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Kölner PhilharmonieWarum sich das Frauen-Quartett Salut Salon heimatlos fühlt

3 min

Die Damen von Salut Salon

Die Crossover-Stars aus Hamburg gastierten mit neuem Programm in der Kölner Philharmonie.

Klingt Mozarts „Türkischer Marsch“ tatsächlich „türkisch“? Nein, das tut er selbstredend nicht. Der Komponist war, wie Angelika Bachmann, die Ensemble-Mitgründerin und Lead-Geigerin, ausführt, nie in der Türkei und hatte auch keinen Kontakt zur einschlägigen Musiksphäre. Weltmusik und in diesem Sinn Kulturen kreuzende Hybride gab es im 18. Jahrhundert noch nicht. Das hindert das Hamburger Frauen-Quartett Salut Salon allerdings in seinem Konzert in der Kölner Philharmonie nicht, das Mozart-Original gleichsam auf Türkisch zu trimmen – etwa durch die Ersetzung der Dur/Moll-Tonalität durch die arabische Tonleiter (mit erniedrigter zweiter Stufe). Und man höre da: Auf einmal klingt der berühmte Schlusssatz aus der A-Dur-Klaviersonate tatsächlich amüsant orientalisch.

Salut Salon – in diesem Fall mit seinen Mitgliedern Bachmann und Alvina Lahyani (Violine), Maria Well (Cello) und Kristiina Rokashevich (Klavier) – ist, wiewohl jetzt auch schon fast 30 Jahre alt (und dabei in wechselnden Besetzungen auftretend), nach wie vor ein Unikat der Musikszene. Es geht keineswegs im beliebten Crossover zwischen E und U auf, obwohl die Performance zweifellos auch davon etwas hat. Indes gibt es da ein grenzensprengendes, exklusives „Plus ultra“ – mit circenischen Zügen, die zugleich mit mehr als nur einem Anflug von Selbstironie zersetzt werden; auch mit Jahrmarkt und Theater, vor allem aber mit einer atemberaubenden, weil gelassen und spielerisch auftrumpfenden artistischen Souveränität. Und einer nie nachlassenden, saalstürmenden Energie. Heraus kommt bei alldem ein Gesamtkunstwerk eigener Art.

Der orgiastische Rausch des Rhythmischen

Von Anfang an ist klar, dass das Publikum keinen klassischen Kammermusikabend zu gewärtigen hat – angesichts der Bühnendekoration mit vom Block Z herunterwallenden Stoffwülsten, einer ausgefeilten Lichtregie und dem Equipment für akustische Verstärkung. Zuerst kommt, sich misstrauisch umsehend, die Cellistin herein, es folgen die Mitstreiterinnen – in engen Outfits, auf High Heels. Das mag ein Zitat sein, das auf jeden Fall unfehlbar als optische Attraktionsoffensive wirkt. Explosiv geht es dann aber auch musikalisch los mit Gijs Levelts „Hora Bulgaria“, einem orgiastischen Rausch des Rhythmischen, dem sich die Zuhörer sehr schnell mitklatschend überlassen.

Da ist sicher eine ausgetüftelte Choreografie am Werk, allerdings kann die begeisterte und begeisternde Spontaneität der vier Frauen unmöglich ein reines Kunstprodukt sein. Anders ließe sich das dramaturgisch schwierige, weil extrem  kleinteilige Programm aus 25 Takes über zwei Stunden (inklusive mittiger Pause) ohne Einknicken des Spannungsbogens auch kaum durchhalten. Allemal tun sich Stilgräben auf zwischen Saint-Saëns und Piazzolla, Vivaldi und Rota, Dvořák und Gershwin sowie vielen folkloristischen Traditionals – und werden zugleich durch Bachmanns Arrangements effektsicher überbrückt.

Und alles wird, wie gesagt, grundiert von einer fabelhaften Virtuosität, die die „klassische“ Ausbildung verrät, über deren Usancen aber zugleich amüsant-subversiv hinausgeht. Die Damen spielen nicht nur, sondern singen auch ausgezeichnet, werden gekonnt übergriffig an den Instrumenten der Partnerinnen, suchen stets die Antennen im Publikum. In der direkten Ansprache tut das zumal Angelika Bachmann, die auch zum Rahmenthema des Abends, „Heimat“, einiges sagt, das dann auch gar nicht mehr lustig ist. Tatsächlich kommen die Mitglieder von Salut Salon aus unterschiedlichen Ländern, verließen zum Teil ihre geografische Heimat – die Geigerin Lahyani etwa stammt ausgerechnet aus der Ukraine. „Heimat heute“, so Bachmann, „ist das Gefühl, dass man keine mehr hat.“