Mockumentary „Player of Ibiza“ über Trash-TV„Feminismus ist eine ganz wichtige Sache, Mäuschen“

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Die Teilnehmer der fiktiven Show „Player of Ibiza“ Tim (Bruno Alexander, v.l.)), Marvin (Charles Booz Jakob), Anthony (Emil Belton), Abdel (Arman Kashani) und Jeppe (Sammy Scheuritzel) stehen nebeneinander auf einer Terrasse.

Die Teilnehmer der fiktiven Show „Player of Ibiza“: Tim (Bruno Alexander, v.l.)), Marvin (Charles Booz Jakob), Anthony (Emil Belton), Abdel (Arman Kashani) und Jeppe (Sammy Scheuritzel).

Eine neue ARD-Mockumentary nimmt den Sexismus vieler Trash-TV-Formate unter die Lupe.

 Chefredakteur Arne (Martin Brambach) hat die Zeichen der Zeit erkannt: Am Feminismus kommt niemand mehr vorbei. Dumm nur, dass das Reality-TV-Format „Player of Ibiza“, das er produziert, vor Sexismus und Frauenverachtung nur so strotzt. Aber das kann sich ja ändern. Und so schickt der Sender die fünf Kandidaten der Jubiläumsstaffel nicht nach Ibiza, wo sie saufend und testosterongesteuert um eine „Queen“ buhlen, sondern ins beschauliche Buchholz in der Nordheide. Das spart auch Geld.

Damit die Staffel trotz der eher unspektakulären Bilder aus Norddeutschland ein Erfolg wird, soll Regisseurin Amelie (Larissa Sirah Herden) die Teilnehmer zu guten Feministen machen. Sie weiß zwar, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, aber Amelie will ihre Karriere nicht gefährden. Und da Arne mansplained („Feminismus ist eine ganz wichtige Sache, Mäuschen“), wie es im Buche steht, als sie ihn darauf hinweist, dass sein Konzept eine Schnapsidee ist, beißt sie eben in den sauren Apfel.

Das öffentlich-rechtliche Kernpublikum ist wohl kaum die richtige Zielgruppe

„Player of Ibiza“ heißt die fünfteilige Serie von Bruno Alexander und den Zwillingen Oskar und Emil Belton, die auch die erfolgreiche und sehr lustige Amazon-Prime-Serie „Die Discounter“ verantworten. Gemeinsam mit Christian Ulmens Pyjama Pictures hat ihre Firma Kleine Brüder die Miniserie für den NDR produziert, das Buch schrieben sie mit Miriam Suad Bühler und Ellen Holthaus. Zu finden ist die Serie in der ARD-Mediathek, im linearen Fernsehen wird sie gar nicht erst ausgestrahlt. Das hat Sinn, denn verstehen kann „Player of Ibiza“ nur, wer die Vorlagen kennt. Und da ist das öffentlich-rechtliche Kernpublikum wohl kaum die richtige Zielgruppe.

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Die Mockumentary arbeitet sich an einem interessanten und durchaus bedenklichen Phänomen ab: Reality-TV-Formate wie „Der Bachelor“, „Love Island“ oder „Temptation Island“ haben Misogynie zur Kunstform erhoben. Wer auch immer der Meinung sein sollte, Feminismus sei heute doch gar nicht mehr vonnöten, muss sich nur ein paar Minuten dieser Shows anschauen, um eines Besseren belehrt zu werden: Männer sind die Macher und Entscheider, Frauen haben sexy auszusehen, den Mund zu halten und zu gefallen.

Und mit exakt diesen Rollenbildern im Kopf sind auch die fünf Prachtexemplare angereist, die Amelie nun bekehren soll. Rich Kid Anthony (Emil Belton) prahlt mit seiner „Fickliste“, auf der er notiert hat, mit wie vielen Frauen er angeblich schon Sex hatte. Möchtegern-Rapper Marvin (Charles Booz Jakob) verbrät in seinen Texten so ziemlich jedes Sexismus-Klischee, Tim (Bruno Alexander) holt sich sein Selbstbewusstsein im Fitnessstudio, Abdel (Arman Kashani) will mit einer noch zu gründenden Donut-Kette groß rauskommen und inszeniert sich ansonsten als strenggläubiger Moslem, auch wenn er offensichtlich keine Ahnung vom Islam hat. Am unheimlichsten ist aber Jeppe (Sammy Scheuritzel), der für seinen Selbsthass und sein ungewolltes Singledasein Schuldige sucht und deshalb wie viele andere Incels Frauen für seine missliche Lage verantwortlich macht.

Es ist gerade die Konfrontation der Fiktion mit der Realität, die den Reiz des Formats ausmacht

Den Machern von „Player of Ibiza“ ist es gelungen, so ziemlich jedes Klischee, das über Reality-TV-Teilnehmer existiert, aufzugreifen. Und bei aller satirischen Überspitzung ist es dennoch erstaunlich zu sehen, dass die Kluft zwischen den realen und den fiktiven Kandidaten gar nicht mal so groß ist. Den Seriencharakteren traut Regisseurin Amelie aus gutem Grund nicht viel zu und erzählt ihnen deshalb erst gar nicht, dass sie nun zum Feminismus bekehrt werden sollen, was natürlich zu absurden Szenen führt.

Die fiktiven Charaktere treffen dabei auf reale Feministinnen, wie etwa die Pornoproduzentin Paulita Pappel, Rapperin Charisma und die Autorin Mareice Kaiser, die eine Version ihrer selbst spielt. Großartig ist auch Christoph Glaubacker als Männercoach, der vordergründig für ein neues Männerbild kämpft, schnell aber sein wahres, frauenverachtendes Gesicht zeigt. Es ist gerade die Konfrontation der Fiktion mit der Realität, die den Reiz des Formats ausmacht. Die jungen Kreativen wissen natürlich auch, dass am Ende nicht die große Läuterung stehen darf, das wäre zu albern. 

„Player of Ibiza“ hält Fans dieser Formate, und von denen gibt es viele, einen Spiegel vor. Der Blick hinein macht keinen Spaß. Oder um es mit den Worten von Regisseurin Amelie zu sagen: „Die Zuschauer sind alle so dumm wie die Kandidaten.“


Die fünf Folgen von „Player of Ibiza“ stehen in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit.

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