Am Ende erhielten Solisten und Dirigent die üblichen Blumensträuße, die Ensemblemitglieder verbeugten sich und winkten vor dem Abmarsch ins Off sogar in die Philharmonie hinein. Alles wie gehabt? Keineswegs, in Zeiten der Corona-Pandemie ist nichts wie gehabt. So gab es zum Beispiel keinen Schlussbeifall – weil im weiten Rund des Konzertsaals niemand saß, der Beifall hätte spenden können. Zu Recht sprach Intendant Louwrens Langevoort in seiner einleitenden Ansprache von einem „Geisterkonzert“. Eine Johannespassion – zu ihrer Aufführung war das Bach-Collegium Japan unter seinem Gründer und Leiter Masaaki Suzuki nach Köln gekommen – in einen völlig echolosen Raum hinein? So viel Frust wäre den Interpreten freilich kaum zuzumuten.
Und in der Tat: Abgesehen davon, dass die Musiker das leere Konzerthaus nutzten, um eine CD-Aufnahme der Bach-Passion beim schwedischen Label BIS unter Dach und Fach zu bringen: Wer wollte, konnte das Konzert im Livestream des Kanals „Philharmonie.tv“ verfolgen. Kleinere Interferenzen in der Synchronisation von Bild und Ton waren in Kauf zu nehmen, aber ansonsten bekam der Wohnzimmer-Zuschauer die Johannespassion, zu der er sonst vielleicht in die Philharmonie gefahren wäre, kostenlos geliefert.
Technisch meist brillant
Corona hatte auch die Aufführung selbst heimgesucht: Weil die tschechische Sopranistin Hana Blažíková fürchten musste, wegen der Grenzschließung nicht in ihre Heimat zurückzudürfen, musste sie kurzfristig durch die Japanerin Aki Matsui ersetzt werden. Wird angesichts der Begleitumstände die Frage nach der Qualität – die Kernfrage jeder Musikkritik – zweit- und drittrangig oder gar hinfällig? Müssen wir nicht vielmehr froh sein, dass wir in diesen Zeiten überhaupt noch große Musik live hören dürfen? Zum Glück erspart die Gastaufführung eine Antwort auf diese Frage, denn zu würdigen ist eine technisch meist brillante, vor allem aber hochengagierte und also auch emotional immer wieder mitreißende Darbietung.
Das arrogante Erstaunen darüber, dass Musiker aus Japan dem Abendland vorexerzieren, wie man heute kompetent Bach singt und spielt, dürfte sich mittlerweile erledigt haben – nicht nur, weil im Bach-Collegium auch Europäer mitwirken. Masaaki Suzuki, der Spiritus Rector, ist Spross einer protestantischen Familie, also mit dem spirituellen Hintergrund der Musik bestens vertraut. Im Übrigen hat er in Amsterdam – studiert und selbst als Lehrer Jahre in Europa verbracht. Und er spricht fließend Deutsch. Ein authentischer Bach aus Japan – selbstredend ist das auch ein Phänomen der Globalisierung.
Es spricht sogar für die Interpretation, dass man immer wieder zweifelnd einhaken mochte – weil man es so nicht kennt und auf Anhieb übertrieben oder abwegig findet. Geht das, dass der Eingangschor auf Halbe, also alla breve genommen und solchermaßen erheblich beschleunigt wird? Dass dem Hörer die „Herr“-Rufe wie Peitschenschläge um die Ohren knallen? Dass dem Schlusschoral, insofern der (etwas über 20-köpfige) Kammer-Profichor bereits seinen Einsatz forte nimmt, die gewohnte Innerlichkeit (die selbstredend auch in Sentiment ausarten kann) genommen wird? Ja, es geht, gerade weil es auf sehr hohem Niveau zum Widerspruch reizt und keinen Augenblick gleichgültig lässt.
Ohne Gewichtung der Leistungen im Einzelnen – herauszuheben ist James Gilchrist als stark beteiligter, aber nie äußerlich-dramatischer Evangelist – seien die auch in der Artikulation des deutschen Textes mehr als nur hinlänglichen Vokalsolisten allesamt gelobt: die Sopranistin Aki Matsui, der Altus Damien Guillon, der Tenor Zachary Wilder und der Bass Christian Immler (würdig und raumfüllend als Jesus). Tadellos agierten auch die Soliloquenten aus dem Chor. Das Instrumentalensemble ließ keine Wünsche offen. Flöten, Oboen – ein herrlich beseelter Sound!
