Abo

Serie

Mein Kulturmonat
„Wenn die Förderung zurückgeht, müssen die Besucherzahlen steigen“

7 min
Ein Mann mit Brille lächelt in die Kamera.

Fatih Çevikkollu ist in Köln-Nippes aufgewachsen. Für sein Schauspielstudium ging er nach Berlin. 

Kabarettist Fatih Çevikkollu über kleine Theater in Köln, das richtige Kabarett-Publikum und türkische Buchläden.

Kultur ist der Kanarienvogel im Bergwerk der Gesellschaft. Wenn der umfällt, geht es nicht mehr lange. In der Kölner Kultur tut sich gerade viel. Aber nicht nur Gutes: Dass es in Mülheim jetzt bald überhaupt kein  Schauspiel mehr gibt, finde ich einen großen Verlust. Ich mag das Depot und es ist für den Stadtteil ein großer Gewinn, dort eine Spielstätte zu haben. Allein die Verbindung über die Keupstraße war wichtig und schön.

Ich würde mir wünschen, dass auch die Kölner mehr ins Theater gehen – auch in die kleineren. Denn es gibt nicht nur Gloria und Comedia. Es lohnt sich zum Beispiel auch immer ein Blick ins Programm des Atelier Theaters oder des Arttheaters. Köln hat so eine hohe Dichte an kleinen Spielstätten. Und wenn die Förderung zurückgeht, müssen die Besucherzahlen steigen. Dann brauchen wir noch dringender Zuschauer, die sagen: „Komm, ich kaufe ein Ticket und schaue mir lieber eine Vorstellung an, als zwei Stunden durch irgendwelche Reels zu scrollen.“

Kultur kann darstellen, informieren und provozieren. Wie man das schafft? Indem man einen eigenen Blickwinkel hat, also eine eigene Haltung. Dann trägt man Informationen zusammen. Haltung plus Information ergibt den Dreiklang: Haltung, Information, Gag. Man kann zum Beispiel auf die eigene Stadt schauen. Der Witz über die Opernsanierung lautet: Eine Großstadt erkennt man daran, dass sie ihre Großbaustellen nicht fertigbekommt.

Ich hoffe, dass die Menschen nach einer Vorstellung von mir lebendiger und vielleicht sogar glücklicher sind, Denkanstöße bekommen haben, gelacht haben und berührt worden sind. Das bieten wir an. Aber das Rennen findet in einer völlig veränderten Medienarchitektur statt.

In meinem aktuellen Programm „K. I. – Kritische Intelligenz“ mache ich Künstliche Intelligenz transparent und sichtbar. Wir hatten die Premiere im vergangenen November im Kölner Gloria. Vieles war schon geschrieben, aber die Entwicklung war damals noch nicht so präsent. Jetzt wird das Programm täglich aktueller. Wir sitzen im Grunde in einem Flugzeug, in dem nur die Piloten einen Fallschirm haben. Eine Entwicklung, von der wir noch gar nicht überblicken, was sie bedeutet.

Außer im Gloria spiele ich immer in der Comedia. Die hat eine wohnzimmerartige Atmosphäre, im guten Sinne. Ich mag das Publikum dort. Ich finde, Kabarettpublikum soll mitdenken und mitlachen: relevant und lustig soll es sein. Angefangen habe ich im Senftöpfchen, das hat immer eine besondere Intimität. 2004 habe ich im Friseursaal meines Bruders eine Stand-up-Comedy-Show organisiert. Das lief gut, und ich hatte schnell viel Material für ein Programm.

Ein älterer Nachbar kannte Alexandra Kassen, damalige Leiterin des Senftöpfchens, und sagte ihr Bescheid. Sie kam, schaute sich das Programm an und sagte: „Das ist ein guter Ton, frisch und neu.“ Ich bin heute immer noch gerne da. Hier bekommen auch kleine Künstler, wie ich damals, die Chance zu spielen. Weil Frau Kassen, heute ist es die Tochter, sich vorab auch anschaut, was Köln abseits der großen Bühnen zu bieten hat.

Ein Rapbattle und Prince im Kulturbunker

Privat gehe ich viel zu Lesungen und schaue mir Kollegen an. Auch in den Kölner Bürgerzentren gibt es spannende Veranstaltungen, zum Beispiel das Esch-Kabarett im Bürgerzentrum Ehrenfeld. Dort bekommt man Kabarett für eine schmale Marie.

Diesen Sommer habe ich die Treppe am Rheinboulevard auch noch einmal neu entdeckt. Da haben immer wieder Musiker für den Hut gespielt. Drumherum saßen viele Menschen und haben den Sonnenuntergang genossen. Da hat sich eine richtige abendliche Ausgeh-, Flanier- und Musizierkultur entwickelt. Komplett kostenlos und niedrigschwellig. Sehr sympathisch!

Spannend ist auch der Kulturbunker Mülheim. Ich war dort bei einer Buchvorstellung von Selim Özdans Buch „Ihr kriegt uns hier nicht raus“. Das Buch spielt in Köln in den 1970er- und 1980er-Jahren. Das ist meine Kindheit: ein besetztes Haus, in dem eine türkisch-kurdische Familie lebt. Im Buch taucht immer wieder Musik aus den 1980er-Jahren auf. Es gibt eine Stelle, an der dem Jungen sein Bonanzarad weggenommen wird. Er ist geknickt. Dann zitiert der Autor Prince: „How can you just leave me standing, alone in a world that’s so cold?“ Bei der Buchvorstellung wurde das gemeinsam mit einer Musikerin gemacht, mit Klavier und Gesang. Das war ein totales Highlight – so ein Ort hat in Köln gefehlt.

Anfang Oktober gibt es dort auch eine Battlerap-Veranstaltung mit echt hochkarätigen Leuten aus der Szene. Das ist zwar etwas nischig und ein wenig freaky, aber darauf freue ich mich. 

Migration bedeutet Stress

Mein persönliches Highlight der letzten zwei Jahre ist ein Programm in türkischer Sprache. Es heißt „5'i Bir Yerde“. Ich mache das mit vier befreundeten Kabarettisten zusammen, alle mit Köln-Bezug, und wir spielen ein Programm auf Türkisch und mit derselben Gruppe auch „Die doppelte Spaßbürgerschaft“ auf Deutsch. Wir erzählen aus unserer Biografie und aus unserer gemeinsamen Geschichte. Einige von uns kamen später aus der Türkei, andere sind hier geboren und aufgewachsen. Daraus entstehen Spannungsfelder: der Umgang mit Sprache, die Frage der Zugehörigkeit und der Gedanke, dass wir irgendwann zurückkehren würden.

In meinem Buch „Kartonwand“ habe ich 2023 exemplarisch die Geschichte meiner Familie erzählt. Meine Mutter ist 2017 in der Türkei psychisch erkrankt und starb dort allein. Als ich darüber geschrieben habe, habe ich gemerkt, wie viele Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Auch Menschen mit anderer Migrationsgeschichte erkennen sich darin wieder: Migration bedeutet Stress.

Mein jüngstes Projekt heißt „Über-Wunden“. Nach Veranstaltungen in zwei Buchläden und im Interkulturverein Mülheim soll es am 11. Oktober im Offene-Welt-Verein weitergehen. Ich lese aus dem Buch, erkläre Begriffe wie „Kofferkinder“ und lade zum Gespräch ein. Es ist magisch, weil Heilung entstehen kann, wenn Menschen sich verbinden. „Mir geht es auch so“, sagen sie, und man muss nichts erklären. Das ist im Moment mein schönstes Projekt.

Wenn man ein schlechtes Buch in der Hand hatte, nahm er es einem weg und sagte: „Das ist keine Literatur!“
Fatih Çevikkollu

Für mich gehört auch Essen zur Kultur. Es heißt ja nicht umsonst Ess-Kultur. Und auch hier wurde jetzt eine Lücke in Köln gefüllt. Wir haben viele Kebab-, Döner-, Grill- und Imbissläden. Alles gut. Aber was ich an der türkischen Küche schätze, sind die Tagesgerichte: frische Bohnen, dicke weiße Bohnen, eingelegte Weinblätter, Izmir-Köfte, also Frikadellen mit Kartoffeln. Auf der Venloer gibt es einen Laden, der jeden Tag ungefähr 30 Tagesgerichte anbietet. Richtige türkische Hausmannskost. Der Laden heißt „Maisterküche“. Für mich ein Geheimtipp in Köln. Wer mich mal treffen will, findet mich entweder da oder in Nippes, wo ich aufgewachsen bin. 

Ich finde es schwierig, in Köln an türkische Bücher zu kommen, abgesehen vom Internet natürlich. Nur in der Keupstraße gibt es noch einen Laden mit Schildern, Musik und türkischen Büchern. Und in der Moschee, aber da gibt es natürlich zu 90 Prozent nur religiöse Bücher. Ich mochte die Buchhandlung im Eigelstein. Der Buchhändler ist leider vor einigen Jahren gestorben: ein grantiger, alter, türkischer Buchhändler. Wenn man ein schlechtes Buch in der Hand hatte, nahm er es einem weg und sagte: „Das ist keine Literatur!“ Seine Söhne haben versucht, neben ihren Hauptberufen den Laden weiterzuführen, aber es lief nicht.


Fatih Çevikkollu ist seit 20 Jahren Kabarettist und gelernter Schauspieler. Mit seinem neuen Programm spielt er am 7. November im Rahmen des Cologne Comedy Festival in der Comedia. Dort gastiert er am 4. November auch mit der Mixshow „Doppelte Spaßbürgerschaft“.

Fatih Çevikkollus Tipps für den Oktober:

Diese Veranstaltungen in Köln möchte ich auch gerne selbst besuchen, falls ich es schaffe. Sie sind fernab der ganz großen Bühnen, aber gerade deswegen sehenswert: 

Battlerap auf hohem Level gibt es bei FALL OUT 6 – Future of Battlerap im Kulturbunker Köln in Mülheim. 3. Oktober, 15.30 bis 21.30 Uhr

Zum Thema Ess-Kultur ein türkischer Bar-Abend: Ein Kadeh Nostalgie in der Germania Terrasse mit türkischen Musikklassikern. Wer will sogar im Look der 70er, 80er oder 90er. 10. Oktober, 20 bis 3 Uhr

Meine Kollegen Ulan und Bator feiern ein Vierteljahrhundert auf der Bühne dieses Jahr. Nach Köln kommen sie in die Comedia. Ein guter Anlass, das Theater zu besuchen. 24. Oktober, ab 20 Uhr