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HomophobieWie schwul darf Schule sein?

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Schulen brauchen Nachhilfe-Unterricht in Sachen Toleranz.

Wenn Lehrer mit Sprüchen wie „Kein Bock auf schwules Mathe“ begrüßt werden, Neuntklässler fragen, „ob der Arzt nicht was gegen Schwulsein tun kann?“ und es Grundschüler bewegt, „welche Schulen Lesben besuchen dürfen?“, stellt sich die Frage: Wie aufgeklärt ist Schule? Wie tolerant?

Wie aufgeklärt darf Schule sein, wenn sich bundesweit rund 152 000 Schüler, Lehrer, Eltern mit einer Petition im Netz wehren, dass das Thema Homosexualität ausführlicher an den Schulen Baden Württembergs behandelt wird – aus Angst, dass die Thematisierung zum Schwulsein verführt?

NRW: „Kein Handlungsbedarf“

Wie viel Aufklärung muss Schule leisten, damit „Schwuchtel“ kein gängiges Schimpfwort auf Schulhöfen bleibt, sich Schüler wie Lehrer zu ihrer Sexualität bekennen können, kurz: unaufgeregte Normalität einkehrt, wie es sich viele Beteiligte wünschen? In Nordrhein-Westfalens Schulministerium sieht man „keinen Handlungsbedarf“, die Vorgaben für die Sexualerziehung zu überarbeiten. „Unsere Richtlinien haben sich bewährt“, sagt Jörg Harm, Pressereferent des Ministeriums für Schule und Weiterbildung. 1999 hat die Behörde gemeinsam mit Eltern- und Lehrerverbänden sowie den Kirchen Richtlinien erarbeitet, die den Paragrafen 33 des Schulgesetzes mit Unterrichtsinhalten füllen. Der fordert eine „fächerübergreifende Sexualerziehung“ – mit dem Ziel, „Schüler auf eine gleichberechtigte Rolle in Ehe, Familie und anderen Partnerschaften“ vorzubereiten. Und „die Akzeptanz unter allen Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, Identität und damit verbundenen Lebensweisen“ zu fördern.

Damit ist für Schulministerin Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) klar: „Unsere schulische Sexualkunde kann einen Beitrag leisten zur Beseitigung von Diskriminierung von homo-, bi- und transsexuellen Menschen.“ Dort, wo die Kompetenzen für die Umsetzung der Richtlinien nicht reichten, fördere das Ministerium Projekte wie die Antidiskriminierungsinitiative „Schule gegen Homophobie. Schule der Vielfalt“ oder die Aufklärungs-Workshops des Netzwerks „Schlau“.

1998 hat die damalige Landesregierung den Bedarf an schwul-lesbischer Aufklärungsarbeit in NRW analysiert. In diesem Kontext gründete sich im Jahr 2000 „Schlau“, ein Netzwerk von Aufklärungsgruppen. „Schlau“ steht für „Schwul, lesbisch, bi- und transsexuelle Aufklärung“. Die Idee dahinter: Vorurteile von Schülern sollen durch die direkte Begegnung mit schwulen oder lesbischen Gleichaltrigen hinterfragt und abgebaut werden. In Schlau-Workshops geht es um Diskriminierung und Homophobie, authentische Einblicke in gleichgeschlechtliche Lebensweisen und die Vermittlung von Akzeptanz gegenüber den verschiedensten Lebensentwürfen. Schlau-Teams besuchen weiterführende Schulen, Berufs- und Fachhochschulen und arbeiten dort gemeinsam mit Jugendlichen und Lehrern im Rahmen von einzelnen Unterrichtsstunden oder Projekttagen. Bis heute hat Schlau rund 50000 Schüler erreicht.www.schlau-nrw.de

Auch die für Schul- und Bildungsfragen zuständigen Kirchenvertreter bekräftigen den landesweiten Konsens: „Selbstverständlich geht es auch im katholischen Religionsunterricht um die Förderung von Toleranz, unabhängig von der sexuellen Orientierung“, sagt Ferdinand Claasen vom Katholischen Büro in Düsseldorf. „Man kann das Diskriminierungsverbot theologisch nicht schärfer formulieren, als es im Katechismus steht“, so der pädagogische Referent – er zitiert: „Man hüte sich, homosexuelle Menschen in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen.“

Klaus Eberl, Leiter der Bildungsabteilung der Evangelischen Kirche im Rheinland, wird konkreter. Er fordert, dass die Aufklärung über Homosexualität und der Umgang mit Homophobie in der Lehrerfortbildung verankert wird – „da sehen wir Nachholbedarf“. Das sei die Voraussetzung dafür, dass Homosexualität als Querschnittsthema in mehreren Fächern behandelt würde – „und damit in der Schule zu Normalität gelangt.“

Studie: Homophobie an Schulen ist Alltag

Dass das Thema dort noch weit von der Normalität entfernt ist, zeigen Studien, die die Akzeptanz von Homosexualität an Schulen erforscht haben. Ihr Befund: Homophobie, also eine ablehnende bis feindliche Haltung gegenüber Schwulen und Lesben, scheint auf dem Schulhof mehr noch als im Sportstadion Alltag zu sein. Laut einer Untersuchung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes verlieren die Hälfte der befragten Jugendlichen nach ihrem Coming-out Freunde. Jeder Zweite erfährt in der Schule Diskriminierung und Ausgrenzung. 60 Prozent sind der Meinung: Besser ist es, sich in der Schule nicht zu outen.

Eine aktuelle Studie der Humboldt-Universität Berlin attestiert, dass die Akzeptanz von Homosexualität in Berlins Schulen Nachhilfe-Bedarf hat. Mehr als 60 Prozent der Schüler bis zur sechsten Klasse benutzen „Schwuchtel“ oder „schwul“ als Schimpfwort; jeder vierte Lehrer lacht mit bei homophoben Bemerkungen.

Auch Nordrhein-Westfalens Schulen müssten nachsitzen. Eine Erhebung der Uni Bielefeld bescheinigt, dass Schulgesetze und Richtlinien allein nicht genügen, um Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit Paroli zu bieten. Ein Fünftel der Befragten stimmte homophoben Einstellungen zu. 25 Prozent würden schwulen und lesbischen Mitmenschen die gleichen Rechte verweigern.

Warum diese schlechte Sensibilität in Schulen?

Was ist die Triebfeder für diese schlechte Sensibilität unter Schülern? Unsichtbarkeit, sagen Sozialwissenschaftler. Weil die Aufklärung über alternative Lebensformen im Unterricht zu kurz kommt. Weil das Thema zu oft weggedrückt wird – nach dem Motto: Gibt es bei uns nicht! Dabei sind sich Experten einig, dass geschätzte fünf bis zehn Prozent der Menschen homosexuell sind.

Und weil es so gut wie nie in Schulmedien vorkommt. Die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Melanie Bittner hat in deutschen Schulbüchern nach der Darstellung sexueller Vielfalt gesucht – und wenig gefunden. „In Englisch-Büchern kommt das Thema gar nicht vor. In Geschichtsbüchern tauchen Schwule und Lesben meist nur als Randaspekt der Verfolgung in der Nazi-Zeit auf. Und in der Biologie wird Homosexualität zwar aufgegriffen, aber quasi am Ende, noch zur Vollständigkeit“. Bittner vermisst, dass homosexuelle Lebensweisen selbstverständlich und angemessen dargestellt werden. Warum nicht lesbische Eltern abbilden? In der Matheaufgabe die Zinsen des Eigenheim-Kredits von Peter und Paul Müller berechnen? Auf Fotos zur Pubertät ineinander verliebte Mädchen zeigen?

Die zweite Hauptquelle der Unsichtbarkeit: Fehlende Protagonisten und damit kaum ein Vorbild. Dabei wissen Psychologen längst, dass die Toleranz steigt, je mehr Kenntnisse Jugendliche über Personengruppen, je mehr Kontakt sie zu ihnen haben.

„Schule der Vielfalt“

Einer, der sich für Rahmenbedingungen stark macht, die es Betroffenen ermöglichen, auch in der Schule Farbe zu bekennen statt in der Grauzone zu verharren, ist Frank G. Pohl. Wenn der Landeskoordinator des Projekts „Schule der Vielfalt“ gefragt wird, was das Thema sexuelle Vielfalt auf dem Stundenplan zu suchen habe, pariert er: „Weil es unsere Pflicht ist, Schüler zu demokratiefähigen, Vielfalt tolerierenden Bürgern zu erziehen“. Damit Lehrer damit nicht alleingelassen werden, wünscht sich Pohl, der auch in der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) Lehrer zur Antidiskriminierung berät: Fortbildungen zu Homophobie. Schulmaterialien, die Vielfalt wertschätzend abbilden. Beschwerdestellen und Ansprechpartner an jeder Schule. Und eine flächendeckende Ausbildung, die Lehrer dazu befähigt, qualifiziert mit dem Thema umzugehen.

Vielleicht finden dann auch Schüler Matheklausuren wieder scheiße statt schwul.