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Neuer Roman von Juli Zeh Bestseller-Autorin sucht das Gespräch und erntet Shitstorm

Schriftstellerin Juli Zeh zur Preview des ZDF-Mehrteilers «Unterleuten». Sie trägt eine Halskette und einen bunt-gestreiften Pullover.

Schriftstellerin Juli Zeh erntete für ein Interview mit der NZZ einen Shitstorm

Für ein Interview über ihren neuen Roman „Zwischen Welten“ wird Juli Zeh derzeit harsch kritisiert. Dabei wirft ihr Buch durchaus ein Schlaglicht auf die vergiftete Debattenkultur in Deutschland.

Natürlich ist die Zeit längst reif für einen Roman über die gesellschaftliche Spaltung, über unselige Shitstorms, eine entgleiste Debattenkultur und polarisierende Filterblasen, in denen nur die eigene Meinung zählt. Juli Zeh und ihr Coautor Simon Urban haben diesen Roman jetzt vorgelegt - und das Ergebnis ist ein heftiger Streit nicht nur in den Feuilletons, sondern vor allem in den Sozialen Medien. Der Vorwurf: Sympathie für Querdenker, Reichsbürger und Rechtsradikale. Dabei ist „Zwischen Welten“ erst an diesem Mittwoch erschienen. Was zeigt, dass der Roman den Zeitgeist an empfindlicher Stelle trifft.

Wohl kaum eine Gegenwartsautorin hat ein solch feines Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen und Zustände wie Juli Zeh, die spätestens seit ihren hochgelobten Bestsellern „Unterleuten“ und „Über Menschen“ über einen Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit nicht klagen kann. Zudem ist die politisch aktive und eloquente Schriftstellerin ein gefragter Interviewpartner mit einem Stammplatz in prominenten Talkshows. Juli Zeh kennt also den medialen Instrumentenkasten und nutzt ihn, geschickt wie nur wenige andere, mit kühlem Kalkül.

Juli Zeh und Simon Urban im Interview mit der Neuen Züricher Zeitung

Unmittelbar vor der Veröffentlichung von „Zwischen Welten“ gibt sie gemeinsam mit ihrem Schreib-Partner Simon Urban der konservativen Neuen Zürcher Zeitung ein Interview, in dem sie die Flüchtlingspolitik von 2015 zum Auslöser für die gereizte Stimmung erklärt, weil „der Wille zur Willkommenskultur so übermächtig“ gewesen sei. Jeder, der seinerzeit auch nur eine praktische Frage gehabt habe, sei in den Medien als politisch rechts abgestempelt worden. Mit diesen und anderen Aussagen hat das Autoren-Duo den Shitstorm zum Verkaufsstart perfekt vorbereitet.

Dabei geraten Inhalt und Form aus dem Blick, den dieser Gesellschaftsroman durchaus verdient hat. „Zwischen Welten“ ist als Brief-Roman angelegt, genauer gesagt als ein per E-Mail und WhatsApp geführter Dialog zwischen dem erfolgreichen Hamburger Feuilletonchef Stefan und der Brandenburger Öko-Bäuerin Theresa. Zwanzig Jahre nachdem sie gemeinsam in Münster studiert und in einer Wohngemeinschaft zusammengelebt haben, treffen sie sich – Zufälle gibt’s - wieder. Theresa hatte damals ihr Germanistikstudium abgebrochen, um den ertragsarmen Hof ihres Vaters zu übernehmen und ihn ökologisch umzugestalten.

„Zwischen Welten“ zeigt zwei sehr unterschiedliche Figuren

Während der Großstadt-Single Stefan in der führenden Wochenzeitung des Landes namens „Der Bote“ Karriere gemacht hat und zum einflussreichen Kulturchef des Blatts aufsteigt, müht sich die verheiratete Theresa unter Entbehrungen, ihren Mann und die zwei Söhne über Wasser zu halten, was angesichts der kargen Erträge des kleinen Hofes mehr schlecht als recht gelingt. Unterschiedlicher, denkt man, können Lebenswelten innerhalb eines Landes kaum sein.

Das Cover zeigt den Kopf eines Schwans, der Hintergrund ist weiß.

Cover des Buches „Zwischen Welten“ von Juli Zeh.

Doch die Begegnung mit Stefan hallt bei Theresa nach, erinnert sie an die Zeit, als sie dabei war, der Enge der Provinz zu entkommen, dem Milieu ihrer Eltern zu entfliehen. Auch in Stefan löst das zufällige Treffen altes Verlangen nach Theresa aus: Sie waren damals kein Liebespaar, aber geknistert hatte es schon. Warum also nicht jetzt, in der Mitte des Lebens und jenseits der 40 einen zweiten Anlauf ins Glück starten?

Reizthemen zwischen Metropole und Provinz

So entspinnt sich ein immer wieder mal erotisch aufgeladener Gedanken- und vor allem Meinungsaustausch zwischen Hamburg und Brandenburg, zwischen dem Leben in der Metropole und der ländlichen Provinz, auch zwischen West und Ost. Da ist getrennt, was nicht zusammengehört: Während der Top-Journalist Stefan sich im Kosmos einer von sich selbst und ihrer vermeintlichen Bedeutung begeisterten Medienwelt bewegt, kämpft die Milchbäuerin Theresa ums nackte Überleben.

Stefans Schilderungen der Redaktionsdebatten um Gendersprache, Rassismus und Klimapolitik haben wenig zu tun mit ihrem täglichen, sehr handfesten Kampf gegen bürokratische Willkür, Sorgen um kranke Kühe und zu niedrigen Preisen für Lebensmittel. Aus der schicken Hamburger Altbauwohnung mit Stuckdecke und Blick auf die Alster sieht die Welt eben anders aus als aus dem Bauernkaten mit dem eigentlich ganz netten Nazi als Nachbarn.

Außer der Erinnerung an vergangene Studienzeiten ist da also wenig, was die beiden verbindet – aber vieles, was sie unvereinbar trennt. Schon in der Sprache haben sich Stefan und Theresa voneinander entfernt. Während er – politisch um Korrektheit bemüht – Gendersternchen setzt, verzichtet sie konsequent darauf. Diese Entwicklung ist an ihr vorbeigezogen und sie hält sie auch eher für ein randständiges Phänomen – ihre Probleme, so schreibt sie, seien anderer Natur, nämlich existentieller. Der Milchpreis und die kranke Kuh beschäftigen sie halt mehr als Sexismus-Debatten.

Die aktuelle Debattenkultur in Deutschland

Über gut neun Monate zieht sich der elektronische Dialog, neun Monate, in denen viel passiert, was Stoff für Austausch bietet, der jedoch verlässlich immer wieder zu einem heftigen Schlagabtausch entartet. Ob Putins Krieg oder Proteste der Klimaaktivisten, auf einen gemeinsamen Nenner kommen die beiden nur ausnahmsweise.

Durch die Entscheidung der Autoren für die Form des Briefromans sprechen die Figuren jeweils für sich, was ihr Denken, Sprechen und Handeln authentischer wirken lässt und die jeweilige Perspektive klarer. Die Sympathien sind eindeutig mehr auf Seiten der bodenständigen Theresa, während Stefan eher der eitel-ignorante, erlesenen Rotwein konsumierende Bewohner einer abgehobenen Filterblase ist – die Figur ist von ihrer Karikatur kaum zu unterscheiden und bedient – satirisch überspitzt - manches Vorurteil gegen die sogenannten Mainstream-Medien. Der Gegenentwurf Theresa, die sich selbst als Teil eines abgehängten Milieus begreift, ist mit ihrer Nähe zu Systemverächtern und ihrem Verständnis für Eliten-Verachtung nicht unproblematisch.

Unterm Strich wirft der Roman ein Schlaglicht auf die aktuelle Debattenkultur in Deutschland, verdeutlicht die Unversöhnlichkeit, wenn nicht gar Unmöglichkeit, trotz aller Bemühungen miteinander ins Gespräch zu kommen – selbst wenn es, wie bei Theresa und Stefan, am guten Willen nicht gefehlt hat. In dem Punkt ist „Zwischen Welten“ wieder – leider ganz unsatirisch – an der Wirklichkeit.

Juli Zeh/Simon Urban. Zwischen Welten. Luchterhand Verlag, s. 448, € 24,-, eBook € 19,95.