Mit der Kampagne „#KulturOhnePolster“ protestiert die freie Kölner Kulturszene gegen geplante Kürzungen. Sie fordert verlässliche Förderstrukturen und eigene Räume für freie Kunst.
#KulturOhnePolsterKölner Kulturszene wehrt sich gegen Sparpläne

Jetzt hängen sie in: die Plakate zur Aktion #KulturOhnePolster.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
„Unsere Bühne die ganze Stadt“ oder „Kulturförderung im Tiefschlaf“ steht auf den Plakaten der freien Kulturszene in Köln, die seit Anfang der Woche (21. September) in Köln hängen. Auf den ersten Blick ähnelt die Plakataktion der von den Bühnen Köln. Ihre Botschaft ist aber eine andere: „#KulturOhnePolster“ soll gegen die geplanten Haushaltskürzungen mobilisieren und gleichzeitig sichtbar machen, was die freie Szene heute für Köln leistet. Initiiert wurde die Kampagne vom KulturNetzKöln und der Initiative Freie Musik (IFM).
Die Plakatkampagne wird gemeinsam mit dem Werbevermarkter Ströer im öffentlichen Raum auf Werbeträgern für Kultur und Veranstaltungen verbreitet. „Es sind Brotkrumen, die man überall verteilt, in sozialen Medien und in der Plakatwerbung. Es braucht ungefähr drei bis neun Berührungspunkte, damit eine Kampagne Erfolg hat und Menschen auf eine Landingpage gelangen, auf der die ausführlichen Informationen stehen“, sagt Emilio Holguin, Grafiker und Gestalter der Kampagne.
„Die Gelder und Ressourcen sind zwischen freier Szene und städtischen Institutionen zu ungleich verteilt und es ist höchste Zeit, dass die kommunale Kulturförderung weiter nachzieht und andere Strukturen schafft“, sagt Thomas Gläßer, Vorstand des KulturNetzKöln und kulturpolitischer Geschäftsführer der IFM. Die Politik spreche zwar immer öfter von zwei gleichberechtigten Säulen, so Gläßer, doch die finanzielle Situation sehe ganz anders aus. Der Anteil am Haushalt, der in die freie Szene fließt, beträgt ungefähr 0,2 Prozent des Haushalts und gut vier Prozent des Kulturetats. Die freie Szene produziere aber 70 Prozent der Kulturveranstaltungen in Köln.
Der am 2. September eingebrachte Haushaltsplanentwurf 2027/2028 sieht starke Einschnitte im Kulturbereich vor. Nach Berechnungen der freien Szene betragen die vorgesehenen Kürzungen von 2026 bis 2028 etwa 23 Prozent. Sie vermuten, dass die Kürzung angesichts der massiven Kostensteigerungen der letzten Jahre, die nur punktuell ausgeglichen wurden, aber noch deutlich höher ist. Für die Szene wären die Folgen „verheerend“, sagt Gläßer, wenn diese Kürzungen bei der Verabschiedung des Haushalts am 12. November Bestand hätten. Sie sei der falsche Ort, um Geld zu sparen, sagt Gläßer.
Freunde von Schauspiel und Oper, nicht vom Missmanagement
Die Zweckbindung der Einnahmen aus der Übernachtungssteuer halten die Initiatoren für die wichtigste Stellschraube, um die Situation der freien Kunstschaffenden zu verbessern. Als freie Szene wünschen sie sich, dass mindestens 50 Prozent dieser Übernachtungssteuer ihnen zugutekommen.
Gläßer geht zudem davon aus, dass der Anteil des Kulturetats, der in die freie Szene fließt, für eine nachhaltige Aufstellung der Szene mittelfristig 20 Prozent statt bisher gut vier Prozent betragen müsste. „Deswegen wünschen wir uns eine vom Oberbürgermeister eingesetzte, überregional besetzte Expertenkommission, die einen Strukturwandel zu einer nachhaltigen Entwicklung und Besserstellung der freien Szene vorantreibt, der auch bei gleichbleibenden Kulturetats umsetzbar ist.“
Die Kölner Künstler Angie Hiesl und Roland Kaiser haben für die Kampagne Fotos von ihren Kunstinstallationen zur Verfügung gestellt. „Sofern Strukturen einmal verschwunden sind, egal wie groß oder klein, bleiben sie auch verschwunden“, sagt Hiesl. Ein Großteil der Förderung der freien Szene beruht auf Projektförderungen. Ein Nachteil, sagt sie, da in der Projektförderung kaum Betriebskosten berücksichtigt werden können, gerade für Ensembles ohne festes Haus. Betriebliche Strukturen gibt es trotzdem. Sie arbeiten das ganze Jahr über, haben laufende Personal- und Raumkosten. Jedes Jahr müssen sich auch etablierte Ensembles und Spielstätten beim Kulturamt für diese Projektförderung bewerben. Eine Planung ist so nur schwer möglich.
Was Köln zudem fehlt und von der freien Szene gefordert wird, ist ein Kooperations- oder internationales Produktionshaus für alle performativen Künste, wie es das bereits in Hamburg oder Berlin gibt. Mit dem Depot sei eine wichtige Chance dafür verloren gegangen. Für eine vielfältige Szene brauche es Orte, zu denen verschiedene freie Akteure unkompliziert und verlässlich Zugang haben, sagt Gläßer: „Es stellt sich immer wieder die Frage, wo wichtige zeitgenössische künstlerische Inhalte und Projekte Raum finden, die in den bestehenden Institutionen nicht abgebildet werden.“ Internationale Produktionshäuser verfügen über kein eigenes Ensemble, sondern dienen im Wesentlichen als Plattformen für freie künstlerische Arbeit. Philharmonie, die Oper oder das Schauspiel sind für bestimmte Inhalte und Größen konzipiert und bieten 1.500 Plätze und mehr. Für viele zeitgenössische Inhalte sind solche Größenordnungen nicht geeignet.
Mit Blick auf die wiedereröffnete Oper betont Gläßer, die freie Szene und ihre Interessenvertretungen seien grundsätzlich Freunde und Unterstützer von Schauspiel und Oper, aber „nicht so große Freunde von Missmanagement und einer Kulturbautenpolitik, die den Kulturetat massiv belastet.“ Das KulturNetz fordere deshalb unter anderem, die sanierten Räumlichkeiten für eine gemeinsame Nutzung mit der freien Szene zu öffnen. In der Kinderoper könnte man etwa Kammerkonzerte veranstalten, die der freien Szene fehlen. Gläßer hofft, dass die Stadt Köln bei der anstehenden Sanierung der Philharmonie und des Museum Ludwig nicht noch einmal dieselben Fehler mache.
Wenn bei der anstehenden Sanierung weiterer Häuser erneut Interimslösungen benötigt werden, sollten die Verantwortlichen frühzeitig überlegen, welcher nachhaltige Nutzen für die Stadt daraus entstehen kann: „Könnte man zum Beispiel im Rahmen der anstehenden Philharmoniesanierung einen modernen Kammermusiksaal schaffen, der danach der freien Szene erhalten bleibt, oder einen transdisziplinären Ort, falls das Depot wirklich verloren gehen sollte?“
