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Interview mit Juliette Binoche„Gefühle sind universell verständlich“

5 min

Juliette Binoche

  1. In ihrem neuen Film „La Vérité” verkörpert die französische Schauspielerin die Tochter von Catherine Deneuve.
  2. Dieser nahe zu kommen, sei alles andere als einfach gewesen.
  3. Älterwerden beschreibt Binoche als die Fähigkeit, wieder Demut zu lernen.
  4. Zwischen einem großen Hollywood-Film und einer kleinen Arbeit mit einem japanischen Regisseur sieht sie kaum Unterschiede.

KölnMadame Binoche, wie kamen Sie und der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda zusammen?

Wir lernten uns schon vor 14 Jahren kennen und beschlossen damals, dass wir irgendwann einmal zusammen arbeiten wollen. Hat etwas gedauert, aber natürlich war ich sofort begeistert, als er schließlich ein passendes Projekt für mich hatte.

Ist es nicht seltsam, mit einem Regisseur zu arbeiten, der weder Französisch noch Englisch spricht?

Anders als er immer behauptet, versteht er durchaus ein wenig Englisch! Und es ist am Set immer ein Übersetzer dabei, falls es etwas zu besprechen gibt. Das war auch in der Arbeit mit Hou Hsiao-Hsien oder Abbas Kiarostami so. Aber wenn ich einen Film drehe, dann funktioniert Kommunikation ohnehin nicht zwangsläufig über Sprache. Für alles, was mit Worten zu tun hat, gibt es das Drehbuch. Doch darüber hinaus geht es vor allem um Gefühle, und die sind universell verständlich. Genau wie die Stille.

In „La Vérité – Leben und lügen lassen“ spielen Sie eine Autorin, die im Schatten ihrer erfolgreichen Schauspieler-Mutter steht. Wie war es, die Tochter von Catherine Deneuve zu verkörpern?

Wir kannten uns vor dem Dreh nur flüchtig, aber natürlich hatte ich sie schon als Kind im Fernsehen gesehen, in den Filmen von Jacques Demy. Dass sie nun plötzlich meine Mutter war, hatte deswegen etwas Kurioses. Ich habe dann versucht, ihr so nahe wie möglich zu kommen, was gar nicht so leicht war. Dass ich sie zum Beispiel beharrlich geduzt habe, hat sie sehr irritiert und erst einmal auch nicht erwidert. Irgendwann habe ich sogar angefangen zu rauchen, weil sie das ja ständig tut.

Es ist ja ein altes Klischee, das Schauspielerinnen und Schauspieler gute Lügner sind. Welches Verhältnis haben Sie in Ihrer Arbeit zur Wahrheit?

Kunst ist ja immer ein Ausdruck von Gefühlen und Erfahrungen. Das gilt auch für die Schauspielerei. Ein Kunstwerk muss also immer aus einer gewissen Wahrhaftigkeit entstehen, daran gibt es nichts zu rütteln. Wenn beispielsweise ein Autor nicht wahrhaftig schreibt, dann merkt man das. Und ich als Schauspielerin kann das dann nicht spielen, wenn ich in jedem Satz spüre, dass er nicht authentisch ist. Es geht nicht darum, dass alles wahr sein muss, schließlich ist jeder Spielfilm Fiktion. Aber der Kern muss der Wahrhaftigkeit entsprungen sein.

Sie drehen sehr viele und höchst unterschiedliche Filme. Suchen Sie nach größtmöglicher Abwechslung?

Nicht unbedingt. Aber ich suche immer nach Projekten, die mich etwas Neues entdecken und erleben lassen. Und vor allem nach spannenden Menschen, denn wichtiger als eine bestimmte Rolle sind für mich immer die Personen, mit denen ich kollaboriere.

Aber die Arbeit ist sicher eine andere, ob man eine große Hollywood-Produktion dreht oder einen kleinen Film mit einem Regisseur aus Japan.

Für mich als Schauspielerin macht das kaum einen Unterschied. Das, was ich leisten muss, ist in beiden Fällen das gleiche. Allerdings muss ich sagen, dass es Fälle wie „Ghost in the Shell“ gab, wo so viel Geld im Spiel war, dass die Anspannung beim Dreh spürbar anders war.

Verbringen Sie eigentlich jede freie Minute mit dem Lesen von Drehbüchern?

Oh nein, das ist nichts, was ich nebenbei machen könnte. Wenn ich ein Skript lese, dann mit voller Aufmerksamkeit, das kostet richtig Zeit und Energie. Meistens merke ich schon nach ein paar Seiten, ob ich mit der Geschichte etwas anfangen kann. Aber selbst wenn nicht, lese ich bis zum Ende. Das finde ich nur fair, und außerdem kann ich nur dann eine Absage begründen.

Auch mit 55 Jahren drehen Sie einen Film nach dem anderen. Ist Älterwerden für Sie ein Kinderspiel?

Beruflich kann ich mich nicht beschweren.

Und sonst?

Älterwerden heißt allgemein, wieder Demut zu lernen und das eigene Ego runterzuschreiben. Ein langwieriger und schmerzhafter Prozess, denn als junge Menschen waren wir es gewöhnt, im Vollbesitz unserer Kräfte zu sein. Wir fühlten uns mächtig und wichtig und genossen das in vollen Zügen. Es fühlt sich unglaublich unfair an, wenn man zu spüren beginnt, dass all das immer weniger wird.

Ist Alter nur Verlust? Oder gewinnt man auch etwas dazu?

Klar, Erfahrungen und Reife ziehen eine gewisse Freiheit nach sich. Die entwickelt sich letztlich aus dem Verlust, denn die Dinge, um die man sich Sorgen machen könnte, sind oft schlicht nicht mehr da. Weil vieles von den Oberflächlichkeiten wegfällt, besinnt man sich auf die essenziellen Dinge. Davon kann man sich verunsichern lassen. Aber eigentlich sorgt es für mehr Entspannung und Toleranz. Und für weniger Ernsthaftigkeit. Ich habe jedenfalls immer mehr Humor hinzugewonnen, je älter ich wurde. Und das hilft ohne Frage sehr!

Das Gespräch führte Patrick Heidmann

ZUR PERSON

Juliette Binoche, 1964 in Paris geboren, ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen Frankreichs. Sie spielte bereits in mehr als 40 Filmen mit, ist Oscarpreisträgerin (beste Nebendarstellerin für „Der englische Patient“) und war im vergangenen Jahr Jurypräsidentin der Berlinale.

Ihr neuer Film „La Vérité – Leben und lügen lassen“ von Hirokazu Kore-eda läuft seit dieser Woche in den deutschen Kinos.