Die Darbietung von Haydns „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuz“ überzeugte, während die Aufführung von Mozarts Klavierkonzert KV 466 zu steril geriet.
Kölner PhilharmonieJoachim Król trägt Bernhard-Gedichte zu Haydn vor

Rezitierte vor allem aus Thomas Bernhards frühem Gedichtzyklus „In hora mortis“: Schauspieler Joachim Król
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Beim finalen „Erdbeben“ ließ Christoph Poppen es dann so richtig krachen. Da dröhnten die Pauken wahrlich in einer Weise, dass über die Kölner Philharmonie die Apokalypse hereinzubrechen schien. Tatsächlich schafft ja erst dieser beklemmende Schlussteil von Haydns „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuz“ – sie standen beim Abokonzert des Kölner Kammerorchesters kirchenjahreszeitlich passend im Zentrum – den fälligen Kontrast zu der kontemplativen Grundtönung der vorangehenden sieben (mit Einleitung: acht) langsamen Sätze.
Zu viele Adagios selbst für den geduldigen Hörer? Da lauert zweifellos die Falle nachlassender Aufmerksamkeit, der das von Poppen geleitete Orchester allerdings geschickt auswich – mit starken Kontrasten, angeschärften Dissonanzen, dem intensiv herausgestellten „sprechenden“ Charakter der Phrasen, einer eindringlichen dynamischen Dramaturgie zwischen Aufbäumen und Ermattung. Somit bedurfte es also gar nicht des Erdbebens, um das Sonntagnachmittagspublikum bei der Stange zu halten.
Kombination mit Gedichten Thomas Bernhards
Unterbrochen wurden die instrumentalen Darbietungen durch Rezitationen vor allem aus Thomas Bernhards frühem Gedichtzyklus „In hora mortis“, die der Schauspieler Joachim Król beisteuerte. Das ist eine existenzialistische Klage, entstanden aus krankheitsbedingter Todesnähe, die die spätere rebellische Destruktivität des legendären österreichischen Wutpoeten noch nicht ahnen lässt. Król steuerte eine markante Portion Pathos bei, ohne die allerdings peinlich zu übertreiben. Sicher wird es unterschiedliche Meinungen darüber geben, ob diese Musik/Text-Kombi hundertprozentig funktioniert. Der Schreiber dieser Zeilen gibt zu, dass Birgit Minichmayrs im selben Kontext platzierte Lesung aus Wolfgang Herrndorfs Tagebuch „Arbeit und Struktur“ bei ihm einen noch stärkeren, lebensweltlich intensiver berührenden Eindruck hinterließ.
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Begonnen hatte das Konzert nicht so gut, wie es schloss. Gemeinhin gilt KV 466 zu Recht als – neben KV 491 – dramatischstes und düsterstes in der langen Phalanx von Mozarts Klavierkonzerten. Die deutsche Pianistin Luisa Imorde tat indes alles Erdenkliche, ihm diesen Charakter auszutreiben. Emotionen und expressive Kontraste erstickten da förmlich unter der Politur eines unverbindlich-distanzierten, temperamentarmen, ja aseptischen Schönklangs (von dem sich in diesem Fall leider auch das Orchester anstecken ließ). Das war in diesem Fall kein Problem des pianistischen Könnens, sondern der Auffassung, des grundständigen Zugangs zu Mozarts Klangsprache. Auch Makellosigkeit kann halt unerfreulich herüberkommen – „a bisserl fad“, hätte möglicherweise ein Wiener Besucher formuliert.
Merkwürdig zudem Imordes Handhabung der Kadenzen: Wer für den ersten Satz das – stilistisch de facto unpassende – Angebot aus Beethovens Feder wählt, sollte zu dieser Entscheidung stehen und nicht im dritten auf eine andere Offerte ausweichen. Ihrer Zugabe, dem Mittelsatz aus Bachs Bearbeitung des bekannten Oboenkonzerts von Marcello, wuchs dann immerhin ein inständiger Lamento-Ton zu.

