und erst recht bringt es seine stets betrunkene Frau Nelly (Veronica Ferres) zu beachtlicher gesellschaftlicher Peinlichkeit.

Tatsächlich markieren die letzten Jahre des älteren Mann, der an diesem Samstag 150 Jahre alt würde, eine Strecke zumutungsvoller Demütigungen: Während Thomas Mann sich an der Pazifikküste gut zurechtfindet und als ungekrönter König der deutschen Emigration ein reichhaltiges soziales Leben führt, vereinsamt der Bruder, der mental im Herzland des Kapitalismus nie ankommt, in Bitterkeit und Depression – ein Foto von 1943 zeigt einen misstrauisch-resigniert vom Schreibtisch nach links Blickenden, der das Kameraauge eher flieht denn sucht. Vom Bruder muss er finanziell unterstützt werden. Produktiv ist er nach wie vor, aber beachtet jemand seine Romane, so sie noch in den Exilverlagen gedruckt werden? Das ist heute übrigens auch kaum anders: Kennt jemand Bücher wie „Lidice“, „Der Atem“, „Empfang bei der Welt“? Sie entstehen in der selben Zeit, da Thomas Mann mit „Doktor Faustus“, „Felix Krull“, „Der Erwählte“ zu seinen bis heute gefeierten letzten Werken ansetzt und abhebt.

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Immer wieder der Bruder. Die Brüder-Konstellationen in der europäischen Literaturgeschichte haben es bekanntlich in sich – von den Jacobis im 18. über die Goncourts im 19. bis zu den Jüngers im 20. Jahrhundert. Selten aber war die Konstellation so explosiv-exemplarisch im Persönlichen und gleichzeitig so signifikant mit Zeitgeschichte gesättigt wie im Fall von Heinrich und Thomas Mann.

Diese Einschätzung hat sich bis zur Gegenwart nicht geändert – nicht nur bei Breloer erscheinen die Brüder in Hass und Liebe zwanghaft aneinander gekettet. Und sie schlägt auch auf die vergleichende literarische Wertung durch. Wobei der Vergleich zumeist bei der Feststellung landet (die ja nicht falsch sein muss), dass Heinrich Mann Thomas das Wasser nicht reichen kann.

Die Wege trennen sich früh

Die Wege der Lübecker Patrizier-Söhne trennen sich nach harmonischem Beginn und längerem gemeinsamem Italienaufenthalt rasch: Heinrich gibt dem mit Schopenhauer und Nietzsche geschwängerten Décadence-Ästhetizismus, dem Bruder Thomas noch bis zum Ende des Ersten Weltkriegs anhängt, schon früh den Laufpass, wendet sich mit aggressiver Satire von links gegen die Verhältnisse im Wilhelminischen Kaiserreich, wird zum frühen Vertreter einer „littérature engagée“. Während Goethe der Leitstern des Bruders ist, empfindet sich Heinrich als Geistesbruder Emile Zolas.

1918 schlägt Heinrichs große Stunde

Als 1918 die alte autoritäre Ordnung in Deutschland zusammenbricht, schlägt Heinrich Manns große Stunde. Zumal mit seinen schon früher entstandenen Romanen „Professor Unrat“ und „Der Untertan“ trifft er den Nerv der neuen Zeit, den der sozial-demokratischen Republik. Deren Repräsentant wird Heinrich womöglich noch stärker als Bruder Thomas, der mit seiner Rede „Von deutscher Republik“ 1922 gleichsam nachzieht.

Die Brüder söhnen sich also politisch-weltanschaulich aus – an der Oberfläche. Gegensätze und Konkurrenzverhältnis bleiben – Heinrich ist in der Quantität produktiver, kann aber fortan keine dem „Untertan“ vergleichbaren Treffer mehr landen. Thomas hingegen schreibt den „Zauberberg“ und erhält 1929, für die „Buddenbrocks“, den Literaturnobelpreis.

Dafür wird Heinrich, 1931, Präsident der Sektion Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste, wird als dezidierter und stets mahnender Fürsprecher der Weimarer Republik von der Linken geliebt und von den zur Macht strebenden Nazis gehasst wie kaum ein anderer. 1933 muss er überstürzt aus Deutschland fliehen, kommt wie sein Bruder im südfranzösischen Sanary-sur-Mer unter, wo sich eine prominente deutsche Exilkolonie bildet. 1940 gelingt, im letzten Augenblick, die Flucht über die Pyrenäen nach Lissabon und in die USA.

Aufruf zur Bildung einer Volkskfront

In den 30er und 40er Jahren tendiert Heinrich Mann, der 1932 zur Bildung einer Volksfront von SPD und KPD aufgerufen hat, noch entschiedener als vorher nach links, wird zur Galionsfigur des linken Exils. Noch in seinen späten Erinnerungen („Ein Zeitalter wird besichtigt“) verherrlicht er Stalin – das ist, auch aus der Rückschau, abstoßend genug –, stellt ihn neben Churchill und Roosevelt, verteidigt die Moskauer Schauprozesse. Der Hitler/Stalin-Pakt von 1939 verunsichert ihn kurz, aber als die Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfällt, ist der rote Zar wieder der Größte.

Was er an Schrecklichem aus Moskau hört, will er nicht wahrhaben. Der frühere SPD-Reichstagsabgeordnete Gerhart Seger, der, einem qualvollen KZ-Aufenthalt entronnen, bei Mann vorspricht und den Sowjets vorwirft, mit ihrer Bekämpfung der Sozialdemokratie dem Faschismus den Weg bereitet zu haben, wird, dem späteren Bericht des Neffen Golo Mann zufolge, kurz abgebügelt: „Mit Seger ist es nichts, er beschimpft jetzt die Sowjetunion.“

Heute nur noch schwer zu lesen

Im bedeutendsten Exilwerk Heinrichs, den beiden voluminösen „Henri Quatre“-Romanen, an deren Lektüre man freilich heute angesichts der unübersichtlichen Vielsträhnigkeit und Personalfülle leicht die Lust verliert, ist die Stalin-Verehrung indirekt spürbar: Der Autor preist den französischen König des 16. Jahrhunderts, den Freund der Armen und Unterdrückten, den gütig-strengen, volksverbundenen Versöhner des vom konfessionellen Bürgerkrieg zerstörten Landes mit ähnlichen Elogen wie den Kremlherrscher. Gegenstrebige Parallele zum Werk des Bruders: Am Ende von dessen großem Alterswerk, der „Joseph“-Tetralogie, scheint als Vorbild für Joseph, den Ernährer, US-Präsident Roosevelt auf.

1950 stirbt Heinrich im fernen Kalifornien an einem Hirnschlag, kurz vor der geplanten Rückkehr nach Europa. Genauer: nach Ost-Berlin, wo man ihn zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt hat. Ein gnädiges Schicksal ganz am Ende? Man wird es vielleicht so sehen können, sein Tod hat Heinrich Mann jedenfalls davor bewahrt, zum kulturellen Aushängeschild einer neuerlichen – roten nach der braunen – Diktatur in seinem Heimatland zu werden. Immerhin ist er in Ost-Berlin beerdigt – 1961 erfolgte die Beisetzung der Urne auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Thomas hielt nicht viel vom Werk des Bruders

Nach allem, was wir zumal aus den Tagebüchern wissen, hat Thomas Mann vom literarischen Werk seines Bruders nicht viel gehalten – es war ihm eher peinlich, vor und nach 1922. Verwunderlich ist das nicht. Gegenstände, Stil und Darstellungsmittel im jeweiligen Romanwerk sind grundverschieden: Wo Thomas Mann eine zuweilen manieristische, zur Selbstfeier neigende, freilich kaum zu übertreffende Sprachgewalt an den Tag legt, neigt Heinrich zu einer harten, drastischen, spröden, abkürzenden, teils wie gehackten, in der Bildwahl mitunter nachlässigen Prosa. Folgender Satz aus „Professor Unrat“ ist typisch: „Er war in beängstigender Aufregung, leidende Wut verzerrte ihn, und er sah feucht aus.“

Nicht immer, sogar ziemlich selten gelingen Heinrich Figuren, die in ihrer humanen Widersprüchlichkeit tatsächlich leben und nicht nur satirisch überhöhte Verkörperungen politisch-sozialer Positionen sind. In seinen besten Werken gewinnt freilich auch das Klischee eine bemerkenswerte zeitdiagnostische Kraft: Das gilt etwa für gesagten Professor Unrat, ein sadistisches Lehrerscheusal, das den erotischen Reizen einer örtlichen Halbweltschönheit erliegt. Erkennbar ist hier übrigens die Verteilung der autobiografischen Motive: Gegen die autoritär-bildungsfeindliche Schule des Kaiserreichs hatte Heinrich wie sein Bruder rebelliert, aber auch des Professors Neigung zu Bar und Spelunke war Heinrich Mann nicht fremd – dort hatte er seine „ordinäre“ zweite Frau Nelly kennen gelernt.

Diederich Heßling als Proto-Nazi

Diederich Heßling, der nach oben buckelnde und nach unten tretende „Held“ des „Untertan“ ist ebenfalls eine Karikatur, der man vorwerfen kann, sie repräsentiere allenfalls einen Teilaspekt und keineswegs das Ganze der kaiserreichlichen Bürgerwelt. Der mögliche Einwand verhindert aber nicht die Diagnose, dass hier mit seherischer Kraft der Phänotyp des Proto-Nazi, des Faschisten avant la lettre entworfen wurde.

Wenn Heinrich Mann nur diesen einen Roman geschrieben hätte, wäre ihm ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher – auch ohne sein prominentes „Brudersein“. Mit Blick auf das Oeuvre in seiner Gesamtheit indes wird man wohl Marcel Reich-Ranicki zustimmen müssen, der 1987 in einem desillusionierend-desillusionierten Essay schrieb: „Es wird wohl Zeit, sich von Heinrich Mann zu verabschieden – mit Respekt, versteht sich, und auch mit Dank. Für manche von uns Älteren ist es noch ein Abschied von unserer Jugend – ein Abschied nicht ohne Wehmut.“