Das Kölner Museum Ludwig stellt die eigene Sammlung in 146 Werken vor und macht daraus ein Buch der intellektuellen Souvenirs.
Museum Ludwig als BuchEin falscher Warhol sticht die Originale aus

Besucher vor dem Eingang des Museum Ludwig in Köln
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146 aus 60.580, das bedeutet die Qual der Wahl, zumal man auf den Seiten der Stadt Köln auch deutlich höhere Zahlen lesen kann. Die Rede ist von der Sammlung des Museum Ludwig, dessen Kunstwerke Ludwig-Direktor Yilmaz Dziewior zuletzt vor acht Jahren zwischen zwei Buchdeckel zu zwingen versuchte. Der damals entstandene Bestandskatalog ist in jeder Hinsicht eine gewichtige Sache, mit tausenden Abbildungen auf 640 Seiten. Doch selbst der schloss die Mehrzahl der Bestände aus.
Jetzt liegt der kleine Bruder des vergriffenen Sammlungs-Grabsteins in den Geschäften, mit einer schlanken Auswahl von 146 Werken und einem falschen Warhol auf dem Titel – den dicken Band zierte noch eine echte Brillo Box. Wobei das falsche Blumenbild von Warhol immerhin ein echter Sturtevant ist: 1964 lieh sich die Pionierin der Aneignungs-Kunst von Warhol ein Sieb, um einen weiteren seiner Siebdrucke herzustellen. Andere glauben, Warhol habe ihr einfach eines seiner Werke zum Signieren gegeben. In jedem Fall machte sich Elaine Sturtevant die Idee der Pop-Art, Bilder aus den Massenmedien zu reproduzieren, zu eigen, um die Idee der Autorschaft als Ganzes zu hintertreiben.
Weder Lese- noch Bilderbuch und auch kein Führer für die Jackentasche
Nicht jedes der 146 vorgestellten Werke braucht einen Beipackzettel, um verstanden zu werden – die Schönheit von David Hockneys „Sonnenbader“ erschließt sich vermutlich auch ohne Anleitung. Aber die kurzen Begleittexte geben dem Besucher durchweg nützliche Informationen und kunsthistorische Einsichten an die Hand. Insgesamt folgt das Buch dem bewährten Muster eines Kurzführers, der jedes Werk auf einer Doppelseite vorstellt und jeweils eine Seite für Bild- und Textteil reserviert. Ausnahmen bestätigen die Regel: Monumentalen Arbeiten wie Haegue Yangs hängender Jalousien-Skulptur „Berge der Begegnung“ spendieren die Kuratoren zwei zusätzliche Seiten.
Der alphabetisch nach Künstlernamen geordnete Sammlungsband ist weder ein Lese- noch ein Bilderbuch und auch kein Führer, der in die Jackentasche passt. Sondern eher ein intellektuelles Souvenir, das man nach einem anregenden Museumsbesuch in Erwartung weiterer Bildungserlebnisse nach Hause trägt. Als Nachwort steuert Dziewior eine ausführliche Geschichte des Hauses und seiner Sammlung bei, im Vorwort umreißt er die Schwierigkeit, aus einer Überfülle auswählen zu dürfen. Schließlich sollten im Band möglichst viele Kunstrichtungen seit 1900 vorkommen, sämtliche Gattungen mit ikonischen Werken vertreten sein und Hausheilige wie Max Ernsts „Züchtigung des Jesuskindes“ in Ehren gehalten werden. Im strengen Sinne repräsentativ kann man den Band schon deswegen nicht nennen, weil die mehr als 860 Picassos allein von der Frau mit dem Artischocken-Zepter vertreten werden.
Der Band ist auch ein Arbeitsnachweis des Direktors
Letztlich ist der Band auch ein Arbeitsnachweis des Direktors und seiner Kuratoren. „Die Auswahl“, schreibt Dziewior, „ist geleitet von unserem Bestreben, die Sammlung durch bisher vernachlässigte Positionen aus dem nicht-europäischen Kontext sowie durch Werke der noch immer unterrepräsentierten Künstlerinnen zu erweitern.“ Durch diesen Leitgedanken sind Neuzugänge aus den letzten Jahren deutlich überrepräsentiert, allerdings, ohne größere Löcher in Reihen der Klassiker zu reißen. Die Helden der US-Nachkriegskunst sind ebenso gut vertreten wie die Russische Avantgarde oder die Klassische Moderne – und die Kölsche Moderne mit Beiträgen von Kai Althoff bis Rosemarie Trockel ohnehin. Beklagen könnte man das weitgehende Fehlen der klassischen Fotografie (kein Walker Evans, keine Diane Arbus). Aber das Museum Ludwig ist seiner riesigen Fotobestände zum Trotz nun mal kein Haus der Fotografie.
Unter den Neuzugängen findet sich viel junge und alte Prominenz (Miriam Cahn, Anne Imhof, Gabriele Münter, Haegue Yang), aber auch einige „Entdeckungen“ wie die grünen Enten der deutschen Pop-Art-Künstlerin Christa Dichgans. Man sieht ganz nebenbei, dass die bestehende Sammlung seit Jahren klug ergänzt wird, die finanziellen Mittel aber nicht annähernd an das heranreichen, was das Ehepaar Ludwig einst in seine Leidenschaft investierte. Von der Weltkunst-Idee der Sammler zehrt das Museum weiterhin, gerade auch bei den außereuropäischen „Positionen“.
Alles in allem beweist der Band eindrucksvoll, wie sich das Museum Ludwig an der Gegenwart jung erhalten will, um nicht zum Mausoleum besserer Zeiten zu werden. Die entscheidende Frage, wie man auf die Zahl 146 kam, wird im Band übrigens nicht beantwortet. Wie gute Kunstwerke brauchen offenbar auch gute Kunstbücher ihr Geheimnis.
Yilmaz Dziewior (Hg.): „Museum Ludwig, 146 Werke aus der Sammlung“, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 320 Seiten, 29,80 Euro

