Kölnischer KunstvereinZum Einstand setzt Valérie Knoll ganz auf die gezinkte Karte Malerei

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Eine Fratze aus der Basler Fasnacht streckt uns die Zunge raus.

Valérie Knoll bewirbt „Hoi Köln“, ihre erste Ausstellung im Kölnischen Kunstverein, mit einem Fastnachtsmotiv aus ihrer Basler Heimat.

Mit „Hoi Köln“ feiert die neue Direktorin des Kölnischen Kunstvereins einen gelungenen Einstand - am Schauplatz eines alten Verbrechens.

Seinen Platz in der langen Kölner Kunstgeschichte sicherte sich Merlin Carpenter, als er für Martin Kippenberger dessen  alte Bilder in Originalgröße kopierte. Allerdings fand der Antikünstler die Bilder seines Assistenten dann zu gut gemalt, um sie an die Wand zu hängen. Stattdessen ließ er sie fotografieren, kloppte sie buchstäblich in drei Tonnen und stellte beides, Originalmüll und Dubletten, im Kölnischen Kunstverein gemeinsam aus.

Die totgesagte Malerei lebt einfach immer weiter

Jetzt ist Carpenter an den Ort des Verbrechens zurückgekehrt, auf Einladung von Valérie Knoll, die in ihrer Premierenschau als Kunstvereins-Direktorin ganz auf die gezinkte Karte Malerei setzt. Unter den 22 beteiligten Künstlern ist Carpenter der radikalste, vermutlich, weil er vom besten aller schlechten Maler lernte und dessen trotzigen Geist verinnerlichte: Mach kaputt, was dich kaputt macht – in diesem Fall die Jahrhunderte lange Tradition der abendländischen Malerei.

Die Frage, was man malen soll, wenn alles schon gemalt wurde, ist nicht gerade neu, aber scheinbar unsterblich; von der oft totgesagten Malerei können wir nun mal nicht lassen. Bei Carpenter sieht die Antwort so aus: Er spannt banale, aus Recyclingmaterial bestehende Umzugsdecken auf Keilrahmen und beliefert damit sieben Galerien mit dem Hinweis, die Werke seien unverkäuflich. Drei dieser Galerien sind übrigens mittlerweile Pleite gegangen, und als Valérie Knoll sieben Räume der Kunsthalle Bern mit den überaus malerischen, weil geradezu pollockartig gesprenkelten Billigdecken füllte, verstand auch dort nicht jeder den existentialistischen Witz daran.

Blick in die Ausstellung Hoi Köln im Kunstverein.

Blick in die Ausstellung „Hoi Köln“ im Kölnischen Kunstverein mit einem Fenstervorhang von Emil Michael Klein.

In Köln dürfte das anders sein, und so hat sich die aus Bern eingewanderte Kunstvereins-Direktorin mit ihrer Ausstellungstrilogie „Hoi Köln“ gleich mal ein Heimspiel verschafft. Zum Auftakt zeigt sie 53 Arbeiten, von denen die meisten beinahe klassische Malerei sind und deren Schöpfer doch durch die Schule der Kippenberger’schen (oder auch polkeesken) Ironie gegangen sind. Selbst der Samtvorhang, der uns nach dem Eintreten in die Ausstellungshalle begrüßt, ist im Grunde ein Gemälde (wie Emil Michael Kleins Siebdruck-Signatur beweist), obwohl sein Schöpfer offensichtlich zu bequem war, sich in altmeisterlich gemalten Faltenwürfen zu versuchen. Warum die ganze Mühsal, wenn der Vorhang das viel besser kann?

Man merkt schnell, dass Valérie Knoll einen kölnischen Geist besitzt, denn hinter den Vorhang hat sie den Gegenentwurf zu Kleins konzeptioneller Faulheit, ein fotorealistisches Porträt von Dennis Scholl gehängt. Gleich daneben ein Klassiker des Schweizer Duos Fischli/Weiss: Malerutensilien und bemalte Holzleisten lehnen an der Wand, als wären wir auf eine Baustelle geraten. Doch selbst der inszenierte Illusionsbruch ist nicht echt; das Holz besteht in Wirklichkeit aus Kunststoff.

Hin und wieder strapaziert Valérie Knoll den Malereibegriff, bis er zerreißt

In dieser Tonlage zwischen Ironie und kunsthistorischer Hommage, Selbstzweifel und Selbstbehauptung geht es weiter – auf hohem Niveau und beinahe ohne Ausfälle. Jean-Frédéric Schnyder setzt zwei identische Biertrinker nebeneinander ins Landschaftsbild, Monika Baer verbindet eine abstrakte Komposition nach Ernst Wilhelm Nay mit einem an den Rahmen montierten Außenthermometer (konkreter geht es nicht), Lorenza Longhi arbeitet mit der Anmutung alter Tapetenmuster, und Jie Xu hängt die Einzelteile einer zersägten, aber vor allem gemalten Wasserwaage an die Wand.

Eine doppelte Augentäuscherei gelingt Alan Michael, der für seine Wasserspritzer im Glas die verpönte Airbrush-Ästhetik mit Ölfarbe simuliert. Und Milena Büsch gibt sich dem Populären listig geschlagen, indem sie die Titelseiten von Klatschmagazinen in betont naiver Manier übermalt. So verliert man den modernen Wettstreit der Künste und trägt doch den moralischen Sieg davon.

Hin und wieder strapaziert Knoll den Malereibegriff, bis er zerreißt. Etwa mit den Lampen, für die Kaspar Müller poppige Leuchten mithilfe schlichter Keramiksockel zu surrealen Gebilden verschraubt, oder mit einem Holzkäfig Jean-Frédéric Schnyders im Untergeschoss. Andererseits: Müller malt mit Licht, und über Schnyder sagt Knoll, er mache eben aus allem, was runterfalle, eine Arbeit. Seinen großen Auftritt hat der 78-Jährige im Studio unterm Dach – unter anderem mit einem mädchenhaften Pferdebild und einem gescheiterten Kleinformat, auf dem er die Farbe zu einem vorwurfsvollen „Ich“-Relief zusammenkratzte.

„Hoi Köln“ läuft zunächst bis zum 19. November, dann wird zum ersten Mal umgehängt. Ab 1. Dezember geht es um die Digitalisierung der Malerei, ab 2. Februar um den „Albtraum Malerei“. Insgesamt, so Knoll, werden 33 Künstler an der Trilogie beteiligt sein; manches bleibe beim Tapetenwechsel hängen, anderes komme hinzu. Der Auftakt, so viel steht fest, macht Lust auf mehr.


„Hoi Köln. Teil 1: Begrüßung des Raums“, Kölnischer Kunstverein, Hahnenstr. 6, Köln, Di.-So. 11-18 Uhr, bis 19. November

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