Schiller verachtete ihn als platten Naturnachahmer und musste von Herder dazu veranlasst werden, einen geplanten „bittern Ausfall“ in seinem Aufsatz „Über naive und sentimentalische Dichtkunst“ zu unterdrücken. Überhaupt meinte es die Weimarer Klassik nicht gut mit dem Dichter Matthias Claudius, der an diesem Mittwoch vor 200 Jahren 74-jährig in Hamburg verstarb: „Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote! von Wandsbek;/ Wahrheit sie war dir zu schwer, Irrtum den brachtest du fort.“ So lautet eines von Goethes und Schillers polemischen, von den Autoren „Xenien“ genannten Distichen, das anspielt auf Claudius’ zweite Profession: Er war fünf Jahre lang einziger Redakteur (sprich: Verfasser) der Zeitung „Wandsbecker Bote“ gewesen.
Das „Abendlied“ hat sich tief in die deutsche Gemütswelt eingebrannt
Als Dichter unter den klassischen Idealitätsanforderungen bleibend, als Journalist angeblich einem mystisch-frömmelnden Obskurantismus huldigend – da blieb nicht mehr viel übrig. Die Wirkungsgeschichte hat den Blitzeschleuderern aus Weimar freilich nicht recht gegeben: Was die Popularität anbelangt, so wird Goethes Mondgedicht „Füllest wieder Busch und Tal“ vom „Abendlied“ des geschmähten Kollegen bei weitem geschlagen: Das 1779 erstmals veröffentlichte „Der Mond ist aufgegangen“ hat sich – auch dank der suggestiven, ein wenig leiernden Vertonung durch den Zeitgenossen Johann Abraham Peter Schulz – in die deutsche Gemütswelt so tief eingebrannt wie kaum ein anderes Gedicht.
Freilich ist die Schlichtheit, die Formelhaftigkeit der lyrischen Sprache nicht zu unterschätzen – die Volkstümlichkeit und Eingängigkeit ist bewusst hergestellt. So ist das Gedicht eine genaue Kontrafaktur von Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“, auf dessen Melodie es sich ebenso gut singen lässt. Diese Beziehung stiftete seit jeher sogleich die Aura des Vertrauten und Bekannten.
Indes vollzieht Claudius, der literaturgeschichtlich der Empfindsamkeit zuzurechnen ist, radikal den Bruch mit der emblematisch-allegorischen Barock-Lyrik, wie sie etwa das „Abendlied“ des Andreas Gryphius repräsentiert („die Nacht schwingt ihre Fahn/ Und führt die Sternen auf“), mit dem sich Claudius gedanklich zumindest berührt. „Der Wald steht schwarz und schweiget/ und aus den Wiesen steiget/ Der weiße Nebel wunderbar“ – das ist ein Naturbild, das zunächst auf nichts außerhalb seiner selbst verweist.
Claudius kommt dann aber – in einer etwas sprunghaften und logisch nicht ganz einwandfreien Assoziation – doch rasch zu den „letzten Dingen“. Die drei Schlussstrophen sind Gebet. Zwar ist ihm die hereinbrechende Nacht nicht wie Gryphius das Sprungbrett zur Entsagung ans irdische Jammertal – Claudius’ Nachtstille hat nichts Widriges, sie ist „traulich“ und „hold“. Dennoch heißt es, bevor sich der lyrische Sprecher in einer Geste christlicher Caritas dem „kranken Nachbarn“ zuwendet, in der letzten Strophe: „Kalt ist der Abendhauch.“ Das aber ist der Hauch des Todes, der als Reaktion die Anrufung eines gnädigen Gottes auslöst.
Matthias Claudius wird 1740 als Sohn eines Pastors im holsteinischen Reinfeld geboren. Studium der Rechts- und Kameralwissenschaft in Jena. Seit 1763 literarische Veröffentlichungen.
1768 beginnt Claudius als Redakteur bei den „Hamburger Adreß-Comptoir-Nachrichten“. Bekanntschaft mit Lessing und Herder. 1770 Übersiedlung nach Wandsbeck.
1771 bis 1775 gibt er unter dem Pseudonym „Asmus“ den „Wandsbecker Boten“ heraus. Die Zeitschrift wird kein Erfolg.
1776 findet Claudius als Oberlandeskommissar in Darmstadt eine Anstellung, zieht jedoch mit seiner Familie ein Jahr später nach Wandsbeck zurück. Seine prekäre finanzielle Lage bessert sich, als er auf Veranlassung des Kronprinzen von 1785 an vom dänischen Hof eine Jahrespension erhält.
21. Januar 1815 Matthias Claudius stirbt im Haus seines Schwiegersohnes, des Hamburger Verlegers Friedrich Christoph Perthes. (MaS)
In seiner neuen Claudius-Biografie stellt der Musikwissenschaftler Martin Geck heraus, dass die Poesie dieses Gedichts „keines wissenschaftlichen Gütesiegels bedarf“. Der Dichter konzentriere hier „Jahrhunderte evangelischer Glaubenserfahrung“. Und er „vermittelt ein Weltbild, das auch modernen Christen etwas bedeuten kann: Der Mensch ist ein »eitel armer Sünder« [...] aufgrund eines Dünkels, der ihm alles machbar erscheinen lässt und doch die Welt kaum bessert.“Tatsächlich lässt sich die Aufklärungsfeindschaft des Gedichts, die verordnete Ignoranz („Lass uns einfältig werden“) heute, im Licht der Erfahrung mit einer weltzerstörenden Vernunftherrschaft, anders lesen als zur Entstehungszeit, da sie bei den Vertretern des verbreiteten Fortschrittsoptimismus hämische Kommentare auslöste.
Anklagen gegen Fürstenwillkür und Krieg
Selbst Claudius’ Feindschaft gegenüber der Französischen Revolution wird man mit Blick auf deren Verlauf heute differenziert bewerten müssen.
Zumal sie ihn nie davon abgehalten hat, gegen die Willkür absolutistischer Fürsten und ihre Kriege mit der Folge von Tod, Elend und Verwüstung die Stimme zu erheben. Sein „Kriegslied“ („’S ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre“), dessen erste und letzte Strophe mit den Versen „’s ist leider Krieg – und ich begehre/ nicht schuld daran zu sein“ enden, erzielte seine überwältigende Wirkung aber nicht im 18., sondern erst im 20. Jahrhundert. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.
Über dem Mystiker und dem apokalyptischen Warner sollte indes nicht der Humorist Claudius vergessen werden, der in einem „Motetto“ den ersten Zahn seines Kleinen feiert („Victoria! Victoria!/ Der kleine weiße Zahn ist da“). Auch ihn wieder zu entdecken gibt dieses Claudius-Jahr Anlass. Und auf das bissige Xenion aus Weimar antwortete Claudius mit einer bildkräftigen Schlagfertigkeit, die man ihm auf Anhieb kaum zutraut: „Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;/ Im Pentameter drauf lässt er ihn wieder heraus.“
