Eva Umlauf und die Journalistin Susanne Siegert engagieren sich gegen das Vergessen. Beide sprachen bei der lit.Cologne über die Wichtigkeit eines zeitgemäßen Gedenkens.
Holocaust-Überlebende Eva Umlauf„Die Angst ist wieder da. Juden werden wieder bedroht“

Die Holocaust-Überlebende Eva Umlauf trat bei der lit.Cologne 2026 auf.
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Die Jewish Claims Conference schätzt das Durchschnittsalter der noch nicht verstorbenen Holocaust-Überlebenden auf 87 Jahre. Es ist absehbar, dass bald keine Zeitzeugen mehr von ihren Erfahrungen berichten können. Eva Umlauf, geboren 1942 in Novaky, einem „Arbeitslager für Juden“ in der Slowakei, kann noch davon erzählen. Sie ist eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz und hat Anfang März das Buch „Genau so fängt es an“ veröffentlicht. Darin diagnostiziert sie ein schwindendes Bewusstsein für die Schrecken der Shoah bei gleichzeitig zunehmenden gewalttätigen antisemitischen Übergriffen.
Das erste Kapitel hat Umlauf, die im vergangenen Jahr das Amt der Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees übernahm, „Nie wieder? Schon wieder“ genannt. Daraus liest die 83-Jährige am späten Montagnachmittag als Gast der lit.Cologne in den Ballonie-Hallen. Es geht um das Gefühl, das sie und ihr Mann hatten, als sie nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, nach München gingen, um sich eine neue Existenz aufzubauen – im Land der Täter.
Hoffnung auf Schwinden des Antisemitismus war eine Illusion
Der Antisemitismus sei ja nicht über Nacht aus den Köpfen verschwunden, so Umlauf. „Doch unsere Hoffnung war, dass die Zeit gegen Hass und rechtsradikale Ideologien arbeitet, dass aus der Lehre der Geschichte eine Verantwortung erwächst.“ Diese Hoffnung, das wisse sie heute, sei eine Illusion gewesen. „Die Angst ist wieder da. Juden werden wieder bedroht, Synagogen werden wieder angegriffen, jüdische Gräber geschändet und mit Naziparolen beschmiert, jüdische Künstler und Intellektuelle boykottiert.“
Deutschland mache viel für die Erinnerungskultur, betont Umlauf. Trotzdem schwinge an den Gedenktagen immer eine Form von Pflichtgefühl mit. Ein modernerer Ansatz, der berücksichtige, dass die Zeitzeugen bald nicht mehr da sind, sei ein Projekt, bei dem Interessierte mit Holocaust-Überlebenden durch eine spezielle Hologramm-Technik in ein Gespräch eintreten können. Auch Umlauf wirkte daran mit.
Gedenkarbeit statt Erinnerungskultur
Digitale Aufklärungsarbeit betreibt auch die Journalistin Susanne Siegert. Mit ihrem Kanal „@keine.erinnerungskultur“ informiert sie auf Instagram und Tiktok über den Holocaust. Der Name greift auf, was auch schon Eva Umlauf beschreibt: Die Erinnerungskultur wirke in Teilen wie ein fertiges Drehbuch mit vorformulierten Phrasen, ritualisierten Abläufen und immer gleichen Themen und Bildern, die möglichst wenig Reibung erzeugten, sagt Siegert in Köln.
Siegert möchte das aufbrechen und die Menschen bewegen, sich selbstständig mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Dazu gehöre, abseitigere Orte der Nazi-Verbrechen in den Blick zu nehmen, beispielweise das ehemalige Außenlager des Konzentrationslagers Dachau im Mühldorfer Hart, das in der Nähe ihrer Heimat liege. Oder das gemeine Bild der stets auf Versöhnung bedachten Holocaust‑Überlebenden zu relativieren. Siegert nennt das Gedenkarbeit. „Und die beginnt da, wo wir eigene Fragen stellen, Widersprüche aushalten und blinde Flecken benennen – auch unsere eigenen.“

