Abo

Nachruf auf Ingrid SchmithüsenMit intellektueller Energie

3 min
Ingrid Schmithüsen

Ingrid Schmithüsen

Die Sopranistin Ingrid Schmithüsen, die auch mit Köln eng verbunden war, ist im Alter von 65 Jahren gestorben.

Eine Zeit lang war die gebürtige Aachenerin auch und gerade aus dem Kölner Konzertleben nicht wegzudenken – Freunde des barocken Oratoriums konnten sich an ihrer artikulatorisch reinen und zugleich auf hochindividuelle Weise gestaltungsintensiven Sopranstimme genauso begeistern wie die Liebhaber des romantischen und modernen Sololiedes – und die Besucher von Ur- und Erstaufführungen. Die Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Sigiswald Kuijken, Philippe Herreweghe und Masaaki Suzuki spiegelte die wachsende internationale Resonanz.

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Ingrid Schmithüsen, erst 65 Jahre alt, am 6. März gestorben – im kanadischen Carignan, ihrer langjährigen Wahlheimat in der Nähe von Québec, wo ihr Ehemann Denys Bouliane an der McGill University Komposition lehrte. Wie zu hören ist, litt sie seit vielen Jahren an Amyotropher Lateralsklerose, einer unheilbaren und die Betroffenen quälenden degenerativen Nervenkrankheit. Singen – und sprechen in ihrem unverkennbar rheinischen Tonfall – konnte sie schon lange nicht mehr. Ihre Kölner Freunde erlebten sie ein letztes Mal „vor Ort“ im Frühjahr 2023, als sie ein Konzert der von ihr begründeten hochkarätigen Konzertreihe „im zentrum lied“ besuchte. Deren Leitung hatte sie bereits vier Jahre zuvor an den Pianisten Eric Schneider abgegeben.

Mit eiserner Willenskraft

Schmithüsen studierte an der Kölner Musikhochschule bei Gregory Foley und – was einem sängerischen Adelsdiplom gleichkam – Dietrich Fischer-Dieskau. Seine Haltung, zumal zum Lied, entsprach ihrem eigenen Anspruch, Poesie und Musik gleichwertig zu vermitteln und sich nicht selbstzweckhaft einem „nur schönen“ Stimmklang zu überlassen.

Die finale Krankheit war übrigens nicht der einzige grausame Karriereknick, der sie heimsuchte. Als 30-Jährige war sie in eine schwere Stimmkrise geraten, aus der sie sich allerdings mit eiserner Willenskraft herausarbeitete: Im Schnellgang absolvierte sie ein Medizinstudium – und erholte sich, befreit vom existenziellen Druck eines Musikerdaseins; die Stimme kam wieder.

Schmithüsens Energie und Leidenschaft konzentrierten sich fortan auf den Liedgesang. In einem Zeitraum von 27 Jahren konnte sie, begleitet von ihrem kongenialen Liedpianisten Thomas Palm, ein Repertoire von über 4000 Liedern erschließen. Von diesem riesigen Fundus inspiriert, vereinte sie einzelne Lieder zu dramaturgischen Bögen, sodass daraus, dies ihre Worte, „eine bisher ungehörte Geschichte erzählt werden konnte, die an Schönheit und Kohärenz mit den bekannten Zyklen von Schubert und Schumann vergleichbar war“.

Schmithüsens Künstlertum überlebt nicht nur in den Erinnerungen ihrer Zuhörer, sondern auch in ihren zahlreichen – besser: zahllosen – CDs. Vor allem ihre Aufnahmen beim Label Canterino zeigen ihre Neigung zur programmatischen Fokussierung, zum „Themenprogramm“. Da war auch eine unerbittliche intellektuelle Energie am Werk, der es nicht genügt hätte, attraktive Lieder unverbindlich aneinanderzureihen. 


Der Vorstand von „im zentrum lied“ widmet Ingrid Schmithüsen das nächste Konzert der Reihe am 19. März, 19 Uhr, im Kammermusiksaal des Humboldt-Gymnasiums. „Vorfrühling“ ist der Rahmentitel des von Kimberley Boettger-Soller (Mezzosopran) und Eric Schneider (Klavier) gestalteten Abends.