Das Kölner Kammerorchester unternahm mit der Gastdirigentin Anu Tali einen ungewohnten Ausflug in tiefromantische Gefilde.
Kölner PhilharmonieEin Gleiten durch die Harmonie der Morgenstimmung

Blick auf die Kölner Philharmonie
Copyright: Arton Krasniqi
Nach der Pause präsentierte sich das Kölner Kammerorchester auf dem philharmonischen Podium im Zustand einer bemerkenswerten Gewichtszunahme: Vier Hörner, Posaunen, Tuba, Schlagzeug – da stand beim jüngsten „Meisterwerk“-Konzert erkennbar nicht das barock-klassische Kernrepertoire des Klangkörpers auf der Agenda. Tatsächlich unternahm die Formation unter Anleitung der estnischen Gastdirigentin Anu Tali einen Ausflug in tiefromantische Gefilde: in Griegs zwei „Peer Gynt“-Suiten mit den weltberühmten Ohrwürmern aus der einschlägigen Schauspielmusik.
Immer wieder entstanden Tonbilder, deren Intensität beachtlich war
Kann ein Kammerorchester wie das Kölner mit seiner anders gerichteten Traditionsorientierung diese Musik? Die Antwort muss differenziert ausfallen: Den satt-fülligen, eben typisch romantischen Mischsound bekommt es nicht so hin wie ein in der Materie seit jeher beheimatetes Sinfonieorchester. Man hört die einzelnen Orchesterstimmen mit einer Klarheit und Abgrenzung, die unter dem Aspekt historischer Klangästhetik vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss ist.
Die Neigung zu kammermusikalischer Intimität bestimmte somit die Aufführung – wobei offenkundig war, dass Dirigentin und Ausführende an Spielgestus und Interpretation eingehend gefeilt hatten. Und man höre da: Immer wieder entstanden Tonbilder, deren Intensität und atmosphärische Suggestivität beachtlich waren – „Ases Tod“ zum Beispiel oder das unsterbliche Lied der Solveig. So etwas muss in der Tat genau hergestellt werden, auch das Gleiten durch die terzverwandtschaftlich definierten harmonischen Räume in der „Morgenstimmung“ entfaltet seine Wirkung nur, wenn es dramaturgisch genau disponiert wird. Das war hier der Fall, die Dirigentin und das spielerisch meistenteils überzeugende Orchester fanden dabei auch zu gutem Einvernehmen.
Die Grieg-Sektion markierte einen harten Bruch gegenüber dem ersten Teil, in dessen Zentrum die von der Romantik nicht sonderlich geliebte Trompete stand. Nach Haydns einleitender, gleichfalls mit Trompetenfanfaren ausgestatteter 33. Sinfonie überzeugte die Britin Matilda Lloyd in Hummels Trompetenkonzert genauso wie in den hochvirtuosen und zugleich salonnahen Bellini-Variationen des Franzosen Jean-Baptiste Arban. Souverän gelang die Anverwandlung an unterschiedliche Rollen: Auf vitales, rhythmisch fokussiertes Schmettern folgte empfindsamer Gesang – eben auf einem Instrument, dem viele Musikfreunde solche Optionen vielleicht gar nicht zutrauen.
