Über die lieben Kollegen zu lästern, schickt sich nicht, zumal, wenn man sie für gewöhnlich schätzt. Deshalb geben wir unser großes Krähenehrenwort: Was den weithin geachteten Feuilletonisten der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) gerade unterlaufen ist, das hätte uns genauso gut passieren können. Allein dummes Glück hat uns bisher vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt.
An diesem Montag meldete die „NZZ“ den Tod des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger, der sich zum Zeitpunkt der Meldung (und bis zu unserem Redaktionsschluss) glücklicherweise aber noch unter den Lebenden befand. Trotzdem ging ein vorbereiteter Nachruf online und wurde mit einer Push-Nachricht auf den Smartphones Tausender „NZZ“-Leser beworben. Bereits 16 Minuten später korrigierte die Redaktion ihren voreiligen Eintrag ins Totenbuch: Man sei auf den Tweet eines falschen Twitter-Accounts hereingefallen; nicht Enzensbergers deutscher Verlag habe dessen Tod verkündet, sondern ein Scherzkeks, der sich für diesen ausgegeben hat.
Das Ganze ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, dass Schnelligkeit im Journalismus nicht unbedingt von Vorteil sein muss – hätte die „NZZ“ die telefonische Nachfrage beim Suhrkamp-Verlag abgewartet, wäre sie um eine lustige Anekdote reicher und um eine peinliche Erfahrung ärmer. Beinahe tröstlich ist allerdings, dass alles schon bald wieder vergessen sein wird. Jeder kennt Mark Twains berühmtes Zitat: „Der Bericht über meinen Tod ist stark übertrieben.“ Aber wer weiß noch, welcher arme Tropf ihn in die Welt setzte?