Sommerferien – Zeit zu lesen. Aber was? Wir haben uns in der Kölner Literaturszene umgehört und sechs persönliche Buchtipps eingeholt.
Kölner Literaturprofis geben TippsDer beste Lesestoff für diesen Sommer

Ob im Urlaub oder zu Hause in Köln: Am besten lässt sich der Sommer mit einem guten Buch in der Hand genießen.
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„Die Stopptaste des Lebens drücken“

Luise Ritter empfiehlt „Statt aus dem Fenster zu schauen“
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Luise Ritter empfiehlt „Statt aus dem Fenster zu schauen“
Mein absoluter Tipp für den Sommer ist es, sich mit der Picknickdecke, Spaßgetränk und einem guten Buch an den Rhein (oder ans Meer) zu setzen, und zwar mit „Statt aus dem Fenster zu schauen“ von Anna Katharina Scheidemantel. Die zielstrebige Protagonistin entscheidet sich kurz vor ihrem Studienabschluss, auf die Stopptaste des Lebens zu drücken und ein Haus in Brandenburg zu ersteigern – ganz spontan und, wie sich herausstellt, eine Bruchbude.
Doch Sophie kauft es, renoviert es, liebt es und verzweifelt zugleich immer wieder. Wie das Cover selber wirkt das Haus wie eine Projektionsfläche ihrer Träume und Sorgen. Ganz nebenbei findet sie heraus, was sie vom Leben will, zumindest für diesen Sommer. Ein Roman, den ich so mochte, weil er leicht und tiefgründig, literarisch und witzig zugleich ist. Die Geschichte gibt ein gutes Gefühl und lässt einen auch ein bisschen träumen.
Anna Katharina Scheidemantel, „Statt aus dem Fenster zu schauen“, pola, 352 Seiten, 22 Euro
Luise Ritter wohnt in Köln und gründete 2017 den Literaturblog „Aufgeblättert“ – seit 2020 ist Aline Bär aus Hamburg mit dabei. Vor allem geht es um zeitgenössische Literatur, gesellschaftskritische Romane und Sachbücher. Einmal monatlich gibt es auch eine Podcastfolge: „Aufgeblättert – Dein Book Blind Date“.
„Tiefgründige Geschichte und italienisches Flair“

Jens Bartsch empfiehlt „Das Sommerhaus“
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Jens Bartsch empfiehlt „Das Sommerhaus“
Der perfekte Sommerroman und aktuell unser ultimativer Urlaubs-Lesetipp in der Buchhandlung ist „Sommerhaus“ von der britischen Autorin Rachel Joyce. Das Buch vereint wunderbar sommerliche Leichtigkeit und italienisches Flair mit einer sehr tiefgründigen Geschichte – wir sind restlos begeistert.
Der 70-jährige Künstler Vic Kemp ruft seine vier Kinder zusammen, um eine Neuigkeit zu verkünden, alle sind sofort zur Stelle. Nun denn, die Nachricht ist, dass er sich neu verheiraten möchte – mit der 27-jährigen Bella-Mae. Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe und es tun sich viele Fragen auf. Turbulent wird es, als der alte Herr kurz danach in einem ihm sehr vertrauten See ertrinkt und sich die Kinder im Sommerhaus am italienischen Lago d’Orta versammeln, wo sich nun alle Augen auf die undurchschaubare Bella-Mae richten. Aber irgendwann wird klar, dass hier nicht die Kinder die entscheidenden Fragen stellen, sondern diese sich selbst der eigenen Familiengeschichte und ihren eigenen Geheimnissen stellen müssen. Gekonnt entfaltet Rachel Joyce vor sommerlich leichter Kulisse eine unterhaltsam erzählte und psychologisch sehr ausgefeilte Familiengeschichte – einfach nur großartig!
Rachel Joyce, „Sommerhaus“, Thiele Verlag, 480 Seiten, 26 Euro
Jens Bartsch hat die Buchhandlung Goltsteinstraße in Bayenthal 1999 mit seiner Frau Katrin gegründet. Sie wurde im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.
„Traurig und zum Lachen gleichzeitig“

Paula Döring empfiehlt „Botanik des Wahnsinns“
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Paula Döring empfiehlt „Botanik des Wahnsinns“
Wenn alle verrückt sind, wird man dann selbst verrückt? Und was heißt das überhaupt, „verrückt“? Leon Engler erzählt in „Botanik des Wahnsinns“ von der Dysfunktionalität einer Familie, dem Umgang mit psychischen Krankheiten und ihren vermeintlichen Ursprüngen. Gibt es so etwas wie eine (genetische) Vorbestimmung, wie entkommt man dem eigenen Schicksal? Und ist die Flucht weg von den eigenen Wurzeln wirklich die richtige Lösung?
Wir stolpern, lernen und lieben mit dem Protagonisten, der suchend in die Vergangenheit schaut, sich den Herausforderungen der Gegenwart stellt und es wagt, mit zarter Hoffnung in die Zukunft zu blicken. Engler, nicht nur Autor, sondern auch Psychologe, schafft es, über schwere Themen mit Leichtigkeit zu schreiben, holt sich lesend und zitierend Unterstützung bei Bachmann, Bernhardt, Lacan und Freud und begegnet absurden Situationen und Menschen mit Großzügigkeit und großem Humor. Man wünscht dem Erzähler der Geschichte von Herzen alles Gute, ich bin mir sicher, er ist auf einem guten Weg. Selten habe ich einen Roman gelesen, in dem mir die Figuren so ans Herz gewachsen sind und der mich gleichermaßen traurig gestimmt und so zum Lachen gebracht hat.
Leon Engler, „Botanik des Wahnsinns“, DuMont, 208 Seiten, 23 Euro
Paula Döring ist Gründungsmitglied des Vereins Literaturszene Köln und leitet gemeinsam mit Gisela Thomas die.kulturagentur mit Sitz in Köln und Frankfurt a. M. Sie sind spezialisiert auf Booking und PR im Bereich Literatur. Wenn sie nicht gerade liest, geht sie am liebsten ins Kino.
„Ein absoluter Banger“

Juan Guse empfiehlt „Höllenfahrt & Entenstaat“
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Juan Guse empfiehlt „Höllenfahrt & Entenstaat“
Auf eine Weise gehört es sich ja nicht, die eigenen Arbeitskolleginnen über den Klee zu loben, insbesondere, wenn man mit ihnen auf demselben Flur arbeitet, aber ich mache es trotzdem: Monika Rinck hat mit ihrem Gedichtband „Höllenfahrt & Entenstaat“ einen absoluten Banger geschrieben, den ich schon letzten Sommer verschlungen habe wie ein Verdurstender und mit dem ich auch diesen Sommer nichts anderes anzustellen plane.
Das Buch ist eine Pkw-basierte Reise in all jene Unterwelten, die wir uns selber geschaffen haben und die wir nun fahrend bewohnen müssen. Da sitzen wir dann als Lesende, Seite an Seite mit „dem Müden“, als seine Fahrerin und Beifahrer zugleich, als Passagiere einer erschöpften Gesellschaft, die ohne Tempolimit durch den Trümmerhaufen und die Baustellen des fossilen Zeitalters brettert, immer schneller, noch ein Ziel, gleich sind wir da. Der Band ist dabei gleichermaßen eine irre schreckliche und witzige Lektüre, bei der leise im Hintergrund so etwas Ähnliches wie die Hoffnung miterzählt wird, dass unsere kollektive Müdigkeit ja vielleicht doch eine nicht-resignative Form annehmen könnte, eine produktive Verweigerung der Verhältnisse, damit der ganze Laden endlich mal stillsteht.
Monika Rinck: „Höllenfahrt & Entenstaat: Gedichte (Reihe Lyrik)“, kookbooks, 104 Seiten, 24 Euro
Juan Guse ist Soziologe, Autor und Dozent für „Literarisches Schreiben / Prosa“ an der Kölner Kunsthochschule für Medien, Monika Rinck ist dort Professorin.
„Literarische Reise nach Troisdorf“

Martin Oehlen empfiehlt „Böll kam nicht bis Troisdorf“
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Martin Oehlen empfiehlt „Böll kam nicht bis Troisdorf“
Troisdorf ist noch keine Topadresse für einen Sommerurlaub – trotz der Burg Wissem und der Kunst im öffentlichen Raum. Aber ein Literaturtrip in die Stadt zwischen Köln und Bonn lohnt sich sehr. Jedenfalls mit Andreas Fischer als Reiseleiter. Vor vier Jahren veröffentlichte der Autor, der eine Karriere als Dokumentarfilmer und Lehrbeauftragter in Köln vorweisen kann, seine Kindheitserinnerungen: „Die Königin von Troisdorf – Wie der Endsieg ausblieb“. In dieser Familiengeschichte sagt der Erzähler eines Tages: „Ich will Schriftsteller werden.“ Das hat er geschafft. Nun liegt bereits der zweite autofiktionale Roman vor, der ebenfalls im eigenen Verlag erscheint: „Böll kam nicht bis Troisdorf“.
Darin schildert Andreas Fischer seine ersten Gehversuche als Autor. Unterstützung erhofft sich der damals 18-Jährige von Heinrich Böll, dem er ein paar Kurzgeschichten zur Prüfung schickt. Doch der Nobelpreisträger antwortet nicht (wohl aber der Verlag, der ein Buchpaket schickt). Stattdessen gerät der Erzähler in Kontakt mit einem Lyriker, der Böll immerhin persönlich kennt und obendrein einen Schreibkurs an der VHS anbietet. Da ist Andreas Fischer dabei. Sogar eine Freundschaft scheint sich zwischen Schüler und Lehrer zu entwickeln. Diese Selbsttäuschung zerplatzt, als es zu einer Übergriffigkeit kommt. All das und einiges mehr bietet „Böll kam nicht bis Troisdorf“ in einem lockeren Ton und abwechslungsreich collagiert. Damit verleiht Andreas Fischer seiner tragikomischen Geschichte genau jenes Quantum Leichtigkeit, mit dem man bestens durch den Sommer kommt.
Andreas Fischer: „Böll kam nicht bis Troisdorf“, eschen 4 verlag, 160 Seiten, 17,50 Euro
Martin Oehlen leitete die Kulturredaktion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ und betreute dort das Thema Literatur. Petra Pluwatsch war dort zuletzt Chefreporterin und hat ein Faible für Krimis. Außer Büchern lieben die beiden das Reisen – und diese Leidenschaften verbinden sie seit 2017 in ihrem Blog „Bücheratlas“.
„Über Abschied und Neuanfang“

Linda König empfiehlt „Laute Nächte“
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Linda König empfiehlt „Laute Nächte“
Nach dem Lesen dieses Buches hat man das Gefühl, mit diesen Menschen zusammengelebt zu haben. Mitten in Wien, in einer Wohngemeinschaft, verbringen wir die Tage und die (lauten) Nächte miteinander. Kenni ist in seinen Zwanzigern, hat seine Freundin bei einem Autounfall verloren und versucht, seinen Weg zu gehen und sich mit der Trauer zurechtzufinden. Sie wollten zusammen mit einem Camper durch Frankreich fahren, um neue Orte zu erkunden. Nun sitzt er in einer WG in Wien und versucht, ein neues Leben anzufangen, ohne sie. Und genau dort findet er ein Zuhause. Er findet Menschen, die ihn annehmen: Paul, Julia und Elif. Und so entwickelt sich sein Leben in eine neue Richtung. Er verliebt sich und möchte die Reise nach Frankreich trotzdem angehen: mit Elif. Und dann beschreibt Anne Freytag eine Nacht, zehn Jahre später. Kenni ist Maler und alle vier treffen sich wieder. Eine Nacht, viele Fragen, einige Antworten.
In dieser Geschichte geht es um das Loslassen und um die Kraft, die es benötigt, um einen Neuanfang zu starten. Die Frage: Was ist Familie? Und wie tief können Freundschaften gehen? Und dann ist es auch ein Roman über das Abschiednehmen und über die Kraft, die es braucht, die Trauer hinter sich zu lassen, Erwartungen abzulegen. Und es geht um all die Dinge, die man von anderen Menschen behält und mitnimmt, wenn man weitergeht, auch ohne sie.
Anne Freytag: „Laute Nächte“, Kampa, 320 Seiten, 24 Euro
Linda König berichtet auf Instagram unter @linda.koenigliest über Bücher, trifft bei „Buch-Bank & Brause“ Autoren und Autorinnen auf ein Getränk und interviewt sie zu ihren Büchern. Ein Video mit Anne Freytag ist dort auch zu finden. Und im LieblingsLIT-Podcast teilt sie den neusten Buchgossip und interviewt Schreibende.