Köln – Bis vor ein paar Monaten malte die Künstlerin Martina Karbe in ihrer Wohnung in Ehrenfeld. „Unter ziemlich beengten Bedingungen“, wie sie sagt. Aber was blieb ihr übrig, nachdem sie ihr früheres Atelier in einer ehemaligen Werkstatt in einem Hinterhof hatte aufgeben müssen, weil sie die Miete nach Renovierungsarbeiten nicht mehr bezahlen konnte. Jetzt hat Karbe einen neuen Arbeitsraum gefunden, ebenfalls in Ehrenfeld.
Im Gebäude des städtischen Amtes für Umwelt- und Verbraucherschutz in der Liebigstraße 120, wo mit Ulla Birkner, Richard Sk. Castro, Mutsumi Okada, Viola Stäglich und Klaus Steudtner seit einigen Jahren bereits andere Künstler angesiedelt sind. Sie alle sind sehr zufrieden – nicht nur wegen des bezahlbaren monatlichen Mietpreises. Auch wegen des inspirierenden Umfeldes, in dem immer noch die Aura der Schlachthof-Vergangenheit zu spüren ist. Und nicht zuletzt wegen der guten Lichtverhältnisse in den Ateliers. Die haben Martina Karbe sogleich dazu gebracht, in kräftigeren Farben zu malen.
Farbe, Fläche, Form und Linie
Überhaupt hat die neue Situation ihre bildnerische Produktion enorm beflügelt. „Die Nähe zu anderen Künstlern ist anregend“, meint Karbe. Während sie bevorzugt Körperperspektiven im Spannungsfeld von Traum und Kulturrealität malt, werden die Leibperspektiven von Malerkollegin Viola Stäglich oft von tänzerischen Erfahrungen angeregt. Abstraktion, Expression und Zuspitzung sind dabei selbstverständliche Elemente. Dagegen pflegt Klaus Steudtner einen malerischen Realismus, der vor allem anderen auf Detailgenauigkeit größten Wert legt.
Die Arbeitsräume gewechselt haben auch Christiane B. Bethke, Carmelo Lopez, Ingo Moser, Rita Rohlfing und Petra Weifenbach. Viele Jahre hatten sie ihre Ateliers in den ehemaligen Clouth-Gummiwerken in Nippes, aus denen sie im vorigen Jahr unfreiwillig ausziehen mussten.
Um ihre gute kollegiale Beziehung nicht auseinanderbrechen zu lassen und um Kosten zu sparen, suchten sie sich gemeinsam ein neues Arbeitsdomizil. Aus Nippes nahmen sie den Namen CAP mit nach Ehrenfeld in die Matthias-Brüggen-Straße 4a. Dort firmieren sie unter dem einprägsamen Namen CAP West. Rohlfing zeigt im neuen Atelier ihre reduzierten Skulpturen, Malereien und Objekte im Spannungsfeld von Farbe, Fläche, Form und Linie. Weifenbach präsentiert allerhand gewitzte Objekte, die auf dem schmalen Grat von Humor und philosophischer Hintergründigkeit angesiedelt sind. Und Moser gibt Einblicke in das Universum der malerischen Abstraktion zwischen Freiheitsverlangen und Gestaltfindung.
Die sinnliche Dimension des Schaffens
Holger Schnapp dagegen hat sich bereits vor Jahren entschlossen auf die Seite der malerischen Freiheit geschlagen. Abstrakte Expression und die materielle Kraft des künstlerischen Informal sind die zentralen Elemente des Malers, der als Kunsterzieher zudem die sinnliche Dimension des künstlerischen Schaffens vermittelt. Weniger sinnlich, aber nicht weniger experimentierfreudig sind die fotografischen Bildwerke Dieter Kortes. Der seit Jahrzehnten als VHS-Dozent im Bereich Fotografie tätige Künstlers zeigt Facetten der Foto-Collage ebenso wie die traditionelle Dokumentarfotografie.
Ähnlich viele künstlerische Ansätze sind in der Ateliergemeinschaft Höninger Weg 107-109 vertreten. Malerei, die vom Unbewussten diktiert wird, stellt Mark Hartzheim vor. Nicht weniger dynamisch erscheint die experimentelle Malerei, die Helmut Brandt in seinem Atelier präsentiert. Katja Ploetz wiederum zeigt als Spezialistin der Glaskunst, dass es sich dabei um eine vielfach unterschätze Kunstform handelt. Und Lioba Genske macht mit Tier-, Blumen- und Menschenbildern, Sand-Reliefs und Landschaftsmalerei sichtbar, wie sich der Grundklang einer Erfahrung in verschiedenen bildnerischen Genres ausdrücken kann.
Rausch der Fülle
Große Atelierhäuser wie der das Atelierhaus Lichthof und die Künstlergemeinschaft Höninger Weg sind für Besucher der Offenen Ateliers besonders attraktiv. Denn wer will in Zeiten der Fülle und knappen Zeit nicht gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen? Was die Zahl gleichzeitig geöffneten Ateliers angeht, so sind erneut auch die Alte Dorfschule in Meschenich, das Kunstzentrum Wachsfabrik und die Alte Dorfschule in Sürth für einen Ausflug sehr attraktiv. Allerdings sollten im möglichen Rausch der Fülle der Besuch einzelner Ateliers nicht unterschätzt werden. Wer sich etwa für die Aktualität der surrealistischen Malerei interessiert, könnte sich auf den Weg nach Auweiler zum Atelier von Andreas Mischke aufmachen. Wer sich spezielle Techniken der großformatigen Fotografie interessiert ist bei Eberhard Zummach in dessen Atelier in der Thebäerstraße 80 in Ehrenfeld bestens aufgehoben.Und in Nippes bietet Reinhard Henning im Niehler Kirchweg 124 Einblicke in den Zauber einer figürlichen Objektkunst, die zwischen Witz, Ironie und tieferer Bedeutung zwiespältige Gefühle belebt. Sichere Empfehlungen kann es bei einer derart vielfältigen Kunstveranstaltung nicht geben. Eher den Rat, sich neugierig auf den Weg zu machen, um über die Kunst unbekannte Stadtteile und Höfe zu erkunden. Farben, Ideen und Kunstbedingungen aus nächster Nähe zu schnuppern. Und sich in Wahrnehmung und Gesprächen treiben zu lassen, auch wenn man noch ganz anderes vorhatte.
