Der kürzeste Heiratsantrag, den man aus der Literatur kennt, stammt von Wilhelm Busch: „Mädchen, spricht er, sag’ mir ob“/ „Und sie lächelt: Ja, Herr Knopp!“ Manche Reime von Busch hören sich schräg an, bringen einen aber zum Lachen. Buschs Komik ist immer näher an der Katastrophe als am der Idyll. Hans Huckebein erhängt sich aus Versehen. Max und Moritz enden als Entenfutter. Mit Heiterkeit hat das alles nichts zu tun. Buschs Komik entfaltet sich in Regionen, in denen die Moral nicht zu Hause ist.
Als 1865 das „kleine Kinder-Epopoe“ (Busch) der „beiden bösen Buben“ erstmals erschien, ahnte wohl niemand, dass dieses Werk einmal die Welt erobern würde. Und kaum einer wusste, wie eng diese Bildergeschichten durch die Jugenderinnerungen ihres Autors beeinflusst sind. Aufgewachsen in Wiedensahl bei Hannover, wurde Busch vom neunten Lebensjahr an von seinem Onkel erzogen, dem Pastor Georg Kleine. Er wurde zum Einzelgänger und erinnerte sich später nur an zwei Erfahrungen aus der Kindheit: Wie der Vater ihn schlägt und wie er mit der Großmutter morgens früh zusammen in der stillen, warmen Küche sitzt. In Hannover erlebte Busch 1848 die Revolution. Drei Jahre später ging er als Malschüler an die Düsseldorfer Kunstakademie und veröffentlichte später in München seine ersten Arbeiten in den „Fliegenden Blättern“. Hier entdeckte er, dass Bildergeschichten ihm gut lagen. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Skizzen zu Max und Moritz.
Sich lustig machen
Die Jungen machen sich in ihren bekannten Streichen lustig über „weise Lehren“, wollen sich nicht zum „Guten bekehren“ und sind zu jeder „Übeltätigkeit“ bereit. Die Geschichten wirken zwar recht drastisch, sind für Kinder aber „keine Steilvorlage für Bockmist“, meint der Kölner Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. Er charakterisiert die Geschichte von Max und Moritz als eine „Mischung aus Spannungs-, Orientierungs- und Neugier-Lektüre“, mit der sich Kinder und Jugendliche konkret auseinandersetzen könnten. Im Dorf passieren in sieben Streichen merkwürdige Dinge. Tote Hühner hängen im Baum und verschwinden wieder spurlos, kaum dass sie gebraten sind. Eine Brücke kracht zusammen, eine Pfeife explodiert und aus einem löchrigen Getreidesack quillt das Korn heraus. Im vierten Streich gehen Max und Moritz besonders radikal vor, wenn sie die Pfeife des Dorfschullehrers Lämpel mit Schwarzpulver füllen. Beim Anzünden explodiert die Pfeife und Lämpel erleidet schwere Hautverbrennungen. Max und Moritz machen sich nach heutigen Gesichtspunkten wieder und wieder strafbar: Tierquälerei, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Diebstahl und schwere Körperverletzung. Albert Wunsch erinnert sich daran, dass er selbst mit sechs Jahren die Geschichte vorgelesen bekam. „Kinder können sich durchaus mit einer solchen Lektüre identifizieren“, glaubt er.
Busch lässt die beiden Jungen nach Lust und Laune agieren und Schaden anrichten, macht als Ich-Erzähler aber zugleich eine Vorhersage: „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!“ Das signalisiert dem Leser: Die Sache kann nicht gut gehen.
Das Ende beim Dorfbäcker
Der Anfang vom Ende beginnt für Max und Moritz, als sie sich den Dorfbäcker als Opfer aussuchen. Über den Kamin gelangen sie in sein Haus, fallen zuerst in die Mehlkiste und dann in eine mit Teig gefüllte Form. Als der Bäcker zurückkehrt, greift er die in Teig eingehüllten Jungen, formt sie zu Brot und schiebt sie in den Ofen. Doch die beiden überleben und fliehen. Innerhalb kürzester Zeit durchleben Max und Moritz eine beängstigende Metamorphose. Bauer Mecke erwischt sie, als sie Löcher in die Getreidesäcke schneiden. Er bringt sie zum Müller, der sie in der Mühle zu kleinen Stücken zermahlen lässt, die dann an Enten verfüttert werden.
Wie wirkt das alles auf die Kinder von heute? Wunsch hat die Erfahrung gemacht, dass die Wirkung sehr davon abhängt, ob eine vertraute Person beim Vorlesen dabei ist. Und: „Bei Kindern kommt es immer gut an, wenn sie erkennen, welche Konsequenzen aus Taten zu ziehen sind. Ich würde Max und Moritz immer empfehlen, weil in diesen Bildergeschichten die Aussagen verbindlich sind und weil das Gute am Ende siegt und das Böse bestraft wird.“
