Herr Professor Krumeich, Frankreich befand sich vor dem Zweiten Weltkrieg in einer prekären Situation, mit lauter europäischen Nachbarn, vor allem auch Nazi-Deutschland, die die Demokratie abgeschafft hatten.
So ist es. Ich denke, man muss historisch noch weiter zurückgehen und betrachten, in welcher Verfassung Frankreich den Ersten Weltkrieg gewonnen hat. Frankreich gehörte zu den Siegern, aber man war gerade noch einmal davongekommen. Es wird in Deutschland bis heute zu wenig erkannt, dass Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg wirklich ausgeblutet war. 1914 hatte Frankreich eine Bevölkerung von nicht einmal 40 Millionen und zählte 1918 1,5 Millionen Kriegstote. Deutschland mit fast 70 Millionen Einwohnern hatte circa zwei Millionen Kriegstote. Der Blutverlust auf die gesamte Nation gerechnet war für Frankreich ungeheuer viel größer als für Deutschland.
Welche Konsequenzen hatte dies für die Franzosen?

Gerd Krumeich
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Zunächst einmal kam kein wirkliches Triumphgefühl auf. Von rechts bis links herrschte vielmehr das Gefühl vor, dass dies der letzte Krieg gewesen sein musste. Und das wusste Hitler genau. Dieses Gefühl, dass man nicht noch einmal wie 1914 aufstehen und durchhalten kann, weil der Krieg einfach zu viel Blut gekostet hatte und im Grunde sinnlos war, beherrschte die französische Gesellschaft der zwanziger Jahre.
Frieden um jeden Preis.
Ja, dieses Gefühl war die Grundlage für den Pazifismus auf der einen Seite, der vor allem auf der rechten Seite auch umschwenkte in Defätismus. Und dann wird von rechts von 1933 an die Parole ausgegeben: Von Deutschland lernen. Man hat die Deutschen geradezu bewundert in ihrer Macht und Herrlichkeit. Was übrigens nicht heißt, dass die Franzosen militärisch schwächer gewesen wären. Aber die Abneigung gegenüber einer neuen militärischen Auseinandersetzung mit Deutschland zeigt sich nach der Saarland-Abstimmung von 1935 vor allem bei Hitlers Rheinland-Coup im März 1936: Die Franzosen (und die Briten) widersetzen sich nicht der Remilitarisierung des Rheinlandes durch Hitler. Man lässt ihn machen. Denn auch die meisten Franzosen halten den Versailler Vertrag von 1919 inzwischen für einen Fehler, für einen ungerechten Frieden. Und so versteht man gut, allzu gut, dass die Deutschen den Vertrag revidieren wollen. Warum soll man gegen die Deutschen in „ihr“ Rheinland einmarschieren – eine Weichei-Argumentation, von heute aus gesehen angesichts der späteren Gräuel des Hitler-Regimes.
Bezog sich die Sympathie, in Teilen die Faszination, für Deutschland allein auf wiedererstarkte nationale Größe, oder konnte man sich in Frankreich auch der antisemitischen Ideologie anschließen?
Grundsätzlich: Die französische Rechte kann von den Deutschen in Sachen Antisemitismus nichts lernen. Man denke an die Agitation der Rechten in der Dreyfus-Affäre, oder an die Stavisky-Affäre Anfang der 30er Jahre. Ein Auschwitz konnten sie sich sicher nicht vorstellen, aber das konnten auch die Nazis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Charakteristisch ist die Bewunderung des Gleichschritts, des Marschierens, der Uniformierung aufseiten der Rechten.
Wie wurde das von Deutschland aufgenommen?
Das ist die höllische Mühle: Hitler weiß genau um die Denkweise der französischen Rechten. Und er setzt auf einen pazifistischen Diskurs: Hitler hat stets gesagt, er wolle den Frieden. Deutschland wolle wieder groß und stark sein, aber es wolle den Frieden – den Krieg, so Hitler, wollten allein die jüdischen Financiers weltweit. Als er dann 1937 seinen Generälen ankündigt, er werde die Friedensplatte langsam abstellen, hat man das in Frankreich schlicht nicht gehört. Nur wenigen, wie Poincaré oder Barthou war klar, und sie haben davor gewarnt, dass Hitler den Krieg wolle.
Auch im Inneren gab es in Frankreich dezidierte Feinde der Demokratie, was besonders deutlich wurde, als die Wehrmacht in Frankreich einmarschierte – Stichwort Kollaboration.
Es gibt verschiedene Schattierungen der Kollaboration mit den Deutschen. Natürlich hatte auch Frankreich seine Nazis, aber das hervorstechende Merkmal der Kollaboration ist meines Erachtens die Anpassung. Das beste Beispiel für mich ist der ungeheure Zuspruch zu den Angeboten des Goethe-Instituts – von 1940 an wollten plötzlich alle Deutsch lernen. Die Franzosen waren mehrheitlich keine Kollaborateure im engen Sinne, daher auch die Möglichkeit, nach dem Krieg zu behaupten, Pétain habe Frankreich vor der Nazifizierung beschützt. Das bestimmte über Jahrzehnte hinweg den Nachkriegsdiskurs. Das Überwiegende war der aus Defätismus herstammende Opportunismus.
DISKUSSION ZUM THEMA
Am Dienstag, 5. November, findet um 19 Uhr im Rahmen der Ausstellung „Köln an der Seine“ eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Die große Illusion: Wie gelang es den Nazis 1937, die Franzosen für sich einzunehmen?“ statt. Mit: Gerd Krumeich (Professor i. R., Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Pascale Cohen-Avenel (Professorin der Germanistik, Universität Paris Nanterre), Mario Kramp (Direktor Kölnisches Stadtmuseum), und Nanette Jacomijn Snoep (Direktorin Rautenstrauch-Joest-Museum); Moderation: Michael Köhler.
PERSON UND SCHAU
Gerd Krumeich, 1945 in Düsseldorf geboren, lehrte Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität und ist Experte für die Geschichte des Ersten Weltkriegs.
Die Ausstellung „Köln an der Seine“ im Kölnischen Stadtmuseum dokumentiert bis zum 15. Dezember Kölns Auftritt auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1937.
Wer damals den Anstoß gab, Köln als einziger Stadt weltweit einen eigenen Pavillon auf der Weltausstellung zu gewähren, lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Die Deutschen behaupteten, die Initiative sei von den Franzosen ausgegangen. Fest steht auch, dass der Kölner Oberbürgermeister Karl Georg Schmidt das Projekt vorantrieb.