Abo

Wenn Picasso als Frau geboren worden wäreKunstexpertin erklärt den späten Erfolg von Ursula Schultze-Bluhm

Lesezeit 5 Minuten
Ein surreal-buntes Bild mit fantastischen Fischen und einem bleichen Blutsauger.

Ursula Schultze-Bluhms Gemälde „Draculas Traum, blühend“ ist derzeit im Kölner Museum Ludwig ausgestellt.

Renate Goldmann betreut beim Kölner Van Ham Art Estate den Nachlass von Ursula Schultze-Bluhm und erklärt im Gespräch, warum die Künstlerin erst spät so erfolgreich geworden ist.

Ursula Schultze-Bluhm war keine Unbekannte, 1977 nahm sie in der Documenta teil, viele Museen kauften Werke an. Trotzdem geriet sie nach ihrem Tod 1999 weitgehend in Vergessenheit und wurde erst jetzt mit einer großen Ausstellung im Kölner Museum Ludwig wiederentdeckt. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Renate Goldmann: „Cherchez la femme“ kann vielschichtig sein. Es gibt mehrere Gründe, warum URSULA wenige Einzelausstellungen in den letzten Jahrzehnten vorzuweisen hat. Grundsätzlich fanden intellektuelle und emanzipierte Künstlerinnen geringe Beachtung in der männlich dominierten Kunstwelt. Ihr Mann Bernard Schultze war zeitlebens überlagernd und lebte noch weitere sechs Jahre nach URSULAS Tod. Sein Kreis der informellen Nachkriegsmoderne war ebenso ein aus Männern gebildetes Netzwerk. Weiterhin hatte man Schwierigkeiten mit einer Kategorisierung von URSULAS Werken und Formsprache in den kunsthistorischen Kanon. Darüber hinaus war die Sichtbarkeit des Œuvres eingeschränkt, da zahlreiche Werke in Depots lagerten oder in Privatsammlungen gegangen waren.

Sie haben sich bei Van Ham auf solche vergessenen Künstler spezialisiert. Woran liegt es, ob die Kunstwelt jemanden wieder entdeckt?

Alles zum Thema Museum Ludwig

Das Management von Künstlernachlässen verlangt eine genaue Betrachtung von Werk, Person und Diskurs. Darüber hinaus sollte ein Potential zur Kontextualisierung vorliegen, so dass eine Wiederentdeckung aus gegenwärtiger Perspektive spannend ist und neue Deutungsaspekte hinzukommen. Als Beispiel ist die Malerin Sarah Schumann zu nennen, die den feministischen Diskurs mit der Ausstellung „Künstlerinnen International 1877-1977“ und ihrem Zusammenleben mit Silvia Bovenschen stark geprägt und großformatige Gemälden und Collagen hervorgebracht hat.

Trends sind auch ein Zeichen von Wachsamkeit und sich wandelnden Notwendigkeiten.
Renate Goldmann

Ist der Kunstmarkt entdeckungsfreudiger als die Museen?

Das Verhältnis ist vielfältig. Alle Protagonisten der Kunstszene in Institutionen, Universitäten, im Markt und in der Sammlerschaft möchten Geschichte schreiben. Einem Museum ist es durchaus möglich, Wiederentdeckungen – auch aus der eigenen Sammlung – zu machen. Dafür sind allerdings ein langer Terminvorlauf für Ausstellungen und Personalressourcen nötig. Galerien, Kunsthandel und Auktionshäuser können schnell und unbürokratisch agieren. Der internationale Kunstmarkt beschäftigt sich seit jeher mit der Herausgabe von Werkverzeichnissen und mit Künstlernachlässen, wodurch deren Bewahrung und zugleich wissenschaftliche Erforschung gegeben ist, denken Sie an das Werkverzeichnis von Andy Warhol des Kunsthändlers Thomas Ammann. Entsprechend kümmert sich der Handel, auch in der Zusammenarbeit mit Estates und Stiftungen, um „Hidden Treasures“ und „Late Career Artists“. Diese „Entdeckungen“ führen dann wieder zu Kooperationen mit Kuratoren und Ausstellungshäusern. Im Fall von URSULA konnte VAN HAM im Juni einen internationalen Auktionsrekord für ein Gemälde in Höhe von 66.000,- Euro erzielen.

Warum gibt es überhaupt Moden in der Kunstwelt? Sollte nicht wenigstens in der Kunst die Qualität den wankelmütigen Geschmack besiegen?

Moden sind auch Katalysatoren. Wiederentdeckungen betreffen sowohl das Besondere und Eigenständige einer künstlerischen Position als auch gesellschaftliche Diskurse sowie die Sicht von einzelnen Entscheidungsträgern und deren Netzwerke. Trends sind auch ein Zeichen von Wachsamkeit und sich wandelnden Notwendigkeiten. Es obliegt jeder nachkommenden Generation, diese Festlegungen zu diskutieren und mit eigenen Fragestellungen an die Kunst vergangener Epochen heranzutreten.

Viele Menschen, die Ursula noch kannten, fanden sie offenbar schwierig als Person. Fiel das auch auf die Sichtweise ihres Werks zurück?

Persönlichen Schilderungen und Fotos zufolge war URSULA eine eigensinnige und exzentrische Erscheinung. Durch ihre glamouröse Kleidung, ihre raffinierten Hüte und die markante Kurzhaarfrisur strahlte die Künstlerin eine bewundernswerte Faszination auf ihre Mitmenschen aus, wenngleich sie durch ihre konsequente Art und ihr energisches Auftreten auch Respekt einflößte. Dies kann auch zur Distanzierung ihr gegenüber und somit ihres Werkes geführt haben.

Ursula war die Ehefrau von Bernard Schultze, der lange Zeit als abstrakter Maler berühmt war, dann aber ebenfalls um Aufmerksamkeit kämpfen musste. Welche Rolle spielen heute in der Kunst noch die Geschlechtergrenzen?

„What if Picasso had been born a girl?“, fragte schon Linda Nochlin im Jahr 1971 in ihrem Essay „Why Have There Been No Great Women Artists?“. In einigen Fällen von Künstlerpaaren der Moderne und Nachkriegsmoderne werden aktuell die Künstlerinnen vom Kunstmarkt bewusst beworben und in Ausstellungen gefeiert wie beispielsweise Leonora Carrington, die Freundin von Max Ernst, Lee Krasner, die Frau von Jackson Pollock, Anni Albers, Ehefrau von Josef Albers, die berühmte Niki de Saint Phalle, die mit Jean Tinguely liiert war, und nicht zuletzt die jüngst verstorbene Franoise Gilot, die Lebensgefährtin von Pablo Picasso.

Für die Frauen-des-Surrealismus-Ausstellung der Biennale in Venedig kam die Kölner Ursula-Retrospektive zu spät. Dabei hätte Ursula unbedingt dazu gehört. Traut die internationale Kunstwelt der deutschen Kunstszene keine derartigen Überraschungen zu?

Deutsche Künstlerinnen der Moderne und Nachkriegsmoderne, auch im Bereich des Bauhauses, der Abstraktion und des Informel, bedürfen sicherlich einer Neubewertung. Am Beispiel der jüngsten Gruppenausstellung „Action, Gesture, Paint. Women artists and global abstraction 1940-70“ ist dieses abzulesen. Man darf weitere Grundlagenforschung und Quellensuche sowie Ausstellungen erwarten.

Ist Ursula mit der Kölner Werkschau auserzählt? Oder dürfen wir uns noch mehr erhoffen?

Die von Stephan Diederich als Zeitzeuge und Helena Kuhlmann co-kuratierte Retrospektive und die wissenschaftlichen Katalogessays bieten einen kaleidoskopischen Überblick der Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen und versuchen eine neue Verortung von URSULA. Die Vielzahl der europäischen Leihgeber ist bewundernswert. URSULAS Leben, ihre existenziellen und traumatischen Erfahrungen durch den Zweiten Weltkrieg, ihre Netzwerke als „Spinne“ in Frankfurt am Main, Köln und Paris der Nachkriegsmoderne, ihre internationalen Reisen nach Südostasien und Mittelamerika bieten Anlass zur vertiefenden Recherche. Das Surreale und die anthropologischen Referenzen und archaischen Grundmuster ihres symbolhaften Werkes, wie sie in Märchen und Mythen zu finden sind, könnte in direkten Kontext zu anderen Bildwelten gesetzt werden. Darüber hinaus erscheint eine textkritische Lektüre ihrer Schriften und Künstlerbücher bezüglich ihrer Doppelbegabung als Autorin und Künstlerin vor dem Hintergrund ihres sprachlichen Talents und literarischen Wissens interessant. Eine historische Gegenüberstellung der Autodidaktin, zum Beispiel mit ihrem französischen Entdecker Jean Dubuffet und seiner Sammlung, den Surrealisten sowie den Protagonisten der Galerie Daniel Cordier, oder die Frage der URSULA Nachfolge, sind ebenso reizvoll für zukünftige Vorhaben.

Renate Goldmann leitet den Van Ham Art Estate, eine Abteilung des Kölner Auktionshauses Van Ham, die den Nachlass von Künstlern verwaltet. Davor war die Kunsthistorikerin Direktorin des Leopold-Hoesch-Museums in Düren.

KStA abonnieren