Vor 50 Jahren wurde das Kölner Museum Ludwig gegründet. Über die Geschichte eines epochalen Kuhhandels.
50 Jahre Museum LudwigKleine Geschenke und Erpressungen erhalten die Freundschaft

Peter Ludwig bei der Einrichtung des Kölner Museum Ludwig.
Copyright: IMAGO/United Archives
Am 7. Februar 1976 notierte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ scheinbar unbeeindruckt einen aus heutiger Sicht spektakulären Moment der Stadtgeschichte. Zwei Tage zuvor hatte der Stadtrat einstimmig einem Schenkungsvertrag mit dem Ehepaar Peter und Irene Ludwig zugestimmt, der sich für beide Seiten mehr als lohnen sollte. In dieser Zeitung klang das damals allerdings noch nüchterner: „Nach dem Vertrag überlässt Ludwig Kunstwerke im Wert von etwa 45 Millionen Mark der Stadt Köln. Die Stadt verpflichtet sich, binnen zehn Jahren ein Museum für die Schenkung zu bauen.“ Dass das Museum den Namen Ludwig tragen sollte, hatte man im Überschwang der Gefühle übergangen.
Tatsächlich schien die Rechnung nicht recht aufzugehen: Ein Geschenk, dessen Verpackung ein Vielfaches des Inhalts kosten sollte – viele Ratsmitglieder erfüllte das mit „gemischten Gefühlen“, wie noch am 14. Januar 1976 ebenfalls im „Stadt-Anzeiger“ zu lesen gewesen war. Die Stadt würde sich finanziell in „sehr beachtlicher Weise“ an den Kunstgeschmack eines privaten Sammlers binden, monierten die Skeptiker, zumal Peter Ludwig sämtliche Hintertüren verriegelt hatte. Geplant war ein „Doppelmuseum“, in dem sich das alte Wallraf-Richartz und das neue Ludwig die Räume teilen sollten. Die Stadt habe mit dem Bauen „unverzüglich“ zu beginnen, so der Schenkungsvertrag, das Projekt „mit Vorrang“ zu behandeln und das nach Ludwig benannte Museum bis zu dessen 60. Geburtstag neben den Dom zu stellen. Andernfalls würde er seine Kunst in aller Bescheidenheit in eine andere Stadt tragen.
Womöglich war das ein freundlicher Einfall der Stadt Köln
Bei der Abstimmung waren dann auch die Skeptiker bereit, den Wechsel auf die Zukunft zu unterzeichnen – und darauf zu hoffen, dass sich die Investition in die Mitte der Siebziger Jahre immer noch etwas anrüchig wirkende Kunst eines Andy Warhol oder Roy Lichtenstein amortisieren würde. In den Monaten zuvor hatte Kurt Hackenberg, Kölns langjähriger Kulturdezernent, unermüdlich für seine Idee eines Kölner Museums für die Kunst des 20. Jahrhunderts geworben: Es sollte aus den modernen Beständen des Wallraf-Richartz-Museums und der im Wallraf seit 1969 als Leihgabe ausgestellten Sammlung Ludwig bestehen. Auch Ludwig hatte Hackenberg wohl zu Zugeständnissen bewogen. Immer wieder hatte es Gerüchte gegeben, der Sammler wolle in wichtigen Belangen „seines“ Museums mitreden, etwa bei Ankäufen und der Besetzung der Direktorenstelle. Im Februar 1976 war davon keine Rede mehr.
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Die letzten Zweifler überzeugte wohl der Ideenwettbewerb für den Neubau des „Doppelmuseums“. Zwei Tage vor der Abstimmung wurden die Kölner Architekten Peter Busmann und Godfried Haberer zu dessen Siegern erklärt, mit einem Entwurf, in dem es gelang, 183.262 Kubikmeter Raum am Dom zu umbauen, ohne die freie Sicht auf die Kathedrale zu verstellen. Staunend lobte der „Stadt-Anzeiger“, die Architekten hätten die „drohenden Gebäudemassen mit beiden Armen zur Seite geschoben“ und ein „heiteres, einladendes, demütig auf den Dom verweisendes“ Museum entworfen. Zumal Wallraf und Ludwig in diesem „Wohnhügel“ keine eifersüchtige Nachbarschaft, sondern eine „optisch und funktional verklammerte“ Einheit bilden würden.

Baustelle des Kölner Museum Ludwig und der Philharmonie
Copyright: Kurt Wagner / Rheinisches Bildarchiv
Heute blickt man in Köln auf das Museum Ludwig, als sei es schon immer da gewesen – aber die Älteren werden sich noch an den Busbahnhof erinnern, der bis vor weniger als 50 Jahren an dessen Stelle stand. Seit 2001 bewohnt es das „Doppelmuseum“ allein, das Wallraf ist in einen eigenen Bau am Rathaus umgezogen, nachdem das Ludwig durch weitere Schenkungen ihres Namengebers immer mehr Platz beanspruchte und das Ehepaar Ludwig diesen auch selbstbewusst für „sein“ Haus einforderte. Zur Pop-Art gesellten sich Picasso, die Russische Avantgarde und viele andere Ludwig-Favoriten, in einer Menge und von einer Qualität, die andere wichtige Stiftungen in den Schatten stellt; lediglich die Sammlung Haubrich ist im Ludwig eine stets präsente Untermieterin.
Mit dem Wissen von heute wirkt die Skepsis über den Schenkungsvertrag vor allem kurios. Aber damals war Peter Ludwig noch keine legendäre, sondern eine umstrittene und auf unheimliche Weise besitzergreifende Figur. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Irene hatte er eine maßlose Sammlung aus etlichen Bereichen der Kunstgeschichte zusammengekauft und damit begonnen, sie zu einem Imperium aus Museen und Stiftungen auszubauen. Wer sich mit Ludwig einließ, bekam viel, musste aber auch viel geben – und dass seine Pop-Art einmal derart im Wert steigen würde, hätte wohl sogar Ludwig nicht gedacht. Selbst inflationsbereinigt bekäme man für 45 Millionen Mark heute lediglich einen einzigen mittelmäßigen Warhol. Leider aber auch keinen Museumsbau.
Über die Geburtsstunde des Museum Ludwig lässt sich streiten
Die Bedeutung des weltbekannten Museum Ludwig für Köln ist unumstritten. Worüber sich hingegen streiten lässt, ist die Geburtsstunde des Museums. Am 5. Februar 1976 nahm der Schenkungsvertrag die entscheidende politische Hürde, feierlich unterzeichnet wurde dieser jedoch erst knapp drei Wochen später am 23. Februar. Tags darauf bestaunte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ ein neues Metallschild am Wallraf-Richartz-Museum, auf dem nun auch das (lediglich auf dem Papier existierende) Museum Ludwig stand. Peter Ludwig stellte derweil weitere Schenkungen in Aussicht, lobte Hackenberg dafür, dass es keinen „monatelangen Kuhhandel“ gegeben habe, und meinte sogar, der Name Museum Ludwig sei „vielleicht“ gar nicht seine Erfindung gewesen: „Womöglich war das ein freundlicher Einfall der Stadt Köln.“
Streng genommen hatte sich der epochale Kuhhandel jedoch bereits über mehrere Jahre hingezogen. Als Peter Ludwig 1969 seine „Kunst der 60er Jahre“ erstmals im Wallraf-Richartz-Museum zeigte, nahm dies Kurt Hackenberg dankbar zum Anlass, am erst 1957 fertiggestellten Wallraf-Richartz-Museum herumzumäkeln (heute die Heimat des Museums für Angewandte Kunst) und stattdessen für ein Museum zu werben, das am Hauptbahnhof die Kunst des 20. Jahrhunderts zeigen sollte. Diskret schmiedete er mithilfe des SPD-Fraktionsvorsitzenden Günther Herterich eine Große Koalition für diesen Plan, und als dieser einmal ins Stocken geriet, glätteten Hackenberg und seine Mitstreiter die Wogen, indem sie Ludwig 1975 die Ehrenbürgerschaft der Stadt antrugen.
Die Idee eines großen Kölner Museums der Moderne ist gleichwohl noch etwas älter; sie entzündete sich am Wallraf-Neubau. Bei der Eröffnung monierte der Sammler Josef Haubrich, dieser sei „zu stark auf Taille gearbeitet“ und werde schwerlich die zu erwartenden Ankäufe zeitgenössischer Kunst aufnehmen können. In dieser Zeit bestimmte Haubrich, der Köln seine Sammlung moderner Kunst geschenkt hatte, die Ankaufspolitik des Wallraf über einen nach ihm benannten Fonds maßgeblich mit. Peter Ludwigs mutmaßliches Ansinnen, es ihm in dieser Hinsicht gleichzutun, war also gar nicht so anmaßend, wie es erscheint.
Das Museum Ludwig selbst feiert sein 50-jähriges Bestehen offiziell erst am 13. September, also eine Woche nach der Eröffnung des „Doppelmuseums“ vor 40 Jahren am 6. September 1986. Vielleicht darf man das als dezenten Hinweis darauf verstehen, dass man im Ludwig in zehn Jahren gedenkt, ein weiteres Mal 50 Jahre alt zu werden. Ganz nebenbei zeigt dieses Eröffnungsdatum aber auch, dass Peter Ludwig warten konnte. Zur Premiere seines Museums war er bereits 61 Jahre alt.
