Seit jeher ist das amerikanische Kino fasziniert vom organisierten Verbrechen, und Martin Scorsese hat mit „Mean Streets“ (1973) und „Goodfellas“ (1990) Meilensteine im Genre des Mafiafilms gesetzt. Nun fügt der 77-jährige Altmeister mit „Irishman“ einen weiteren hinzu. Dreieinhalb Stunden dauert das Werk, das mit dem Streaming-Dienst Netflix produziert wurde. Man kann nicht behaupten, dass diese exorbitante Laufzeit im Flug vergeht.
Der Aufstieg des Frank Sheeran
Aber spätestens nach einer halben Stunde groovt man sich ein auf das überraschend gelassene Tempo, in dem die abenteuerliche Karriere eines Auftragsmörders bis zum bitteren Ende im hohen Alter durchdekliniert wird. Der Mann heißt Frank Sheeran (Robert De Niro) und er ist der einzige Ire im italienischen Mafiakartell, das Philadelphia, Pittsburg und Detroit kontrolliert.

Verjüngt in der Vergangenheit: Ray Ramano, Al Pacino als Jimmy Hoffa und Robert De Niro als der Ire Frank Sheeran
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Der Weltkriegsveteran, der im Italienfeldzug das Töten gelernt hat, verdingt sich als Lastwagenfahrer und kutschiert Rinderhälften durch die Gegend, von denen er einen Großteil unter der Hand verschwinden lässt. Bei einer Panne lernt er an der Tankstelle den Mobsterboss Russell Bufalino (Joe Pesci) kennen, der schon bald Gefallen an der stoisch-kriminellen Entschlusskraft des Iren findet.
Auf dem Weg nach oben
Allmählich klettert Sheeran in der Hierarchie des Clans nach oben und wird zum Sonderbeauftragten, der die Ermordung unliebsamer Kunden und Konkurrenten schnell und diskret erledigt. Schließlich wird er an den legendären Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) als Leibwächter und Problemlöser vermittelt. Hoffa, so erzählt Franks Erzählerstimme aus dem Off, sei damals ein Star gewesen und nach dem Präsidenten der mächtigste Mann im Land. Und mit Hoffa wird auch „Irishman“ in die wendungsreiche Zeitgeschichte der 60er Jahre eingebettet.
Denn die Mafia mischt auch im politischen Geschehen kräftig mit und befördert nach eigenem Bekunden John F. Kennedy an die Macht. Der neue Präsident, so die Abmachung, soll den Sozialisten Castro aus Kuba verjagen, damit die Mafia dort wieder ihre Casinos betreiben kann. Immer mit dabei ist Frank Sheeran, der einen Lastwagen voller Waffen nach Miami bringt, wo die Invasion auf die Schweinebucht vorbereitet wird. Die misslungene Militäroperation ist der Mafia genauso ein Dorn im Auge, wie die Politik des neuen Justizministers Bobby Kennedy, der gegen das organisierte Verbrechen vorgeht und schließlich auch Hoffa wegen Betrugsdelikten hinter Gitter bringt. Als Hoffa 1971 auf Bewährung entlassen wird, will er wieder auf den Gewerkschaftsthron. Die Mafia hat sich jedoch inzwischen mit seinem Nachfolger gut arrangiert. Aber Hoffa ist ein sturer Kerl und droht, unliebsame Geheimnisse preiszugeben. Erzählt wird das Ganze in einer Rückblende. Wie einst „Goodfellas“ beginnt auch „Irishman“ mit einer mehrminütigen Kamerafahrt.
Inmitten von Altenheim-Fluren
Aber hier geht es nicht durch die Küche in einen mondänen Nachtclub, sondern durch die Flure eines wenig glamourösen Altersheims, in dem schließlich Frank als Erzähler im Rollstuhl etabliert wird. Auf diese Zeitebene kehrt Scorsese im letzten Filmviertel zurück, und hier spielt sich nach all den abenteuerlichen Erzählungen das eigentliche Drama ab. Denn das, was dem Publikum als Legende vorgeführt wurde, ist aus der Perspektive eines Mannes, der dem natürlichen Tod ins Auge blickt, eigentlich nur ein verpfuschtes Leben.
Nur der Ire bleibt übrig
Von all den Männern, denen Frank in enger Verbundenheit loyal gedient hat, ist keiner mehr übrig geblieben. Seine Tochter (Anna Paquin) spricht mit ihm seit dem „Verschwinden“ Hoffas kein Wort mehr, und als der Priester ihn fragt, ob er Reue empfinde, zuckt Frank mit den Schultern. Zu lange schon hat er sich und seine Taten von den eigenen Gefühlen abgekoppelt, um moralische Empfindung zu haben. Mit subtiler Konsequenz dekonstruiert Scorsese die Mafiamythen, an deren Herausbildung er selbst in seinem filmischen Werk mitgewirkt hat. Sein „Irishman“ ist ein ebenso episches, wie selbstkritisches Alterswerk, vor dessen ruhiger, nachdenklicher Kraft man den Hut ziehen muss.
