Eine italienische Forscherin raunt von 20 unbekannten Michelangelos. Kann man glauben, muss man aber nicht.
KunstmarktMeisterwerke im Fegefeuer der Eitelkeiten


Michelangelos Hauptwerk: Fresken in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.
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Auch gute Nachrichten reisen für gewöhnlich schnell, aber diese müht sich gerade mit elefantöser Grazie über die Alpen: Valentina Salerno, eine italienische Forscherin, will in jahrelanger Archivarbeit Beweise dafür gefunden haben, dass Michelangelo sein künstlerisches Erbe nicht aus Sorge um den eigenen Ruf verbrannte, sondern durch geheime Gänge in eine noch geheimere Schatzkammer bringen ließ, um es vor gierigen Fürsten und erbschleichenden Verwandten zu beschützen.
20 unbekannte Michelangelos wären eine Weltsensation
Zuerst berichtete eine römische Zeitung über die Studie, deren Autorin von 20 den Flammen entronnenen und bislang unbekannten Michelangelo-Originalen raunt – eine Weltsensation, die bislang allerdings lediglich von einer österreichischen Nachrichtenagentur weiterverbreitet wurde. Tatsächlich klingt die Geschichte zu schön, um wahr zu sein. Aber das gilt auch für das von Giorgio Vasari berichtete Eitelkeitsfeuer am Totenbett; demnach habe der um seinen unfehlbaren Ruf besorgte Michelangelo sämtliche Beweise dafür vernichten wollen, dass auch er auf leidige Vorarbeiten, auf Skizzen und Modelle angewiesen war. Vasari, ein Zeitgenosse Michelangelos, war der Begründer der Kunstgeschichte – und gilt zugleich als deren erster Dan Brown.
Gestützt wird Salernos Studie vor allem durch den Möglichkeitssinn: Viele Michelangelo-Forscher schließen nicht aus, dass der sterbende Künstler Zeichnungen und Modelle unter Umgehung der Erbfolge an Freunde und Mitarbeiter verteilte. Wie zum Beweis wurde gerade eine nach Jahrhunderten aufgetauchte Fußskizze Michelangelos für 27 Millionen US-Dollar versteigert.
Offenbar hat Michelangelo geahnt, wie begehrt selbst seine „unwürdigen“ Skizzen sein würden – jedenfalls hat er den widerstreitenden Legenden nach alles dafür getan, ihren Preis durch künstliche Verknappung in die Höhe zu treiben. Aber das bleibt, wie alles andere in dieser Geschichte, spekulativ. Die größte Schatzkammer ist der Möglichkeitsraum einer undurchdringlichen Vergangenheit.

