Was ist bloß in Thüringen los? Hier werden entscheidende Szenen politischer Weichenstellung nicht mehr über das Wort ausgetragen, sondern über die Geste – zumindest für die Öffentlichkeit, die nicht mitbekam, was Bodo Ramelow nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten zum AfD-Extremisten Björn Höcke sagte. Man sah nur, dass der frisch Gewählte dem Gratulanten vom rechten Rand den Handschlag verweigerte und sich danach beide mit den Augen maßen.
Wenige Wochen zuvor hat Susanne Hennig-Wellsow, wie Ramelow eine Politikerin der Linkspartei, Thomas Kemmerich einen Blumenstrauß wie einen Fehdehandschuh vor die Füße geworfen, aus Empörung darüber, dass der FDP-Mann sich hatte mit den Stimmen der AfD zum Landesvater wählen lassen.
Ein hartnäckig sich haltendes Gerücht besagt, dass Schüler in der DDR ihre Lehrkräfte per Handschlag begrüßen mussten. Ramelow aber ist in Osterholz-Scharmbeck in Niedersachsen geboren – davon abgesehen also, dass der pädagogische Handschlag ins Reich der Fabel gehört, wollte er vermutlich nicht erreichen, einen spezifisch ostdeutschen Erinnerungsraum aufzustoßen, auch wenn dieser nur eine Konstruktion des ideologischen Gegners war.

Linkes Bild: Bodo Ramelow (r.) verweigert nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten von Thüringen dem AfD-Mann Björn Höcke den Handschlag. Rechtes Bild: Susanne Hennig-Wellsow (r., Die Linke) hat Thomas Kemmerich (l., FDP), dem kurzzeitigen Thüringer Ministerpräsidenten, Blumen vor die Füße fallen lassen und wendet sich von ihm ab.
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Gleichwohl rufen sowohl Ramelows wie auch Hennig-Wellsows Verweigerungsgesten historische Resonanzen herauf, die allerdings tiefer reichen als die DDR-Vergangenheit. Sie gehen auf Vorbilder der Weimarer Zeit zurück, auf die ungeliebte Demokratie, in der die Aggression von Rechts zunehmend auf Sprach- und Fassungslosigkeit von linker Seite traf. Wer hätte gedacht, dass wieder einer wie Höcke kommt und einem die Hand geben will? Ist die Zeit der Umarmungsversuche vorbei, mit der man bislang oft versuchte, der AfD die Spitze zu nehmen? Kündigt sich in Thüringen eine Zeit der neuen Härte an? Um die politische Kultur muss man jedenfalls fürchten.
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