Abo

Interview mit Ellen Page„Es gibt eine Doppelmoral“

5 min
Ellen Page 040416

Ellen Page bei der Präsentation des Films „Freeheld“ in Berlin.

  1. Ellen Pages neuer Film „Freeheld“ zeigt den Kampf eines lesbischen Paares für die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare.
  2. 2014 hatte die Schauspielerin ihr Coming-out.
  3. Bekannt geworden war sie mit dem Film „Juno“ über eine Teenager-Schwangerschaft.

Ellen Page, Ihr neuer Film „Freeheld“ erzählt vom Kampf eines lesbischen Paares um gleiche Rechte im Jahr 2005. Zehn Jahre später, kurz vor US-Kinostart des Films, wurde die Homo-Ehe in den USA endlich vom Supreme Court legalisiert. Haben Sie das vorhergesehen?

Vielleicht könnte man sagen, dass die Thematik in der Luft lag. Die Unterhaltungsindustrie ist ja in der Regel ein Spiegel dessen, womit sich die Kultur und die Gesellschaft auseinandersetzen. Schon vor dem Gerichtsurteil hatte sich die öffentliche Meinung längst zugunsten der Ehe für alle verändert, Toleranz und Interesse für schwul-lesbische Geschichten wuchsen. Darauf reagiert unsere Industrie natürlich.

PAge Moore 040416

Julianne Moore (l) als Laurel Hester und Ellen Page als Stacie Andree in einer Szene des Kinofilms "Freeheld".

Läuft es auch andersherum? Können Film und Fernsehen die Gesellschaft verändern?

Manchmal sicherlich. Sichtbarkeit ist dabei sicher das Schlagwort. Je mehr solcher Geschichten das Publikum sieht, desto selbstverständlicher geht es mit dem Thema um. Aber das geht auch nicht immer über Nacht. Erinnern Sie sich an das Coming-out von Ellen DeGeneres. Die verlor damals ihre Sitcom und arbeitete vier Jahre lang nicht. Heute hat sie die wahrscheinlich meistgesehene Nachmittags-Talkshow Amerikas. Sie ist nur eine einzelne Person, aber wenn sie über Homo-Themen spricht, dann hat das eine enorme Wirkung. Auch Serien wie „Will & Grace“ oder „Modern Family“ haben viel verändert. Ganz zu schweigen von „Orange is the New Black“ und speziell Laverne Cox, wenn es um Trans-Akzeptanz geht.

Viel glücklicher nach dem Coming-out

Apropos Veränderung: Wie hat sich Ihr Leben verändert seit dem eigenen Coming-out 2014?

Zu hundert Prozent  und ausschließlich auf positive Weise. Ich hatte damals im Vorfeld natürlich erwartet, dass ich nach dem öffentlichen Coming-out glücklicher sein würde. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich so viel glücklicher sein würde. Ich fühle mich wie ein anderer Mensch. Und ich glaube, dass das jeder, der mich lange und gut kennt, bestätigen kann.

Beruflich hatte die Entscheidung keine negativen Auswirkungen?

Nein, mir geht’s auch in der Arbeit besser. Einfach, weil ich glücklicher bin. Ich hatte für eine ganze Weile meine Begeisterung und meinen Ehrgeiz in Sachen Schauspielerei verloren. Doch nach dem Coming-out fühlte ich mich wieder inspiriert und spürte kreative Energien. Ich will wieder Geschichten erzählen, will produzieren. Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass sich an meinen Rollenangeboten rein gar nichts ändert, jetzt, wo ich als lesbische Schauspielerin bekannt bin. Aber bislang sind noch kaum Nachwirkungen zu spüren.

Wundern Sie sich im Nachhinein, dass Sie sich nicht viel früher zum Coming-out entschieden haben?

Was heißt wundern ... Zwei Jahre später ist es kaum noch vorstellbar, nicht out zu sein. Wenn ich mit meiner Freundin unterwegs bin, verschwende ich keinen Gedanken daran, wie es war, als ich diese Seite meines Lebens versteckt habe. Aber natürlich weiß ich noch, wie das war. Welche Ängste und Vorstellungen ich hatte. Der Druck, den ich mir damals gemacht habe, war enorm, und ich war wirklich überzeugt davon, dass so ein Schritt sich unmöglich mit meiner Karriere vereinbaren ließe.

„Es fühlte sich wie eine Lüge an“

Sie hatten Angst, nicht mehr zu arbeiten?

Irgendwie schon. Niemand sagt einem das offen ins Gesicht, aber irgendwie gilt es als ungeschriebenes Gesetz, dass man seine Karriere vergessen kann, wenn man in Hollywood als junger erfolgreicher Schauspieler offen zu seiner Homosexualität steht. Deswegen macht es ja kaum einer, weswegen es kaum Fälle gibt, die uns eines Besseren belehren.

Waren Sie selbst sich Ihrer eigenen Identität stets bewusst?

Wie wahrscheinlich jeder, war auch ich als junger Erwachsener noch damit beschäftigt, herauszufinden, wer ich wirklich bin. Und das ist nicht einfach, wenn man im Alter von 20 Jahren plötzlich über Nacht seine Anonymität verliert, so wie es mir durch den Erfolg von „Juno“ ging. Aber schon damals war ich in einer Beziehung mit einer Frau, die ich sehr geliebt habe. Ich war nur vollkommen überfordert damit, das mit meinem neuen beruflichen Leben zu vereinen.

Erfolgreiche Schauspielerinnen werden immer auch nach ihrem Privatleben befragt. Wie gingen Sie damals damit um?

Ich glaube, ich war noch jung genug, um nicht ständig gefragt zu werden, ob ich denn meinen Traummann schon gefunden habe. Wollen Sie irgendwann einmal heiraten und Kinder bekommen? Das kam ab und zu, und darauf konnte ich wahrheitsgemäß antworten: ja, sicher, vielleicht. Hätte mich jemand direkt gefragt, ob ich lesbisch sei, hätte ich es nicht geleugnet. Aber auch so fühlte es sich wie eine Lüge an, nie darüber gesprochen zu haben.

Man könnte auch argumentieren, dass das Privatleben sowieso niemanden etwas angeht ...

Sicher, und es bleibt jedem selbst überlassen, so damit umzugehen und zum Beispiel auf ein Coming-out zu verzichten. Aber lassen Sie  es mich so sagen: Ich sehe eigentlich nie heterosexuelle Schauspieler, die mühsam ihre sexuelle Orientierung verstecken, damit sie nicht darüber sprechen müssen. Für mich geht es da um eine Doppelmoral, die ziemlich destruktiv wirkt. Zumindest war es in meinem Fall so. Ganz gleich ob mein Privatleben jemanden angeht oder nicht, war dieses Versteckspielen Gift für mich. Ich fühlte mich unwohl, war traurig und verlor sogar das Interesse an meinem Beruf. Mir kann keiner erzählen, dass es nicht zum Problem wird, wenn man dauerhaft versteckt, wer man wirklich ist.