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Kölner PhilharmonieGlanzlicht der noch jungen Saison

3 min
Philipp von Steinaecker mit dem Mahler Academy Orchestra

Philipp von Steinaecker mit dem Mahler Academy Orchestra

Cellist und Dirigent Philipp von Steinaecker begeistert mit Mahlers neunter Sinfonie in der Kölner Philharmonie.

Der Cellist und Dirigent Philipp von Steinaecker ist, neben vielem anderen, auch ein Meister der Ambivalenz. Hat sich der Hörer gerade entschlossen, einen Ländler oder Walzer dank der markant „täppisch“ genommenen Auftakte als Ausweis ironischer Doppelbödigkeit zu hören, so kann er kurze Zeit später nicht anders, als das herzergreifende Cantabile der Geigen ganz unironisch ernst zu nehmen.

Nun, im Prinzip sitzt die Ambivalenz tief in Mahlers Musik selbst, und in seiner neunten und letzten Sinfonie, die jetzt, eben unter Steinaeckers Leitung, vom Bozener Mahler Academy Orchestra in der Kölner Philharmonie aufgeführt wurde, kumuliert sie sogar noch im Vergleich mit ihren Schwestern. Man muss das allerdings auch gestaltend aus ihr herausholen. Weil dies in technischen wie musikalischen Belangen souverän und eindringlich gelang, darf von einem Glanzlicht der noch jungen Saison gesprochen werden.

Steinaeckers Dolomiten-Mahler – erarbeitet wird die Agenda in Toblach, wo das „Komponierhäusl“ des Meisters stand – macht mähliche Fortschritte, in den kommenden Jahren soll das sinfonische Oeuvre erarbeitet werden. Die Neunte liegt seit 2022 auf CD gebrannt vor. Zu Werke gehen dabei exzellente Jung-Musiker und alte Hasen, die sich Mahler auf historischen Instrumenten der Wiener Moderne um 1900 und unter Anwendung historischer Spielweisen nähern. Grundstürzend-revolutionär ist dieser Mahler-Sound wohl nicht, aber es fällt doch im Klangbild einiges auf, was man aus Traditionsaufnahmen nicht kennt: ein vibratoarm-schlankes Spiel der Streicher, miauende Portamenti, giftig gackernde Fagotte. Der Klang ist gut belüftet, beweglich und teils kammermusikalisch transparent.

Nun kann freilich auch historische Gewissenhaftigkeit – und gerade sie – uninspiriert und langweilig herüberkommen. Das war diesmal allerdings keineswegs der Fall: Steinaecker und die Seinen schafften es vielmehr, ihren Mahler mit überaus fesselnder Klangrede und detailfreudiger Gestik herüberzubringen. Ein Beispiel ist die Darstellung der berühmten fallenden Sekunden im Kopfsatz. Die kommen auf unterschiedlichen Taktzeiten, aber gerade wenn sie als Vorhalte auf der Takt-Eins gezeigt und zelebriert werden, entsteht – diesmal geschah es äußerst suggestiv – der (von Mahler intendierte) Eindruck eines erschöpften Sich-Dahinschleppens, einer müden Vergeblichkeit.

Jederzeit spürbare Mahler-Passion

Steinaecker ist in seiner jederzeit spürbaren Mahler-Passion kein Mann spektakulärer Extreme – auch nicht im dritten Satz, wo Mahlers instrumentaler Witz jetzt hart an den „Till Eulenspiegel“ des Zeit- und Zunftgenossen Richard Strauss herankam. Die Gebetsstellen stattet der Dirigent mit innigem Hymnencharakter aus, aber auch hier übertreibt er es nicht.

Der vierte Satz schließlich, das neben dem Schluss von Tschaikowskys Sechster bewegendste, emotional am stärksten aufwühlende langsame Finale der Musikgeschichte, zeigte ihn und sein Orchester als hochbewusste Gestalter des Zerfalls. Das Erlöschen der Konturen auf der letzten Partiturseite, das Abtauchen der Musik in ein willenloses Nirwana realisierten die Streicher mit einer geradezu magischen Klangschönheit in den höchsten Registern, einer nicht so oft zu erlebenden Intensität des ganz Leisen. Es mag ja richtig sein, dass da noch keine Totenhand winkt. Aber das Wissen, dass hier Mahlers letztes vollendetes Werk zu Ende geht, lässt sich halt kaum verdrängen. Die hustenlose minutenlange Stille im Publikum nach dem definitiven Verschweben des Klangs zeigte, dass die Botschaft (wenn es denn eine war) unmissverständlich auch im Saalrund ankam.