Nach schweren VorwürfenWarum wir Narren wie Bill Murray trotzdem brauchen

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Bill Murray beim Golfen in Schottland

Punxsutawney – Es ist noch gar nicht so lange her, dass jeder, aber auch wirklich jeder Artikel über Bill Murray, den amerikanischen Schauspieler und Comedian als eine Art modernen Zen-Guru beschrieb. Als eine Ikone der Freiheit inmitten unseres mikrogemanagten Alltags.

Ikone im Sinn von „unerreichbares Vorbild“: Während andere Hollywood-Stars brav aufsagen, was ihre PR-Agenten ihnen vorformuliert haben und sich den Rest der Zeit in ihren Villen verschanzen, bewegt sich Bill Murray völlig ungehemmt in der Öffentlichkeit, als sei diese sein eigentliches Element.

Mal schließt er sich spontan einem zufällig vorbei schwankenden Junggesellenabschied an, mal übernimmt er den Abwasch auf einer College-Wohnheim-Party. Er sprengt eine Pressekonferenz des Weißen Hauses, um die kommenden Ergebnisse seines Lieblings-Baseball-Teams, der Chicago Cubs, vorherzusagen, oder steht Tamburin-schlagend mit einer Band auf der Bühne, die sich verwundert nach ihrem neuesten Mitglied umdreht.

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Hurra oder Buh für den unberechenbaren Bill Murray? 

Während seine Leinwand-Charaktere zunehmend einsilbiger und melancholischer werden, wirft sich Murray ins Leben, als gelte es dessen Absurdität und Kontingenz in jedem Moment zu feiern. Es gibt Internetseiten, die Murrays Eulenspiegeleien katalogisieren. Ein Hurra für Murray, den großen Unberechenbaren! Den verrückten Onkel der Nation!

Seit ein paar Wochen aber lesen wir ganz andere, gar nicht so lustige Geschichten über Bill Murray. Zuletzt soll er einer jungen Assistentin am Set seines neuestens Filmes „Being Mortal“ einen Kuss durch die Covid-Maske aufgenötigt haben. Prompt wurden wieder ältere Geschichten über Murrays Berserkereien am Set nach oben gespült, die in ihrer Gesamtheit ein wenig schmeichelhaftes Bild vom Schauspieler als Kollegenschwein zeichnen: Geena Davis erzählt in ihren Memoiren, wie Murray ihr eine Massage mit einem „Thumper“ genannten Gerät aufdrängen wollte.

Seth Green berichtet, wie Murray ihn als Neunjährigen im Backstage-Bereich von „Saturday Night Live“ bei den Fußknöcheln packte und in einen Mülleimer warf, weil es der Kinderdarsteller gewagt hatte, sich auf Murrays Sofa zu sitzen.

Der Klaus Kinski der Neuen Welt

Und Scarlett Johansson erinnert sich nur ungern an die Dreharbeiten zu „Lost in Translation“, weil sie als 17-Jährige schutzlos den Stimmungsschwankungen ihres 35 Jahre älteren Co-Stars ausgeliefert war. Ein Buh für Murray, den großen Unberechenbaren, den Klaus Kinski der Neuen Welt.

Nein, das ist kein Verhalten, dass man in irgendeiner Weise verteidigen könnte oder sollte. Aber wer Murray, den Grobian und Choleriker, nun in Bausch und Bogen verdammen will, macht es sich doch sehr einfach. Denn eigentlich zeichnen die Heiligengeschichten vom dadaistischen Vollzeitperformer und die Aufzählungen seiner – viel zu oft nach unten tretenden  –  Untaten ein- und dasselbe Bild: Hier hat jemand beschlossen, einzig und allein dem Diktat seiner Laune zu gehorchen. Auf sämtliche Konventionen zu pfeifen und ebenso auf die Gefühle seiner Mitmenschen.

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Ironischer- oder vielleicht vielmehr offensichtlicherweise ist  das genau der Murray-Charakter, den wir lieben: Peter Venkman, das chronisch unbeeindruckte Arschloch der Ghostbusters. Schon damals taufte ihn sein gebeutelter Mitstreiter Dan Aykroyd den „Murraycane“.  Ein stürmischer Charakter, der die Verhältnisse zum Tanzen bringt – und eine Schneise der Zerstörung hinterlässt. Ganz offensichtlich wollen, ja brauchen wir solche Menschen wie Murray.  Unregierbare, unkorrigierbare Narren, die alles und jeden ins Lächerliche ziehen.

Die angebliche dunkle Seite des Stars, von der derzeit Artikel um Artikel raunt, war längst bekannt. Es ist die gleiche Seite, die wir zuvor bewundert haben. Muss man seine Mitmenschen auch hinter der Kamera kujonieren? Sicher nicht. Eine Sache darzustellen bedeutet ja gerade sie nicht zu sein. Aber Bill Murray spielt eben entweder immer oder nie. Wenn man das jetzt nicht mehr will, sollte man wenigstens nicht so tun, als handele es sich um schockierende Enthüllungen.

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