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Kölner Schauspiel-PremiereWäre nur der Alltag nicht voller Windmühlen!

4 min

Don Quijote tritt aus der Leinwand: Szene aus „¿Qué pasa en la Mancha?“ im Schauspiel Köln

Bastian Reiber erkundet in seiner Don-Quijote-Version im Depot 2 des Kölner Schauspiels die Lücke zwischen Traum und Wirklichkeit.

Ach, wäre nur das Leben nicht so prosaisch wie eine laminierte Speisekarte. „Patatas bravas, Bocarones fritos, Jamón ibérico“, zählt der Spanienurlauber auf, im zunehmend ernüchterten Ton. Es folgen die Salatvariationen, „de pulpo“, „con pollo“, „mixta“. Er habe, klagt er, sich das alles ganz anders vorgestellt. Seine sonnenverbrannte Reisegenossin pflichtet ihm bei: „Es ist immer so ein großer Unterschied zwischen dem, was man sich erträumt hat, und dem,  was ist, oder?“

Um diese schreckliche Lücke, die zwischen kühnen Träumen und schnöder Realität klafft, kreist Bastian Reibers „Don Quijote“-Abend „¿Qué pasa en la Mancha?“. Was da genau geschehen ist, südöstlich von Madrid, darüber legen der Ritter von der traurigen Gestalt, sein treuer Knappe und ihr Erfinder Miguel de Cervantes freilich sehr unterschiedlich Zeugnis ab.

Und dem, was uns Bastian Reiber an diesem Abend vom Windmühlenbezwinger aufbinden will, ist erst recht nicht zu trauen. Den Regisseur und Stücke-Erfinder, als Schauspieler im Ensemble der Berliner Schaubühne tätig, interessiert genau jener leere Raum zwischen Fantasie und Alltag. Der Abgrund – so die Reiber’sche Vermutung –, in dem Heldentaten ins Lächerliche stürzen, könnte doch zugleich der Urgrund all der Geschichten sein, die sich die Menschen von sich selbst erzählen.

Eine Reisegruppe aus lauter traurigen Gestalten

Die „Odyssee“ nutzte er in Magdeburg als Slapstick-Vorlage, Passionsspiele ließ er im Deutschen Schauspielhaus am feststeckenden Eisernen Vorhang scheitern. Und in Köln stolperte er in „Genesis“ zu Anfang der Spielzeit im Depot 2 als Solo-Akteur in eine nur halb aufgebaute Kulisse. Die dann auch noch die falsche war. Mit hohlen Behauptungen und funktionsuntüchtigen Requisiten ganze Welten zu erschaffen, das beschreibt natürlich auch das Wesen des Theaters.

In „Qué pasa“ – es ist die 33. Premiere dieser vollgepfropften Schauspiel-Köln-Spielzeit – begegnet uns am gleichen Ort eine bildungsbeflissene deutsche Reisegruppe auf den Spuren von Cervantes. Allesamt traurige Gestalten. Julia Schubert ergeht sich in einer Detailbeschreibung der Autobahnabfahrten, die sie ans Ziel gebracht haben. Paula Carbonell Spörk berichtet von ihrem gründlich daneben gegangenen Plan, die Treue des Verlobten zu testen. Der kriegt jetzt ein Kind mit ihrer besten Freundin, sie musste in die Kellerwohnung ziehen, wo sie ihre schwer kranke Mutter pflegt. Und Sebastian Gründewald versucht vergeblich, mit dem lebensüberdrüssigen Don-Quijote-Darsteller Andreas Beck anzukumpeln, indem er ihm von einem enttäuschenden Radiohead-Konzert erzählt. Enttäuschend, weil die Band sich weigerte, ihren frühen Hit „Creep“  zu spielen. Dabei hatte er 110 Euro für den Stehplatz gezahlt und der Song hatte ihm einst über eine unerwiderte Liebe in der 8a hinweggeholfen.

Bastian Reibers Don Quijote himmelt Julia Schubert an.

Aber dann bricht doch noch das Wunderbare in diese trübe Gesellschaft ein. Der Patron (Ingo Günther an der Farfisa-Orgel) zeigt einen französischen Don-Quijote-Tanzfilm aus den 60er Jahren. Da steigt der Hauptdarsteller plötzlich aus der Leinwand, wie Jeff Daniels in Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“. Und kann es nicht fassen, dass es eine wirkliche hinter seiner durchchoreografierten Welt gibt.

Die Rolle des ontologisch verwirrten Ballett-Hidalgos hat sich Reiber auf den humorbegabten Leib geschrieben, und wie er lippensynchron ein spanisches Schmachtlied performt und dabei mit einer von ihm virtuos gesteuerten Hebebühne tanzt, das ist schon sagenhaft lustig. Ein Balanceakt auf der schmalen Linie zwischen Kunst und Klamauk, zwischen Buster Keaton und Pierre Richard, Jerry Lewis und Jacques Tati. Ein wenig von Peter Sellers Inspektor Clouseau kommt auch noch dazu, wenn der frankofone Fantasie-Ritter an der Aussprache des englischen Wortes „figure“ (wie in „the Knight with the sorrowful figure“) scheitert.

Wie in den Tati-Filmen muss auch hier das Publikum einiges an Leerlauf ertragen, bevor es wieder aus voller Kehle lachen darf. Der Abend kreist in weiten Umlaufbahnen um sein Thema, gelegentlich droht er auszuleiern. Er reicht eben, trotz Hebekran, doch nicht ganz an das große Vorbild heran. Aber wenn er komisch ist, ist er hochkomisch, vom Fechtkampf gegen Kakteen bis zum Überraschungsauftritt eines empfindsamen Muskelmanns, der ein Liebesgeständnis für eine unbekannte Dulcinea vorliest, bevor er mit angespanntem Bizeps eine Ananas zerquetscht.

Am Ende verliert Andreas Becks Quijote noch die letzten Illusionen, während Bastian Reibers Leinwandritter hinter dem geöffneten Rolltor der Fabrikhalle auf seiner Hebebühne einer weiteren, dritten Welt entgegenreitet. Aber vielleicht ist auch die nur ein weiterer Traum.