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Interview

Preisgekrönter Pianist
Wie Louis Philippson Klassik auf Tiktok populär macht

6 min
Ein Mann neigt sich über ein Klavier.

Louis Philippson ist Pianist und „Klassik-Influencer“.

Er erreicht Millionen in den sozialen Medien. Im Interview erklärt der 22-Jährige, was ihn am Klassik-Betrieb stört und warum er mit traditionellen Konzertnormen bricht.

Herr Philippson, Sie werden als Pianist, „Klassik-Influencer“ oder Komponist betitelt. Mit welcher Bezeichnung fühlen Sie sich am besten beschrieben?

Ich glaube, der Kern von dem, was ich mache, ist das Klavierspielen. Ich liebe es, mich und meine Kunst in den sozialen Medien mitzuteilen, und ich mag es auch, zu komponieren, aber ich bin vor allem einfach Pianist.

Sie sind mit acht Jahren Jungstudent an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf geworden. Welche Musik hat Sie als Kind fasziniert?

Meine Eltern haben nicht viel mit klassischer Musik zu tun. Die ersten Namen, die ich begriffen habe, waren Britney Spears und Michael Jackson. Mein Vater hat mir das immer auf Kopfhörern vorgespielt, um mich zu beruhigen. Das waren meine ersten Impressionen von Musik. Aber wir hatten zu Hause auch ein altes DDR-Klavier stehen, und darauf habe ich früh angefangen zu spielen. Als wir von Berlin nach Mülheim gezogen sind, bin ich zur Musikschule gegangen und dort habe ich die Klassik kennengelernt. Seitdem war sie meine Hauptinspiration. Da kam nichts anderes mehr ran.

In den sozialen Medien schauen Millionen Ihre Videos – trotz klassischer Musik. Woher kommt der verbreitete Gedanke, dass sich Social Media und Klassik vermeintlich ausschließen?

Ich werde oft gefragt, ob ich den Begriff „Klassik-Influencer“ schlimm finde, weil Influencer häufig negative Assoziationen hervorrufen. Ich finde diesen vermeintlichen Gegensatz interessant und glaube, das hat viel damit zu tun, dass wir soziale Medien oder das Influencer-Sein mit etwas Alltäglichem beziehungsweise Jugendlichem verbinden. Bei klassischer Musik ist das nicht so. Ich mochte sie schon immer und hätte mir früher trotzdem gewünscht, sie nicht so vorgelebt zu bekommen, wie sie nach außen wahrgenommen wird: abgehoben und realitätsfern. So ist klassische Musik nicht. Als Künstler macht mir das ja Spaß. Das ist der Grund, wieso ich das mache, und nicht, um mich abzugrenzen.

Klassische Musik als Distinktionsmittel

Inwiefern wirkt die Klassik abgehoben?

Ich denke, es ist wirklich die Art der Vermittlung. Alles hat seine Daseinsberechtigung, und ich finde es auch gut, wenn Regeln eingehalten werden. Wenn ein Konzertveranstalter oder ein Künstler möchte, dass Zuhörer sich im Konzert nach einem Dresscode richten und zwischen den Sätzen nicht klatschen, dann ist das so. Aber ich bin mir sicher, dass das so nicht angedacht war.

Wie dann?

Mozart war so ein verrücktes Partytier, hat wirklich jeden Scheiß gemacht und war auch zu seiner Zeit nahbar. Er hat nicht nur steif am Klavier gesessen und fein die Fingerchen gehoben. Auch romantische Komponisten, Liszt oder Chopin, waren Stars, die haben Drama gemacht auf der Bühne. Menschen sind umgekippt in deren Konzerten. Das kommt ganz sicher nicht davon, dass sie dort sitzen und wie ein ängstliches Häschen spielen.

Ich begreife auch nicht, warum es verpönt sein soll, zwischendurch in der Oper zu klatschen. In vielen Werken sind Klatschpausen beim Komponieren mit einkalkuliert worden. Das ist ein Verbot von Menschlichkeit, finde ich.
Louis Philippson, Pianist und „Klassik-Influencer“

Woher kommt denn aus Ihrer Sicht dieses Image?

So richtig kann ich es mir auch nicht erklären. In meiner Kindheit wurde mir so oft gesagt, dass ich beim Klavierspielen gerade sitzen soll. Mir wurde dann ein Brett hinten am Rücken befestigt, damit ich mich nicht bewege, während ich spiele. Das ist crazy, weil das allein physikalisch schon gar keinen Sinn ergibt. Du musst ja irgendwie deine Motorik auf die Tasten überleiten. Ich begreife auch nicht, warum es verpönt sein soll, zwischendurch in der Oper zu klatschen. In vielen Werken sind Klatschpausen beim Komponieren mit einkalkuliert worden. Das ist ein Verbot von Menschlichkeit, finde ich. Es ist eine Entwicklung, die eigentlich nichts mit klassischer Musik zu tun hat, sondern später aufkam, um es den Leuten schwerer zu machen, um da ein Distinktionsmerkmal reinzubekommen.

Was machen Sie bei Ihren Konzerten anders?

Obwohl ich oft in ganz normalen Sälen spiele, sage ich am Anfang, dass ich das Handyverbot aufhebe. Anfangs hat das die Veranstalter irritiert, aber ich finde es nicht schlimm, wenn meine Konzertbesucher bestimmte Momente mitfilmen. Daran merke ich, dass sie das Konzert schön finden oder diesen Moment mit ihren Freunden teilen wollen. Ich glaube, solche Verbote schränken die Menschen ein und sorgen für Hemmungen, zu klassischen Konzerten zu gehen. Ich finde das nicht zeitgemäß.

Erste Tour in kurzer Zeit ausverkauft

Bekommen Sie Rückmeldungen, dass junge Menschen ihretwegen angefangen haben, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen?

Hundertprozentig. Bevor ich auf Tour gegangen bin, war ich mir unsicher, ob sich das, was ich auf Social Media mache, wirklich auf die Bühne übersetzen lässt. Zwar haben mir online Zuschauer geschrieben, dass sie eigentlich nichts mit Klassik zu tun hatten, aber wegen mir angefangen haben, Klavier zu spielen. Trotzdem waren meine Erwartungen nicht unbedingt, dass sie zu mir ins Konzert kommen würden. Das war magisch, weil wir die erste Tour so schnell ausverkauft hatten, dass wir direkt noch eine zweite gemacht haben. Auf den Konzerten haben mir die Leute dann persönlich gesagt, dass sie viel offener für die Musik und für klassische Konzerte sind, seit sie meine Videos gucken.

War der Grund, mit Social Media anzufangen, ein neues Publikum zu erschließen?

Nein, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Der klassische Weg ist: Du machst Wettbewerbe, und wenn du da gut performt hast, kriegst du einen Vertrag und wirst zu Klassik-Festivals geschickt. Grundsätzlich geht es ja weniger darum, dass du als Person die Menschen anziehst. Die Leute kommen zum Konzert, weil du Tschaikowskys erstes Klavierkonzert spielst oder für jemanden einspringst, und nicht unbedingt, weil du es bist.

Weswegen haben Sie dann mit Social Media angefangen?

Ehrlich gesagt, weil mir langweilig war im Familienurlaub. Meine Schwester und ich haben zusammen Videos aufgenommen – zum Beispiel einen Vlog aus dem Disneyland. Davor hatte ich echt nichts mit Social Media zu tun. Ich habe noch nicht mal mein Gesicht gepostet. Tiktok war eine neue Sache, es war zugänglich und hatte niedrige Einstiegshürden. Wir haben die Videos gepostet, und die gingen für meine Ansprüche damals relativ viral.

Klassik-Content auf Tiktok

Und wie kam die klassische Musik dazu?

Nach dem Urlaub wollte ich das mit Social Media weitermachen, weil es mir Spaß gemacht hatte, und ich hatte auch schon um die 10.000 Follower. Aber als ich zurückkam, gab es keine interessanten Sachen, die ich zum Vlog machen konnte. Meine Schwester und ich saßen eigentlich nur zu Hause und haben den ganzen Tag gelernt, meine Eltern waren arbeiten. Dann habe ich einfach angefangen, das, was ich den ganzen Tag tue, mitzufilmen: Klavier üben. Ich dachte, das ist das, was mich am meisten ausmacht, was mir am meisten Spaß macht. Meine Erwartungshaltung war, dass das Interesse schnell wieder abflacht und ich wieder aufhöre. Witzigerweise fing es dann erst richtig an, Traktion zu kriegen. Es hat sich recht schnell weiterentwickelt.

Der Tiktok-Algorithmus gilt als unberechenbar. Haben Sie trotzdem das Gefühl, dass bestimmte Klassik-Themen besser oder schlechter funktionieren?

Nicht wirklich. Im Endeffekt ist es eine Lotterie. Natürlich versucht man zu analysieren, aus welchen Gründen ein bestimmtes Video mehr Aufrufe bekommen hat, aber das hat in der Regel keine belastbare Aussagekraft. Ich mache mich da nicht verrückt und poste immer das, was mich gerade interessiert und worauf ich Lust habe. Das kann auch etwas Musikhistorisches sein. Vor kurzem habe ich darüber geredet, dass sich Robert Schumann die Finger mit einer Fingerhebemaschine kaputtgemacht hat, weil er wollte, dass sie unabhängig sind. Das hat besser performt als viele andere Videos.

Haben Sie ein Lieblingsformat auf Ihrem Tiktok-Kanal?

Ich würde sagen, unspielbare Stücke zu spielen.

Was bedeutet das?

Das sind technisch sehr schwierige Stücke, weil viele Noten gleichzeitig und in schneller Abfolge gespielt werden müssen, die Akkorde eine Handspanne erfordern, die kein Mensch besitzt, oder die verwirrende Anweisungen haben. Das ist ein Trend, der gerade auf Tiktok viral geht, aber als ich damals angefangen habe, war es ganz neu. Wirklich unspielbar sind die meisten Stücke natürlich nicht, und ich liebe es, dann aufzulösen, dass es gar nicht so schwer ist, wie man denkt.


Louis Philippson ist 22 Jahre alt, wuchs in Mülheim an der Ruhr auf und lebt mittlerweile in Berlin. Über seinen Tiktok-Kanal „louisphilippson“ erreicht der Pianist mit Vlogs, Klavierinterpretationen oder eigenen Kompositionen Millionen Menschen. Noch vor dem Start seiner „Klassik für alle“-Tour 2025 kündigte er weitere Termine für dieses Frühjahr an. Philippson wurde zweimal mit dem Musikpreis Opus Klassik ausgezeichnet – unter anderem für sein Debütalbum „Exposition“.