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Köln, Klüngel, Karneval„Es war keine einfache Stadt“

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Der unvollendete Kölner Dom um 1840 - gemalt vom englischen Aquarellist Samuel Prout (1783 bis 1852).

Kölner Stadt-Anzeiger: Herr Herres, Sie schreiben, dass Köln im 19. Jahrhundert einen fulminanten Modernisierungsschub erlebte. Wie war das möglich?

Jürgen Herres: Das Spannende an Köln ist, dass diese Entwicklung überhaupt nicht vorherzusehen war. Köln, die ehemalige Reichsstadt, galt als Musterbeispiel für selbst verschuldete Rückständigkeit. Doch dann fand in der Auseinandersetzung mit Preußen eine Selbstfindung in allen Bereichen statt. Ich spreche deshalb von einer Art Gründerzeit.

Aber wie konnte all das Neue so schnell durch die alten Traditionslinien dringen?

Herres: Die 20 Jahre der französischen Herrschaft haben in allen Bereichen grundlegende Veränderungen herbeigeführt: Im Rechts- und im Wirtschaftssystem, die Kirche wurde säkularisiert und der Adel abgeschafft. Damit musste man sich auseinandersetzen, als man wieder zu Deutschland, zu Preußen gehörte. Man akzeptierte nun die Errungenschaften der französischen Zeit und grenzte sich ab von Alt-Preußen. Die Herausforderungen wurden angenommen, um das Leben in der Stadt zu gestalten – das war etwas Positives.

Der Weiterbau des Doms, der 1842 begann, hat diese Identitätsfindung weiter befeuert?

Herres: Der hatte eine sehr hohe symbolische Bedeutung und Auswirkungen für alle Bereiche der Stadt – nicht nur für das Bauwesen, das natürlich auflebte. Wichtig war auch, dass der Weiterbau nicht dem Staat überlassen wurde, sondern dass sehr viele Dombauvereine in ganz Deutschland gegründet wurden. In Köln selbst haben diese Dombauvereine zu einem Demokratisierungsschub geführt. Selbst Handwerker versammelten sich in Stadtteil-Vereinen. Der Dom wurde übrigens zunächst gefeiert als Beispiel für altdeutsche Baukunst. Doch dann musste man rasch feststellen, dass die Gotik eine französische Erfindung war. So kam es auch zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Wie kam denn die Bürgerstadt Köln mit dem preußischen Adel in der fernen Residenzstadt Berlin klar? Herres: Bürgersinn und Unternehmergeist trafen auf autoritäre Staatlichkeit. Spätestens in den 1840er Jahren sagte die Kölner Handelskammer ganz deutlich, dass es wirtschaftliche Entwicklung nicht ohne Freiheit geben könne. Generell war man im Rheinland darauf aus, über die Parlamente politisch mitentscheiden zu können – gegen eine mehr oder weniger konservativ eingestellte Adelselite.

Jürgen Herres, 1955 geboren, ist Historiker in Berlin und Autor des Bandes „Köln in preußischer Zeit 1815–1871“ (Greven, 504 S., 60 Euro). Er erscheint in der „Geschichte der Stadt Köln“.An diesem Donnerstag um 19 Uhr sprechen Historiker Werner Eck und Buchverleger Damian van Melis mit Herres im Kölnischen Stadtmuseum zum Thema. Der Eintritt ist frei.

Zu den Neuerungen zählt der erste Rosenmontagszug 1823. Ging es da ums Feiern oder auch um Kritik?

Herres: Das war eine Initiative junger Leute aus der Oberschicht sowie junger Schriftsteller. Die behaupteten, es ginge ihnen um mehr. Die haben sich nicht zur politischen Opposition erklärt, aber festgestellt, dass es Freiräume geben müsse. Wenn es Probleme mit dem preußischen Staat gab, dann wurden die im Karneval thematisiert. Man befasste sich mit dem Militär, mit der Kirche oder auch mit dem soeben erfundenen Fahrrad, dem Velocipede.

Wie liberal und tolerant waren denn die Kölner im 19. Jahrhundert?

Herres: Das ist eine spannende Frage. Auf jeden Fall hielten sie sich selbst für sehr liberal. Spätestens seit den 40er Jahren sah sich sogar das gesamte Rheinland als liberale Vorzeige-Provinz.

Das ist die Selbstwahrnehmung. Wie aber beurteilt der Historiker die Kölner Toleranz?

Herres: Es war keine einfache Stadt. Armut und Unsicherheit waren groß. Und jeder musste sich plagen. Trotzdem fand eine große Integration von Fremden statt. Allerdings war das in Spannungszeiten anders. Während der ersten Arbeiterdemonstrationen im Jahre 1848 lautete eine Forderung, dass die fremden Arbeiter die Stadt verlassen müssten. Es gab also beides – die Toleranz und die Intoleranz. Aber alles in allem: Es war eine liberale Stadt.

Die Menschen anlockte …

Herres: Viele haben versucht, hier ihr Glück zu finden. Es war eine pulsierende Stadt. Aber auch eine mit großen Umweltproblemen, sobald die Industrie Einzug hielt. Und es gab große Wohnprobleme in der Altstadt aufgrund einer enormen Verdichtung. In den 1820er Jahren hatte noch jede Elementarschule ihren Spielplatz. Aber 40 Jahre später konnten die Schüler nur noch klassenweise auf die Schulhöfe.

Zu den Novitäten des Jahrhunderts zählt auch, dass der Begriff „Klüngel“ erstmals für das Jahr 1837 nachweisbar ist.

Herres: Der Begriff ist natürlich viel älter. Aber im 19. Jahrhundert wird er kennzeichnend für die Kölner Wirtschaftsgesinnung. Interessant ist: Sobald den Kölnern von außen Klüngel vorgeworfen wurde, haben sie diesen Begriff selbst positiv aufgefasst. Das Verhalten wird dann als Ausdruck des Stadtpatriotismus gefeiert.

Ist der Klüngel spezifisch für Köln?

Herres: Klüngel gibt es überall. Spannend ist allerdings, dass ihn die konservativ eingestellten Beamten gegen die Wirtschaft benutzten. Ihnen missfiel der frühkapitalistische Unternehmergeist – und so sprachen sie vom Klüngel, um sich von der Entwicklung zu distanzieren.

Oft ist in Ihrem Band von der Presse die Rede, zumal von der „Kölnischen Zeitung“ und dann auch von der „Rheinischen Zeitung“. Welche Rolle spielte die Presse in Köln?

Herres: Sie war für die Demokratisierungsbewegung sehr wichtig. Das ging zunächst langsam los, aber beschleunigte sich in den 1840er Jahren enorm. Man kann am Schicksal der Kölner Presse erkennen, dass Zensur, also die Reglementierung von Öffentlichkeit, am Ende wenig Wirkung zeigt. Die Presse war sehr bald überhaupt nicht mehr wegzudenken. Es ist bemerkenswert, wie verschiedene Ministerien in Berlin bemüht waren, die „Kölnische Zeitung“ an die Kandare zu nehmen. Der König selbst baute den Druck gegen die freie Presse auf. So ist die Geschichte der „Kölnischen Zeitung“ eng verbunden mit der der Stadt Köln.