Beim jüngsten Meisterwerk-Konzert konnte Chefdirigent Christoph Poppen zeigen, dass sein Kölner Kammerorchester längst nicht mehr nur die klassische Kernagenda beherrscht.
Kölner Kammerorchester in der PhilharmonieTraumhafter Ausflug in die Romantik

Der Chefdirigent des Kölner Kammerorchesters, Christoph Poppen, 2022.
Copyright: Alexander Roll
Mendelssohn und Schumann standen im jüngsten Meisterwerk-Konzert des Kölner Kammerorchesters in der Philharmonie auf dem Programm. Pure Romantik also und insofern weit weg von Bach und Mozart, der Kernagenda des Ensembles. Christoph Poppen als Principal Conductor hat es hinbekommen, dass da mittlerweile von einem verdruckst-unsicheren Ausflug in unbekannte Gefilde keine Rede mehr sein kann.
Christoph Poppen ließ die Musik in Traumsphären abtauchen
Tatsächlich erfordert die Romantik auch da, wo sie sich klassischer Kategorien wie des Sonatenhauptsatzes bedient, eine ganz andere Klang- und Formdramaturgie. Deren Realisierung gelang jetzt besonders gut, etwa in den Durchführungspartien der ersten Sätze von Schumanns Klavier- und Violinkonzert. Poppen ließ da die Musik gleichsam in Traumsphären abtauchen, bei starker Temporeduktion sozusagen aus der Zeit kippen – weil da in der Tat eine ganz andere Vorstellung als bei Mozart und Beethoven am Werk ist. Das Orchester setzte diese Impulse prima um, mit Rubati, expressivem Cantabile und weitgespannten Bögen in den lyrischen Seitenthemen.
Bereits die Wellenbewegung in Mendelssohns Melusinen-Ouvertüre gelang dank des leichten Bläser-Übergewichts berückend – das war mehr als nur ein Vorklang auf das „Rheingold“-Vorspiel des Mendelssohn-Verächters Wagner. Insgesamt hätte dieses erste Stück freilich noch ein paar stärkere Kontraste vertragen – der dialektische Gegensatz von Geister- und Menschenwelt, Natur und Geschichte ist schließlich ein romantisches Motiv par excellence.
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Solist Ben Kim mit dem berühmtesten Klavierkonzert der Romantik
Weithin erfreulich agierten auch die Solisten des philharmonischen Sonntagnachmittags. Der junge US-Amerikaner Ben Kim erwies sich im Klavierkonzert als Anschlagpoet von hohen Graden, übertrieb es freilich ein wenig mit seiner Selbstzurücknahme und weichen Polsterung der Strukturen. Das berühmteste Klavierkonzert der Romantik verleugnet schließlich keineswegs den offensiven virtuosen Anspruch – der Interpret braucht diesbezüglich auch kein schlechtes Gewissen zu haben.
Der niederländische Poppen-Schüler Niek Baar schließlich gefiel durch ein so geschmeidiges wie substanzreiches Passagenspiel, gut durchgestaltete und abgefangene Phrasen und schöne, dichte, ganz leise Sanglichkeit im langsamen Satz. Dank dieser inneren Belebung vermag das Werk durchaus jenen Zauber zu entfalten, den es ja angeblich – jedenfalls in der massiven Vorurteilstradition – nicht hat. Klar, es gibt Musik, aus der sich mit bestem Willen kein Meisterwerk machen lässt. Schumanns Violinkonzert aber gehört definitiv nicht dazu.

