- Das Kölner Originalklang-Festival „Felix! bot am Wochenende mehrere Aufführungen: in der Philharmonie, eines in der Christuskirche.
- Unser Musikkritiker hat die Aufführungen besucht.
Köln – Hat die erste Ausgabe des Kölner Originalklang-Festivals „Felix!“ etwas mit dem noch laufenden Offenbach-Jahr zu tun? Auf Anhieb nicht, die bei „Felix!“ dominierende Barocksphäre liegt nun denkbar weit weg von den Werken des deutsch-französischen Muntermachers aus dem 19. Jahrhundert.
Trotzdem erinnerte die konzertante philharmonische Darbietung von Giovanni Legrenzis Oper „La divisione del mondo“ – 1675 in Venedig uraufgeführt – über den zeitlichen Graben hinweg stark an Offenbach, vor allem an „Orpheus in der Unterwelt“. Selbstredend nicht in der musikalischen Sprache, aber in der geistigen Haltung. Bei Legrenzi beunruhigt Venus mit ihren Reizen die männlichen Mitglieder des römischen Götterhimmels in einer Weise, dass Jupiters Ehefrau Juno auf ihre sofortige Entfernung drängt – der sich die Herren allerdings aus nahe liegenden Gründen widersetzen. Heuchelei und Doppelmoral werden in dieser Mythendekonstruktion einer Kritik unterzogen, die nun in der Tat stark an Offenbach gemahnt.
Überhaupt gewährte das illustre französische Barockensemble Les Talens Lyriques unter seinem Gründer und Leiter Christophe Rousset mit dieser Produktion einen so intensiven wie instruktiven Einblick in ein wenig erschlossenes und im zeitgenössischen Opernbetrieb erst recht nicht präsentes Gebiet der Gattungsgeschichte: das unübersehbare Feld der einschlägigen italienischen Produktion zwischen Monteverdi und Alessandro Scarlatti. Erst mit diesem beginnt an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert die Blütezeit der heute noch geläufigen neapolitanischen Seria, in deren Tradition auch Vivaldi und Händel stehen.
Legrenzi aber – heutigen Musikliebhabern allenfalls als Themenspender einer Bach’schen Orgelfuge bekannt (BWV 574) – kennt noch keine Dacapo-Arien, soeben erst haben sich bei ihm, wie es scheint, dem vorherrschenden Rezitativ kürzere ariose Formen entrungen. Das Orchester sieht sich auf den Einwurfe von Ritornellen verwiesen.
Im Rahmen dieser (von der Warte späterer Zeiten aus) reduzierten Formensprache entfaltet Legrenzi indes einen großen Reichtum an Affekten, an melodischem und harmonischem Kolorit. Da gibt es zuweilen weitgespannte Gesangsphrasen mit einer Kühnheit im harmonischen Unterbau, der nachmalig sogar tendenziell verloren ging. Eine interessante Entdeckung mithin, deren Wert durch die herausragende Güte der Aufführung noch gesteigert wurde.
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Mit Rousset als Spiritus Rector am Cembalo erstellten die zahlreichen Gesangssolisten ein barockes Welttheater, das an Farbe, Prallheit und Glut keine Wünsche offen ließ. Stellvertretend sei hier die belgische Sopranistin Sophie Junker gerühmt, die in Performance und Gesang ihrer Rolle als Venus nichts schuldig blieb. Freilich: Das Prinzip kleinteiliger Reihung über drei Brutto-Stunden hinweg konstant mit Leben und Spannung zu erfüllen, bleibt eine Aufgabe, die auch unbestrittene Meisterinterpreten wie Les Talens Lyriques nicht vollends bewältigen. Möglicherweise wären da Kürzungen bekömmlich.
Wiewohl die europäische Musik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts den „Felix!“-Schwerpunkt markiert, öffnet sich das Festival, von dort ausgehend, programmatisch hin zu entfernten Zeiten und Räumen. Am Samstag etwa lud die famose Berliner lautten compagney unter ihrem Gründer und Leiter Wolfgang Katschner in der Philharmonie zu einer „Konferenz der Vögel“. Die Musik – europäische Tänze aus der Zeit vor und um 1500 – wurde hier eingebettet in ein von der Schauspielerin und Sängerin Pegah Ferydoni rezitiertes Märchen des mittelalterlichen persischen Sufi-Dichters Farriduddin Attar. Das ließ sich zur Not als vorweggenommene Lessing’sche Ringparabel rezipieren. Es handelte sich also um eines jener interkulturellen Projekte, wie sie derzeit en vogue sind – als Einspruch gegen die sich verschärfende Konfrontation im Weltmaßstab.
Leider wollte das Konzept hier nicht so recht aufgehen. Zwischen der Musik und den Texten fehlte der zwingende Zusammenhang, und das Ganze glitt auch ab in ein deplatziertes Kindertheater-Ambiente. Wenn das Publikum, ermuntert durch die Rezitatorin, „Alle Vögel sind schon da“ anstimmt, dann gelangt man damit unweigerlich auf die Talsohle einer peinlich- infantilen Kumpanei.
Aber Experimente haben das so an sich – sie können gelingen oder scheitern. In diesem Fall ist auch das Scheitern aller Ehren wert. Dass „Felix!“ das Experiment nicht scheut, wurde auch – interpretatorisch auf unterschiedlichen Gütestufen – in den zahlreichen „urbanen“ Samstagskonzerten in- und außerhalb der Philharmonie deutlich: Javanischer Gamelan und Barock, Händel getaucht in Elektro-Sounds, Musik aus dem spanischen 17. Jahrhundert oder rund um Leonardo da Vinci – da kam die konzeptionelle und gestalterische Fantasie so leicht nicht an ein Ende. Fesselnd in diesem Sinne war auch der Auftritt des erst vier Jahre alten Barockensembles Continuum um die Cembalistin Elina Albach in der Christuskirche. Zu von Thomas Halle vorgetragenen Auszügen aus Robert Schneiders Romanbestseller „Schlafes Bruder“ spielte es für Kammerensemble adaptierte Bach’sche Orgelwerke und außerdem eine barockisierende Kammermusik, vom portugiesischen Zeitgenossen Manuel Durao eigens zu „Schlafes Bruder“ komponiert.
Mochte auch der für die Roman-Aura eigentlich unverzichtbare Orgelsound fehlen, gelang hier doch immer wieder die bei der Vogelkonferenz ausgebliebene Verschränkung von Musik und Dichtung: So erklang am Schluss nicht nur der einschlägige Choral aus der Kreuzstabkantate – „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ –, vielmehr blieb seine letzte Zeile nach sukzessiver Ausdünnung der Besetzung wie eine unbeantwortete Frage auf dem Quintton „hängen“: Klangsymbol jenes scheiternden Künstlerlebens, das der Roman gestaltet.
Bemerkenswert hintergründig aber auch der motivische Konnex: Die von Quarte und kleiner Sexte eingefasste Quinte hatte zuvor sowohl bei Durao als auch in Bachs gewaltiger Orgel-Passacaglia BWV 582 eine zentrale Rolle gespielt.


