Herr Schnitzler, wie oft haben Sie schon „Carmen“ dirigiert?
Über 200-mal, ganz sicher. Aber mehr als 40 Jahre kann man nicht gut nachhalten.
Und es macht Ihnen immer noch Spaß?

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Natürlich. „Carmen“ ist ein faszinierendes Werk, und jedes Mal entdeckt man etwas Neues in der Partitur.
Zum Beispiel?
Kleine Details in der Instrumentation etwa, die einem plötzlich auffallen. Da merkt man dann wieder, wie perfekt das Stück geschrieben ist – man kommt damit einfach nicht an ein Ende. Und ich dirigiere die Oper tatsächlich alle zwei, drei Jahre.
Auswendig?
Ich könnte es, mache es aber nicht. Die Inszenierungen sind so unterschiedlich, dass man die Partitur als Rückversicherung braucht. Man muss aufpassen bei den Dialogen und bei dem, was da so auf der Bühne geschieht.
„Carmen“ ist die beliebteste und meistaufgeführte Oper der Musikgeschichte. Da hat das Publikum also endlich einmal recht?
Ja, wenngleich die Oper zunächst kein großer Erfolg war. Bizet habe keinen Sinn für Melodie, schrieb ein Kritiker – stellen Sie sich das mal vor! Und in den ersten Aufführungen waren die Leute sehr schockiert über das Libretto.
Zu Recht?
Damals möglicherweise schon. Carmen ist eine Frau, die frei sein, nach ihrem Gusto lieben will. So etwas gefiel einer puritanischen Gesellschaft nicht. Sie brauchte einige Zeit, um es zu akzeptieren.
Carmen wurde dann zum Klischee einer „Femme fatale“ – in welches sie ja eigentlich nicht passt ...
Nein, sie zerbricht ja selbst an der starren, vom Männlichkeitswahn besetzten Gesellschaftsmoral ihrer Umgebung. Zu deren Opfer sie am Schluss wird. Femme fatale? Vielleicht, aber viele Kritiker der Oper haben in ihr schlicht eine Prostituierte gesehen – und damit auch versucht, das Beunruhigende des Phänomens loszuwerden. Aber das ist sie mit Sicherheit nicht.
Zurück zur Ausgangsfrage: Wodurch fasziniert die Musik?
Die Partitur beginnt wie eine Opera-Comique, mit einer leichten, attraktiven Musik. Man ahnt die Tragödie noch nicht – auch wenn das fünftönige Schicksalsmotiv gleich in der Ouvertüre erklingt. Aber dann entwickelt sich unerbittlich das Drama, tritt aus der Latenz heraus.
Und das spanische Kolorit?
Ja, das ist genial. Sehen Sie: Bizet war nie in Spanien, aber wie hat er diese mediterrane Lebenswelt allein mit seinen Tönen getroffen! Das hat nichts Anekdotisch-Folkloristisches wie etwa bei Chabrier. Da gibt es am Anfang des zweiten Akts diesen Chanson Bohème mit Carmen, Frasquita und Mercedes. Der beginnt mit nichts – Harfe, Bratschen, Celli, ganz leise, die beiden Flöten. Da wird die Atmosphäre einer verräucherten Kneipe beschworen. Dann wird das immer schneller, leidenschaftlicher, entwickelt sich hin bis zu einem finalen Paroxysmus. Das ist etwas, was wir aus der afrikanischen Musik kennen, wo das Schlagzeug diese Art von Trance stiftet. Die legendäre Habanera ist dagegen regelrecht klassisch, da gibt es keine Steigerung – wenngleich auch dieses Stück hypnotische Züge trägt.
Friedrich Nietzsche hat bekanntlich in „Carmen“ sein Vademecum gegen Richard Wagner gefunden. Was sagen Sie zu der Konstellation Wagner – Bizet, die ja Zeitgenossen waren?
Ja, das ist eine total andere Welt. Obwohl Wagner die französischen Komponisten seiner Zeit fasziniert hat. Viele von denen sind nach Bayreuth gepilgert – auch Debussy, der gegenüber Wagner eine Art Hassliebe empfand. Aber Bizets Welt hat – da hat Nietzsche recht – in der Tat nichts zu tun mit dem Wagner-Universum.
Können Sie etwas zu Lydia Steiers Inszenierung sagen? Was erwartet uns auf der Bühne?
Ich will nicht zu viel verraten. Aber wie Sie schon von „Turandot“ her wissen: Steier hat diesen Sinn fürs große Spektakel, für die große Show : Es gibt viele Leute, viel Bewegung – und das ist manchmal auch ganz schön anstrengend. Und sie bezieht die Architektur des Staatenhauses ein. Das Ganze situiert sie übrigens nicht im 19. Jahrhundert, das ist alles ziemlich zeitgenössisch, aktuell. Es gibt auch Referenzen, die gerade die Kölner verstehen werden.
Wie finden Sie die Aufführungsbedingungen im Staatenhaus?
Nun ja, das Orchester spielt ja nicht vorn, sondern von der Seite her. Da muss man halt schauen, wie man Spieler und Sänger gut koordiniert.
Nicht so toll, oder?
Ich würde es eher als Herausforderung beschreiben. Gott sei Dank haben wir genug Proben, um das hinzukriegen.
Sie dirigieren ja seit zehn Jahren in Köln, haben also das Opernhaus, das Blaue Zelt und dann das Staatenhaus kennengelernt. Immer noch Lust aufs Provisorium?
Im Opernhaus habe ich sogar noch „Carmen“ dirigiert – die alte Inszenierung. Also, ich komme immer wieder gerne nach Köln, ich liebe die Stadt und dieses Haus. Jeder weiß ja, mit was er hier zu rechnen hat. Ich finde übrigens die Akustik im Staatenhaus nicht so schlecht, wie sie oft gemacht wird. Ein Problem ist natürlich das Fehlen des Orchestergrabens. Das Orchester ist tendenziell zu laut, der Dirigent muss immer wieder für einen guten Ausgleich mit den Sängern sorgen. Das Gürzenich-Orchester setzt das gut um – und ist zudem sehr flexibel. Die können das französische Repertoire.
Und die Schwierigkeiten machen Ihnen letztlich nichts aus?
Wir haben hier ein spannendes Repertoire, und jedes Mal gibt es neue Probleme zu bewältigen. Das ist fordernd – aber ich liebe das Experiment.
Sie sind Straßburger – mit einem sehr französischen Vor- und einem sehr deutschen Nachnamen. Macht das etwas mit Ihnen?
Es ist schon etwas Besonderes und ein Vorteil, an der Schnittstelle oder im Überlappungsfeld der beiden Kulturen sozialisiert worden zu sein. Sehen sie: Meine Großeltern waren erst Deutsche, dann Franzosen, dann wieder Deutsche und schließlich erneut Franzosen. Ich merke diese meine Herkunft immer wieder – etwa wenn man mich in Deutschland gerade fürs französische und italienische Repertoire verpflichtet – und in Frankreich bevorzugt fürs deutsche.
ZUR PERSON
Claude Schnitzler, 1949 in Straßburg geboren, studierte am Konservatorium seiner Heimatstadt Musik, bevor er zum Dirigierstudium ans Salzburger Mozarteum ging. 1971 wurde er Titularorganist an der Straßburger Kathedrale. Seit 1986 ist er Chefdirigent an der Opéra du Rhin seiner Heimatstadt. Schnitzler ist als Gastdirigent an den führenden europäischen Opernhäusern und auch als Konzertdirigent tätig .
„Carmen“ hat am Sonntag,
18 Uhr, im Saal I des Staatenhauses Premiere. Lydia Steier führt Regie, Claude Schnitzler dirigiert das Gürzenich-Orchester. Adriana Bastidas-Gamboa ist in der Titelpartie zu hören, Martin Muehle singt den Don José. (MaS)
Foto: Enrique Ponc de León
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