Die märchenhafte Kammeroper „Picture a day like this“ ist als deutsche Erstaufführung in Köln zu sehen und überzeugt weniger mit Inhalt als mit poetischer Atmosphäre.
Oper „Picture a day like this“Das Libretto enttäuscht, die Musik begeistert

Große Darstellungskunst: Adriana Bastidas-Gamboa (l.) undBariton John Brancy.
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Ein Knopf, vom Ärmel eines glücklichen Menschen abgeschnitten – mehr würde es nicht brauchen, um den toten kleinen Jungen ins Leben zurückzuholen. Aber so verzweifelt die Mutter auch sucht: Menschenglück ist nirgendwo zu finden. Nicht beim jungen Liebespaar, das sich über seine unterschiedlichen Treuebegriffe zerstreitet. Nicht beim Kunsthandwerker, der durch eine Maschine ersetzt wurde und in die Psychose abdriftet. Nicht bei einer Komponistin, die zwischen Premieren- und PR-Terminen hin und her hetzt. Nicht bei einem reichen Sammler, der sich mit seinen Klees und Degas’ einsam hinter Gittern verschanzt.
Am Ende versucht es die Mutter bei Zabelle, der geheimnisvollen Herrin eines blühenden Gartens, die nur glücklich ist, weil sie nicht existiert: Zabelle ist ein Schatten, ein Hologramm, in dem sich die Gestalt der Mutter zu doppeln scheint. Immerhin nimmt sie aus dieser Begegnung den ersehnten Knopf mit - er bringt ihr nicht das tote Kind zurück, aber die Kraft, sich ins Unvermeidliche zu schicken.
„Picture a day like this“ („Stell dir einen Tag wie diesen vor“) ist eine Kammeroper von Martin Crimp (Text) und George Benjamin (Musik), die 2023 beim Festival in Aix-en-Provence uraufgeführt wurde und nun als Deutsche Erstaufführung an die Kölner Oper gelangte. Das etwa 70 Minuten dauernde Stück mischt Züge von Märchenspiel und Stationendrama; in seiner gerafften Form, den typisierten Charakteren und der bilderbogenartigen Handlung erinnert es an „Written on Skin“: Mit diesem Psychothriller im Gewand einer mittelalterlichen Legende hatte das Autorenduo 2012 einen Welterfolg gelandet; die Kölner Oper zeigte das Stück im Corona-Jahr 2020 als Online-Stream.
Poetisch - aber ohne große Erkenntnisse
Mit vergleichbaren Reiz- und Spannungswirkungen kann das neue Stück allerdings nicht aufwarten. Martin Crimps Libretto hat zweifellos hohe Qualitäten im Poetischen und Atmosphärischen; im Geistig-Inhaltlichen dagegen überzeugt es sehr viel weniger. Das Glück, so erfährt man, ist weder in der Liebe noch in der Kreativität zu finden, weder im Reichtum noch in der Natur, und aus dem Tod führt kein Weg zurück. Das sind zweifellos Aussagen von einigem Gewicht, aber doch von eher geringem Erkenntniswert. Wären sie in den Rahmen eines Schauspiel- oder Erzähltextes gespannt, würde man das auch sofort bemerken. Hier aber kommt George Benjamins Musik ins Spiel, diese unverkennbar französisch legierte Meisterpartitur mit ihren grandios ausgehörten Farbkombinationen, ihren irisierenden Lichtwirkungen, ihrer raffinierten Harmonik, die immer wieder vage schimmernde Dreiklangsstrukturen vor das Ohr führt, um sie sofort wieder schamhaft zerfallen zu lassen. Es ist weit mehr Klangsinn als Bewegung in dieser Musik, die das Statische des Stücks gar nicht erst zu kaschieren versucht, sondern gerade zum Prinzip erhebt.
Das tut auch die Inszenierung von Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma, die aus der Ur-Produktion in Aix übernommen wurde. Der schlicht-funktionale Bühnenraum ist aus flexibel arrangierbaren, teils blind verspiegelten Stellwänden gebaut. Das Liebespaar räkelt sich auf einem Bett, der Kunsthandwerker ist in einen Glaskäfig gesperrt und Zabelles Garten wird als fantastische Korallenwelt auf transparente Vorhänge projiziert. Ein Performer-Trio dekoriert die Bühne bedarfsweise um und bewegt sich ansonsten zeremoniell gebremst im Hintergrund. Mehr geschieht eigentlich nicht, da die teils als Doppelrollen gestalteten Figuren nicht handeln, sondern nur reden - so kommt hier nach allen Krisen und Revolutionen des modernen Musiktheaters gewissermaßen das uralte Modell der Arien- und Duettoper in Wiedervorlage.
Entsprechend sängerfreudig, als melismatisch wuchernden Neo-Belcanto, hat der Komponist die fünf Gesangspartien gestaltet, die in Köln allesamt exzellent besetzt sind. Der weich und üppig timbrierte, über alle Registerwechsel elegant hinwegsingende Countertenor Cameron Shahbazi gibt den Verführungskünsten des Liebhabers einen wunderbaren Zug ins Schmierige und Übergriffige. Er ist ebenso mit der Original-Produktion gereist wie der Bariton John Brancy in der Doppelrolle des Kunsthandwerkers und Sammlers. Der Komponist mutet ihm große Aufschwünge ins Falsett-Register zu, die der amerikanische Sänger so souverän wie ausdrucksstark meistert. Mit eindrucksvoller Höhenstärke und flutenden Bögen warten die beiden Sopranistinnen Elizabeth Reiter (Liebhaberin, Komponistin) und Emily Hindrichs (Zabelle) auf, die in Köln ihr Rollendebüt feiern.
Die Fäden des Stücks laufen indes bei Adriana Bastidas-Gamboa zusammen, die in der Partie der namenlosen „Frau“ ein weiteres Beispiel ihrer intensiv durchfühlten, die Grenzen eines geglätteten Schönklangs immer wieder emphatisch überschreitenden Darstellungskunst liefert. Das Gürzenich-Orchester lässt unter Leitung von Christian Karlsen George Benjamins subtile Instrumentation in allen Farben leuchten; der schwedische Maestro stützt die Stimmen umsichtig ab, ohne sie je zu überdecken. Für diesen kurzen, aber reichen und intensiven Opernabend gab es bei der Premiere großen und ungeteilten Beifall. Die Originalproduktion aus Aix-en-Provence steht übrigens derzeit und noch bis zum 31. Mai in der Arte-Mediathek. Als Vorbereitung auf den Opernbesuch leistet das Video eine gute Hilfe - ersetzen kann es ihn natürlich nicht.
Musikalische Leitung: Christian Karlse, Inszenierung und Bühne: Daniel Jeanneteau / Marie-Christine Soma Kostüme: Marie La Rocca Mit: Adriana Bastidas-Gamboa, Emily Hindrichs, Elizabeth Reiter, Cameron Shahbazi, John Brancy Dauer: 70 Minuten ohne Pause Weitere Vorstellungen: 14., 17., 20., 22., 24.05., Staatenhaus im Rheinpark, Saal 2.
