Montag, 16. Juli 2012
Die seit langer Zeit seltsamste Ausgabe des SZ-Magazins ist endlich da, wo sie hingehört: im Altpapier. Fast zwei Wochen, es müssen wohl Gründe der Konträrfaszination gewesen sein, habe ich es nicht geschafft, das Anfang Juli veröffentlichte Heft zu entsorgen. Gefühlte 185 Seiten – de facto waren es 26 – widmete sich SZ-Edelfeder Alexander Gorkow der Band Rammstein, sortierte diese zugleich als „Deutschlands größtes Missverständnis“ und „Deutschlands größten Kulturexport“ ein und fertigte dabei Prosa an, die wirklich mit allen Fan-Wassern gewaschen war. Anbei eine völlig willkürlich ausgewählte Kostprobe, was aber wirklich egal ist, weil einfach alles in dem Text über Rammstein wahr und vor allem wahnsinnig gut beobachtet ist. „Das Licht bei Rammstein, das ist zum Beispiel ein an Lindemanns Brust geheftetes rotes Herz, pochend in einer stockfinstren Halle: Minimal Art in einem Lied, das mit dem Gewicht einer Planierraupe um die Ecke biegt, „Mein Herz brennt“. Oder es sind bei „Engel“ Lindemanns Flügel aus Stahl, fünfzig Kilo trägt er da, und am Ende der Show werden diese Flügel Flammen spucken. Oder es sind die Feuerstöße, mit denen Lindemann als Höllenkasper den Keyboarder und weiß gekalkten Riesenkomiker Flake Lorenz in einem Eintopf zubereitet, bis der heraushüpft und mit rauchender Hose über die Bühne rast.“
Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass Alexander Gorkow beim Verfassen dieser goldenen Zeilen auch die Hose rauchte – wenn nicht gar der Griffel glühte, die Tastatur tobte und auch die Gedanken lichterloh brannten. Ganz ohne 50-Kilo-Flügel, einfach so. Schön irre jedenfalls, wie man auf so vielen Seiten etwas hineingeheimnist in eine Band, deren Geschäftsprinzip nun wirklich alles andere als ein Geheimnis ist, sondern schlicht die Basis für das Aufmerksamkeitsgewerbe Populärmusik. Provoziere, ganz gleich mit was, aber wenn Du immer weiter und ausdauernd provozierst, wirst Du irgendwann auch wahrgenommen und vielleicht sogar irgendwann als „Deutschlands größter Kulturexport“ einsortiert. Rammstein, das sind wirklich talentierte Berufsprovokateure, das sind qua Job begabte Pyromanen und erwachsene Männer, die weltweit allabendlich einen Chemiebaukasten in XXL abfackeln. Piff, paff, puff. Dachten wir bis jetzt jedenfalls immer. Jetzt müssen wir umdenken. Und zwar radikal. Der echte Mensch hinter der Bühnenfigur Till Lindemann ist ganz anders. Und außerdem im realen Leben längst Großvater. „Lindemann wird daheim als Erstes das Buch für den Enkel zusammenbasteln, er ist wie besessen von dem Ding“, dichtet Alexander Gorkow. „Kurz vor Redaktionsschluss schickt er aus Berlin eine Mail mit einem Bild. Darauf, selbst fertig gebunden, ein großes dunkelblaues Bilderbuch, vorne drauf eine Zeichnung vom Kind mit dem Drachen, daneben eine Maus, darunter der Titel des Großvaters Till Lindemann für den Enkel: ‚Lieber Fritz, nimm meine Hand“.“ Rammstein, daran besteht nach der Eloge von Alexander Gorkow kein Zweifel mehr, sind die freundlichen Feuerteufel von nebenan. Irgendwie voll nachdenklich. Außen stahlhart, innen butterweich. Und vor allem: richtig süüüüüüß.
Rewind, der Popblog spult ein paar Tage zurück.
Donnerstag, 12. Juli 2012
Bleibe beim Zappen bei Markus Lanz hängen. Sehe Lanz in all einer Lanzhaftigkeit, flankiert von Tim Bendzdo in all seiner Timbendzkohaftigkeit. Lanz legt wieder mal im Akkord den Zeigefinger an den Mund, bedankt sich „überaus herzlich“ bei einer „hochinteressanten Runde“ für „hochinteressante Gespräche“, und mal abgesehen davon, dass das wie immer eine Spur zuviel und in seiner Servilität schier unerträglich ist, schreitet Lanz nach der offiziellen Verabschiedungsrunde zur Tat. Beziehungsweise zum Klavier. Tim Bendzko geht mit. Die beiden werden doch jetzt nicht? Werden sie. Sie tun es tatsächlich. Sie treten zum Duett an. Lanz spielt Klavier, Tim Bendzko singt seine aktuelle Single „Sag einfach ja“. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, sitzt in der Gästerunde und lauscht ergriffen. Lanz am Klavier. Tim Bendzko am Gesang. Beide zusammen im Farbfernsehen. So sieht sie aus und so klingt sie, die Hölle auf Erden.
Freitag, 13. Juli 2012
Notizen aus dem Nachtleben, Teil 1
Lege im m20 auf, meinem Lieblingsschangelladen. Zu vorgerückter Stunde nähert sich ein weiblicher Gast. Druckst erst minutenlang vor dem Tresen rum, ohne eine Bestellung aufzugeben. Nähert sich dann dem Schallplattenunterhalter, also: mir. Anbei das Kurzprotokoll einer missglückten Kommunikation.
Hast Du was von The Cure dabei? – Nein, habe ich nicht. – Wirklich nicht? – Du kannst mir schon glauben, dass ich weiß, was heute in meinem Plattenkoffer ist. Aber Du kannst ja mal überlegen, vielleicht fällt Dir noch was anderes ein, was Du hören willst. – Ja, was denn? – Das weiß ich nicht, das müsstest Du wissen. – Mir fällt aber nichts ein. Außerdem: Du bist doch der DJ!
Weiblicher Gast geht ab, DJ legt weiter auf.
Notizen aus dem Nachtleben, Teil 2
Zwei Frischverliebte, heftig knutschend, maximal Mitte 20. Die beiden Turteltäubchen unterbrechen ihre Knutscherei und nähern sich synchron dem DJ.
Spielst Du was von den Kings of Leon? – Auf gar keinen Fall. – Oh, warum so eine harte Ablehnung? – Weil das dauernd im Formatradio läuft, da muss ich es nicht auch noch spielen. – Ach so. – Genau. – Könntest Du dann was von den Doors spielen?
Ich wünschte, die beiden hätten ihre Knutscherei nie unterbrochen; wäre in dem Moment für alle Beteiligten besser gewesen.
