Herr Bechler, Ihr Name deutet eine Verbindung zu Köln ja schon an, und Ehrenfeld hat einen ganzen Song auf dem neuen Album gewidmet bekommen– was bedeutet Ehrenfeld für Sie?
Ehrenfeld hat eine Bedeutung, weil ich hier wohne und, man arrangiert sich nun mal mit seinem Umfeld. Mein Verlagschef aus Hamburg hat mich gefragt, ob ich eine Veedelshymne schreiben könnte, aber ohne den ganzen Kölschkram. Eigentlich hat Ehrenfeld keine Hymne verdient – die Leute werden vertrieben, die Künstler vorneweg und die Gastronomen hinterher. „Guten Morgen, Ehrenfeld“ ist also keine Hymne, es ist eine Momentaufnahme um halb vier Uhr morgens, wenn sich die heilige Gemeinde versammelt zum Burn-out des Wochenendes.
Seit 2017 Ihr zweites Album „Hey Sexy“ erschienen ist, sind Sie beim Hamburger Indie-Label Grand Hotel untergekommen. Hatte das einen Einfluss auf den Schreibprozess am neuen Album?
Ich habe sehr viel lustvoller schreiben können, weil eins darf man nicht vergessen: Die erste Platte war ein grandioser Flop. Und die zweite Platte nicht, weil sie plötzlich in den richtigen Händen war. Trotzdem sind beide Platten entstanden, ohne zu wissen, ob das überhaupt irgendjemanden interessiert. Jetzt wissen wir, dass es Leute interessiert, deshalb haben alle gedacht: Ach du Scheiße, wie geht der jetzt mit dem Druck um? Doch ich habe gar keinen Druck gefühlt, ich habe vielmehr eine große Freude, weiter zu schreiben, denn ich weiß, wir haben jetzt unser Publikum, und ich muss nicht jedes Mal zittern, ob mehr als 13 Leute ins verregnete Odonien kommen.
Haben Sie Angst davor, Ihre Fans könnten enttäuscht sein?
Das liegt nicht in meiner Verantwortung. Fortuna Ehrenfeld ist von zwei Begriffen geprägt: Unschuld und Unbestechlichkeit. Die Erwartungshaltung meines Publikums hatte keinen Einfluss auf die Entstehung der Platte. Bei der Veröffentlichung verlässt die Musik einfach meinen Einflussbereich. Die Musik ist am Ende für die Leute da und nicht für mich.
Wenn ich mir Fortuna-EhrenfeldSongs so anhöre, habe ich immer das Gefühl, dass die Instrumente sich bewusst im Hintergrund halten, um den Texten möglichst viel Raum zu geben. Sind Sie auch ein Geschichtenerzähler oder Poet?
Nur. Denn ein Sänger bin ich sicher nicht. Ich kann grummeln, singen ist das nicht. Ich hab einen tollen Produzenten, René Tinner, und er hat mir gezeigt, dass man große leere Räume schaffen muss, damit diese Stimmung darin stattfinden kann. Und damit ist er ein entscheidender Mitgestalter von dem, was Fortuna Ehrenfeld ist. Er sieht die Musik wie eine Matrix und hört sofort, was stört. Für ihn war klar: Du bist ein Storyteller, alles andere ist totale Nebensache.
Ihre Texte sind oft vielschichtig, da versteht man beim ersten Hören gar nicht, worum es eigentlich geht. Aber dann hörst du den Song noch mal und noch mal und erkennt immer mehr vom Bild.
Genau, und die Amis turnen uns das seit 60 Jahren vor. Adam Green zum Beispiel, oder Beck, Jackson Browne, Neil Young, die hatten schon immer dieses offen Poetische. Aber bei deutschen Songwritern kriegt man ständig alles eins zu eins erklärt. Außer bei so geilen Stylern wie Bilderbuch, die haben das auch endlich mal gebrochen. Es gibt Texte von Bob Dylan, die habe ich bis heute nicht die Bohne verstanden, aber sie begleiten mich, und irgendwann sitzt du in der Bahn und denkst: „Welche times sind denn jetzt eigentlich a-changing?“ Das begleitet dich, weil es in dir arbeitet. Und dann erst findet Kunst statt: Wenn es etwas mit den Leuten macht! Es geht darum, den Leuten eine Blaupause zu geben, sodass erst im Kopf die Supernova stattfindet, denn gerade mit diesem Offenen kann jeder anstellen, was er will. Es ist ein Genuss zu hören, zu was für unterschiedlichen Ergebnissen die Leute kommen: Was für die einen ein Liebeslied ist, ist für die andern ein Abschiedslied.
ZUR PERSON
Fortuna Ehrenfeld ist ein Indie-Pop-Trio um den Kölner Songwriter und Komponisten Martin Bechler. Soeben erschien ihr drittes Album „Helm ab zum Gebet“. Auf die Veröffentlichung folgt eine Deutschlandtour, die sie am 31. Mai auch nach Köln ins Gloria Theater führen wird. (ReL)
