Gastspiel mit Seltenheitswert: Kabuki-Star Nakamura Takanosuke gewährt im Japanischen Kulturinstitut Köln Einblick in die hohe Kunst der Frauendarstellung.
Kabuki-Theater in KölnWas man sonst nur in Japan zu sehen bekommt

Der Kabuki-Darsteller Nakamura Takanosuke gastiert in Köln in der Rolle der Glyziniendame
Copyright: Watanabe Fumio
Wir üben uns in Liebreiz, wir wollen Frauen sein. Zeichnen mit angewinkelten Köpfen die Schwünge des Kana-Zeichens „no“ nach, eine um 90 Grad nach rechts gekippte „6“. Wickeln uns ein dünnes Tenugui-Handtuch um die Zeigefinger, halten es uns vor die Münder, werfen peinlich berührte, dem Flirten jedoch nicht ganz abgeneigte Blicke über den Baumwollstoff. Oder versuchen es zumindest.
Man müsse, wolle man mit seinen Kopfbewegungen die Weichheit der Frau zeigen, Brust- und Nackenmuskeln verwenden, ermahnt Kamimura Orinosuke. Er trägt das formelle Kostüm des Koken, des Assistenten im japanischen Kabuki-Theater. Heute assistiert er nicht nur dem Kabuki-Darsteller Nakamura Takanosuke, der mit mannhaft-starker, vom scharfen Klang eines geschlagenen Brettes betonter Mie-Pose auftritt – ein Bein ausgestreckt, den Körper weit nach unten gedrückt. Sondern er hilft uns allen (gedolmetscht von Japanologie-Professor Andreas Regelsberger), die sich hier, im Saal des Japanischen Kulturinstituts am Aachener Weiher, an zwei Abenden versammelt haben, um einen nicht nur in Europa, sondern auch in Japan äußerst seltenen Einblick hinter die Kulissen der mehr als 400 Jahre alten Kabuki-Tradition zu erhaschen.
Gestandene Männer verkörpern im Kabuki die zarte Weiblichkeit
Genauer gesagt, in die Kunst der „Onnagata“, der Darstellung weiblicher Rollen durch männliche Schauspieler. Man kennt das vom nahezu zeitgenössischen Shakespeare-Theater, doch der Vergleich hinkt, denn die Kunstform Kabuki geht auf das Schreinmädchen Izumo no Okuni zurück, das mit einer rein weiblichen Truppe Tanz und komödiantische Stücke in dieser neuen, exzentrischen und aufreizenden Form in einem ausgetrockneten Flussbett und im Kitano-Schrein in Kyoto aufführte. Damals spielten die Frauen auch die Männerrollen. Diese Aufführungen wurden bald so populär, dass sie verboten wurden. So höflich zumindest drückt es zumindest Nakamura Takanosuke aus.
Okuni hatte für ihre Truppe ausgestoßene und ausgegrenzte Frauen engagiert, vor allem Sexarbeiterinnen – und es war wohl diese Verbindung zur Prostitution, die das Shogunat Frauen ganz generell von der Bühne verbannen ließ. Das Problem blieb bestehen, nachdem Jünglinge ihre Rollen übernahmen, weshalb es bis heute gestandene Männer sind, die zarte Weiblichkeit verkörpern.
Der Frauenbann bestand nur knappe 40 Jahre, doch in dieser Zwischenzeit war eine große Tradition geboren worden: Nakamura Takanosuke, Jahrgang 1999, ist der Sohn und Schüler der Kabuki-Legende Nakamura Tomijuro V, einem als „Lebender Nationalschatz“ ausgezeichneten Darsteller, der selbst aus einer Theaterfamilie stammte. Sein Großvater, erzählt Takanosuke nicht ohne Stolz, habe ein wichtiges Traktat über das Wesen der Onnagata verfasst. Er führt die Tradition seiner männlichen Vorfahren fort, bald wird er selbst den Ehrennamen Nakamura Tomijuro tragen, als Sechster seiner Linie.

Kabuki-Darsteller Nakamura Takanosuke, abgeschminkt
Copyright: Tadao Matsuda
Was ihn nach Europa geführt hat, ist nicht zuletzt der Erfolg des Films „Kokuho – Meister des Kabuki“, den in Japan 14 Millionen Menschen im Kino gesehen haben. Lange nicht mehr, war das Theater der Edo-Zeit in seiner Heimat so populär.
Jetzt nimmt der jüngste Spross hinter seinem hölzernen Toilettentisch Platz, Kabuki-Spieler schminken sich selbst, das ist Teil der Kunst. Eigentlich, so der Assistent, gelte der Backstage-Bereich als tabu. Doch heute blickt Nakamura Takanosuke anstelle eines Spiegels ins voll besetzte Auditorium, zieht sich eine Kappe über die Haare, und fixiert sie mit einem in spezielles Öl getränkten Band, das seine Stirn nach oben zieht. „Ein Augenlifting ohne Skalpell“, scherzt er, drückt sich die Augenbrauen platt, grundiert sie hautfarben, überpinselt sie mit maskenhaft-weißer Pigmentpaste, klopft sie mit einem Schwamm glatt. Als Gesicht und Nacken geweißt sind, der Nasenrücken mit hellem Strich hervorgehoben wurde, folgen leichte Rosatöne um Augen und Wangen, dann noch einmal helle, kräftigere Rottöne um Augen und Mund, zur Betonung, sagt Nakamura Takanosuke, von femininer Sanftheit und Sinnlichkeit (bei Bösewichten setzt man entsprechend schwarze Akzente).
Das Schwierigste sei die perfekte Symmetrie der Augenbrauen
Das Schwierigste sei die perfekte Symmetrie der Augenbrauen, kommentiert Kamimura Orinosuke, während der Frauendarsteller beim Nachziehen der Striche die Luft anhält. Den ungeübten Blick mögen diese Bewegungen an die „Werk Room“-Szenen aus „RuPaul's Drag Race“ erinnern, und tatsächlich kann man Gemeinsamkeiten zwischen Drag-Kultur und Onnagata-Tradition entdecken: Es geht weniger um eine perfekte Simulation weiblichen Verhaltens als um die Suche nach der Essenz des Femininen. Und in beiden Fällen haben immer wieder „reale“ Frauen die Gestik, Kleidung und das Make-up der trainierten Frauendarsteller nachgeahmt, weil nun mal nichts echter wirkt als die Imitation.
Ebenso spektakulär wie die Schminkroutine fällt das Anlegen des Kimonos aus. Ein Kostümassistent erscheint, legt das seidene Unterkleid an, den mit Glyzinienmustern reich bestickten Kimono, den breiten, noch kostbarer verzierten Obi-Gürtel. Dann folgt der Perückenmeister. Zwei Kilo, erläutert der Assistent, wiege die für die Kopfform des Schauspielers maßgefertigte Perücke, zwei Stunden dauere es, sie zu frisieren. Es ist nicht leicht, eine Frau zu sein.
Nach einer kurzen Umbaupause ist es dann endlich so weit. Der Vorhang öffnet sich wieder, Nakamura Takanosuke trippelt, nein: schwebt als Glyziniendame – „Fujimusume“ – auf die Bühne, elegant, mit den jetzt ebenfalls weiß geschminkten Händen blauregengleich gestikulierend, und jede dieser Gesten und koketten Blicke unter dem schwarzen Lackhut ist mit Bedeutung aufgeladen – und doch nie eindeutig. Es ist ein Code, der nicht völlig entschlüsselt werden will. Die ästhetische Wirkung schlägt den Sinn und die praktische Vernunft.
Ein letztes Mal assistiert der Koken beim Hikinuki, dem blitzschnellen Kostümwechsel, zieht an den Heftfäden, durch die der zweite, unter dem oberen liegende, Kimono von Nakamura Takanosuke enthüllt wird. Und auch als Zuschauer fühlt man sich nach dieser Aufführung augenblicklich verwandelt.
