Köln – Die Band spielt, wie eine Band nun mal spielt, die auf einer Fähre von Kiel nach Malmö für die musikalische Untermalung sorgt. Handwerklich auf einem soliden Niveau, aber eben auch nicht die Bohne inspiriert. Irgendwann ist eh wieder Land in Sicht, und die nächste Butterfahrt ist sowieso immer die schwerste.
Eisprinzessin mit polarblauen Augen
Das Problem bei dem beschriebenen Szenario: Es dreht sich an diesem Abend gar nicht um eine Butterfahrt. Sondern um Nina Persson, im Kontext der Cardigans die Eisprinzessin mit den polarblauen Augen und als Sängerin der schwedischen Band jederzeit in der Lage, Bittersüßes und Zuckerwattiges in ein und denselben Song zu packen. Mit ihrem Sound gelang es den Cardigans, Melancholie und Melodien ein weiches Bettchen zu bauen, sie verkauften weltweit rund 15 Millionen Alben, und selbst in ihren erfolgreichsten Singles, „Lovefool“ und „My Favourite Game“, schafften sie es, neben schmissigem Pop auch eine Trauergirlande aufzuhängen. Was alles in allem sehr toll war und eine Kategorie ist, die einem an diesem Abend nicht mal ansatzweise durch den Kopf schwirrt. Dafür kreiselt immer wieder eine Frage zwischen den Synapsen hin und her: Wie konnte das bloß passieren?
Im Jahr ihres 40. Geburtstags hat Nina Persson, inzwischen Mutter eines dreieinhalbjährigen Sohnes und mit Ehemann seit geraumer Zeit in New York lebend, tatsächlich ihr erstes Soloalbum veröffentlicht. Aus diesem Grund konzertiert sie im Gloria, präsentiert die Lieder von „Animal Heart“ und wirkt an diesem Abend in keiner Sekunde so, als würde sie sich in der Bühnenmitte wohlfühlen. Linkisch und ungelenk sind ihre Bewegungen, und es macht nicht den Anschein, als würde sie sich in diesem öffentlichen Moment in ihrem schmächtigen Körper zu Hause fühlen. Was für eine Sängerin, die seit über 20 Jahren im Geschäft ist und sich diesen Job freiwillig ausgesucht hat, merkwürdig anmutet.
Biedere Hausmannskost
Das wahre Problem im Gloria aber ist nicht Perssons seltsames Verständnis von Bühnenpräsenz, es sind die Lieder von „Animal Heart“. Mag man den Titelsong noch als sympathisches Vormittagsradiofutter einsortieren, so ist das Gros der anderen Lieder – einer der Tiefpunkte: „Clip Your Wings“ – biedere Hausmannskost. „Catch Me Crying“ lullert vor sich hin und ist in etwa so aufregend wie die Begrüßungsrunde, die Chefstewardess Beatrice im ZDF für neue Passagiere auf dem Dampfer der Seichtigkeiten dreht.
Qualitativ angehoben wird das Festival der Leerstellen nur dann, wenn Nina Perssons Songs ihres Zwischendurch-Projekts A Camp spielt: „I Can Buy You“ und „Charlie Charlie“ haben die Sollbruchstellen zwischen Wohlklang und Wehmut, die bei den Liedern von „Animal Heart“ nicht vorrätig sind. Ein bisschen mehr Titanic und weniger Traumschiff – das wär’s gewesen für die Soloambitionen von Nina Persson. Ist es aber nicht. Weshalb auf dem Nachhauseweg ein fieser Gedanke aufkommt: Der Deoroller-Schlager, den die Musical-Maus Helene Fischer herstellt, ist auch nicht langweiliger als Nina Persson in der Form von 2014.
