Abo

Schriftsteller fährt jetzt Straßenbahn„Irgendwann reicht’s, ich habe die Schnauze voll“

6 min
Mann steht vor Bücherregal

Diogenes-Autor Christoph Poschenrieder im Ehrenfelder Buchsalon

Christoph Poschenrieder schrieb acht Romane im Diogenes-Verlag. Nach Köln kam er zu seiner vorletzten Lesung.

Am Vorabend seiner nächsten Schicht in der Münchner Tram sitzt Christoph Poschenrieder vor 27 Gästen auf einem Plüschsofa des Buchsalons in Ehrenfeld. Wenn nichts dazwischenkommt, ist es die vorletzte Lesung seines Schriftstellerlebens. Der einst hochgelobte Poschenrieder liest so leise aus seinem letzten Roman, dass die Geschichte seiner Großtante Hedwig, die von den Nazis umgebracht wurde, weil sie psychisch krank war und daher unwert, zu leben, fast untergeht im Gebrabbel und Gläserklirren und Flipperklickern der Gaststätte nebenan.

Acht Romane bei Diogenes, Nominierung für Buchpreis

Christoph Poschenrieder hat acht Romane in 15 Jahren beim Schweizer Diogenes-Verlag veröffentlicht. Für die Geschichte eines schwulen Kunsthistorikers, der sich in Apulien auf die Spuren von Friedrich II. begibt („Das Sandkorn“), war er für den Deutschen Buchpreis nominiert. Jetzt arbeitet er als Straßenbahnfahrer. Auf seiner Website hatte er es angekündigt: „Fräulein Hedwig“ sei sein letzter Roman. „Es ist genug“, schreibt er da.

Ein weiblicher Fan in der letzten Reihe der Buchhandlung fühlt sich bei dem Satz an Bachs Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“ und Elias Worte in der Bibel erinnert: „Es ist genug, o Herr, so nimm nun meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ Darunter mache der hochgebildete Poschenrieder es nicht. Oder doch? „Irgendwann reicht’s einfach. Ich habe die Schnauze voll“, sagt er auf dem Sofa neben Buchhändlerin Claudia Haas fläzend. Haas fleht Poschenrieder fast an, er möge seine Entscheidung doch überdenken. Der sagt: „Ne, ne. Ich habe meinen Frieden damit gemacht.“ Haas zieht die Mundwinkel runter, Poschenrieder rauf. Hat er?

Man hat natürlich keine Sicherheit, nie. Mit 35 kann man das verputzen, aber irgendwann wurde mir das zu heiß. Ich bin jetzt über 60…
Christoph Poschenrieder

Seit einem Jahr fährt der 61-Jährige jetzt Straßenbahn. Morgen Nachmittag hat er von 16 Uhr bis 1.30 Uhr wieder Dienst, er fährt dann die Tram 25 vom Max-Weber-Platz über Ostfriedhof, Wettersteinplatz und Großhesseloher Brücke zum Derbolfinger Platz in Grünwald und zurück, bei Schichthalbzeit wechselt er auf die Tram 19, von Pasing nach Laim, bei Touristen sehr beliebt, weil sie den ganzen Reichtum Münchens zeigt, Justizpalast und Alter Botanischer Garten, Promenadeplatz, Residenz, Nationaltheater, Marienplatz, Maximilianstraße, Maximilianeum. 

Wie ging das in München eigentlich, als freiberuflicher Schriftsteller zu (über)leben? Es sei ein Auf und Ab gewesen, hat Poschenrieder in einem mit Schreibtisch, Büchern, Waschbecken und Geschirr vollgestellten Kabuff der Buchhandlung erzählt. Seine Frau sei auch Freiberuflerin, als Dokumentarfilmerin passabel im Geschäft. „Mit Lesungen kann man ein bisschen was verdienen, wenn man 20 oder 30 macht pro Buch. Aber man hat natürlich keine Sicherheit, nie. Mit 35 kann man das verputzen, aber irgendwann wurde mir das zu heiß. Ich bin jetzt über 60…“

Ein Mann sitzt auf einem Sofa und schreibt in ein Buch.

Ein letzter Eintrag ins Buch des Ehrenfelder Buchsalons: Christoph Poschenrieder

Beim Rückblicken ist Poschenrieder fast ins Schwelgen geraten: Er habe ein Literaturstipendium in Bamberg gehabt, elf Monate. „Das war herrlich. Man lebte da in fürstbischöflicher Umgebung und bekam noch 1500 Euro steuerfrei im Monat. Drei Monate war ich mal in Venedig für ein Stipendium, auch toll.“ Und dann, vor allem, das Schreiben. „Es macht mir einfach Spaß, es ist ein schönes Spiel. Wenn ich einen schönen Satz hinbekomme, finde ich das extrem befriedigend.“ Und jetzt, schreibe er nicht mehr? „Nein, gar nicht. Wieder für Zeitungen zu schreiben oder PR, das wäre nicht infrage gekommen.“

Wenn er früher mal mit der Brotlosigkeit des Literaturbetriebs gehadert habe, habe er immer gesagt: „Dann werde ich halt Straßenbahnfahrer. Das habe ich jetzt einfach gemacht.“ In die Ironie mischt sich ein bisschen Trotz.

Der Verlag hat diesen herausragenden Autor vernachlässigt – er ist nicht so gefördert worden, wie es einem Schriftsteller seines Rangs gebührt
Buchhändlerin Claudia Haas

Buchhändlerin Haas, die Poschenrieder zum fünften Mal eingeladen hat und ihm nach der Lesung das Du anbieten wird, ist nicht nur traurig, sie ist wütend. „Der Verlag hat diesen herausragenden Autor vernachlässigt – er ist nicht so gefördert worden, wie es einem Schriftsteller seines Rangs gebührt“, sagt sie. „Es ist ein Jammer.“ Der tief blicken lasse auf den Zustand des Betriebs.

Ob er sich vernachlässigt fühle? Er würde das so nie sagen. Und doch, nun ja: „Es klingt vielleicht etwas nach Jammerei, aber wenn du in meinem Alter bist, ein weißer Mann, ohne Migrationshintergrund, normal hetero, dann ist da nix. Das Feuilleton dreht sich um interessantere Dinge, auch um interessantere Autorenfiguren, die immer stärker in den Vordergrund getreten sind.“ Es brauche, sagt Poschenrieder, heute nicht nur ein gutes Buch, „das vielleicht gar nicht mal mehr, sondern auch und vor allem eine interessante Autorenfigur“. Er gönne es allen, die mit ihrer Literatur erfolgreich seien. „Aber ich hätte es mir schon auch gegönnt.“ Er lächelt.

Einer seiner Lieblingsautoren ist Gustav Meyrink, der Ironie und Satire auch nicht abgeneigt war. In „Der unsichtbare Roman“ hat Poschenrieder ihm ein Denkmal gesetzt: Da erzählt er – wahre Geschichte –, wie Meyrink von der Reichsregierung den Auftrag erhielt, den Freimaurern in einem Roman die Schuld am Ersten Weltkrieg in die Schuhe zu schieben. Intellektuelle glauben an ihre moralische Überlegenheit und stecken mitten im Sumpf des Propagandasystems. Eine Story nach Poschenrieders Geschmack.

Ich habe mir gedacht: Ich mache es professionell, ich mache es ernsthaft, vielleicht auch ganz gut – da wäre es schön, wenn man auch ein Auskommen damit verdienen könnte
Christoph Poschenrieder

„Man kann vom Dichten erst leben, wenn man längst krepiert ist“, hat Meyrink, der 1932 starb, mal gesagt. „Ich lebe ja noch, aber dass das so nicht funktioniert, die Erfahrung habe ich schon gemacht“, sagt Poschenrieder im Hinterzimmer des Buchsalons. Es gehe darum, ob die eigenen Erwartungen berechtigt seien – und realistisch: „Ich habe mir gedacht: Ich mache es professionell, ich mache es ernsthaft, vielleicht auch ganz gut – da wäre es schön, wenn man auch ein Auskommen damit verdienen könnte. Vielleicht wäre das auch irgendwie gerecht. Aber das ist vielleicht der falsche Ansatz.“

Was die Literatur angehe, so sei er doch eher pessimistisch. „Es wird schon immer mehr Schrott gelesen.“ Auf seiner Website ist zu lesen: „Follow no one. Erstellt von Menschen, nicht von KI.“ Nie sei er auf den Gedanken gekommen, lustige Krimireihen zu schreiben oder sonstwie gefällige Unterhaltungslektüre. „Dafür hätte ich ja nicht schreiben müssen.“

Mit Schopenhauer teilt Poschenrieder den gemäßigten Pessimismus

„Die Welt ist im Kopf“ hieß Christoph Poschenrieders erster Roman, angelehnt an Arthur Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Die Vorstellung, dass es sich als talentierter Schriftsteller leidlich leben lassen müsste, hat sich trotz festen Willens nicht in die Realität übertragen lassen. Mit Schopenhauer teilt Poschenrieder den gemäßigten Pessimismus, „dass ich keine Heilserwartung habe und lieber erst mal schaue, was in meiner Umwelt passiert, lieber Erfahrungen mache, als Hypothesen aufzustellen“. Dass er nie geschrieben habe, um politische Botschaften zu verbreiten, auch. So etwas könne sich aus einem Buch entwickeln, „aber erst mal brauche ich eine gute Geschichte, die ich gut erzählen will“.

In „Fräulein Hedwig“ wird seine psychotische Großtante von einem brutalen Regime verfolgt, das auf die Schwachen keine Rücksicht nimmt, ihnen die Würde abspricht. Fast unweigerlich denkt man an Trump und Höcke und fragt sich: Wiederholt sich Geschichte gerade? „Wenn solche Fragen auftauchen, finde ich es schon gut“, sagt Poschenrieder. „Aber es war nie mein Antrieb, um Romane zu schreiben. So viel Vertrauen hatte ich in Literatur noch nie.“