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Kommentar

Regisseur auf Social Media
Werner Herzog ist das Beste, was Instagram seit langem passiert ist

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5 min
Das Bild zeigt Werner Herzog am Set des Films „Grizzly Man“. Foto:IMAGO / EntertainmentPictures

Werner Herzog am Set des Films „Grizzly Man“

Der deutsche Regisseur Werner Herzog ist jetzt auch auf Instagram. Das ist das Beste, was dem Netzwerk seit langem passiert ist.

Seit wenigen Monaten ist der Filmemacher Werner Herzog bei Instagram zu finden, bereits nach kurzer Zeit folgen ihm dort mehr als 750.000 Menschen. Das mag nicht viel sein, für eine öffentliche Person, die Herzog zweifelsohne ist, doch Herzog ist kein Star, kein Promi im klassischen Sinne.

Herzogs umfassendes Werk ist eher schwer zu konsumieren, seine bekanntesten Filme, die mit Klaus Kinski, um die 50 Jahre alt. Dass trotzdem ein User „Ich habe noch nie so schnell den Follow-Button gedrückt“ unter einen der ersten Posts des Filmemachers schreibt, hat vor allem mit dem gebürtigen Bayer, der seit Jahren in Amerika lebt, selbst zu tun, weniger mit seinem Bekanntheitsgrad. Liest man sich die restlichen Kommentare durch, scheint es, als habe nicht nur dieser Nutzer darauf gewartet zu haben, dass der heute 83-jährige dem Netzwerk beitritt.

Denn Werner Herzog hat etwas, was nicht viele haben, gerade hierzulande nicht und das hat Werner Herzog längst zu einem verlässlichen Lieferanten für Meme-Material gemacht. Werner Herzog hat Humor, ohne lustig zu sein, denn Werner Herzog ist nicht lustig, zumindest nicht im gängigen Sinne. Er ist vielmehr skurril, bewusst oder unbewusst, das weiß man bei ihm nie so genau. Oder wie es ein Fan unter einem der Videos auf seinem Account schreibt: „Werner Herzog is actual the most interresting man alive“, die zurzeit interessanteste, lebende Person also.

Episoden aus dem echten Leben

Eine der vielen Anekdoten von und über Werner Herzog, die im Netz kursieren, hat 7,3 Millionen Aufrufe und sie geht so: Werner Herzog sitzt in einem Auto, sein Nebenmann fragt ihn, wie viele Sprachen er denn sprechen würde, „Nicht so viele“, antwortet Herzog, um dann aufzuzählen: Spanisch, Englisch, Deutsch, früher einmal Neu-Griechisch und auch ein bisschen Italienisch. Nur Französisch, erzählt er in den Outtakes seiner Mockumentary „Incident at Loch Ness“, aus denen dieser kurze Clip stammt, weigere er sich zu sprechen. Mehr noch, das sei das Letzte, was er tun würde, bekräftigt der Regisseur. Um ein paar Worte Französisch aus ihm herauszubekommen, müsse man ihm schon eine Waffe an den Kopf halten, fährt er fort - was tatsächlich passiert sei.

Herzog fängt an, von Kindersoldaten, die ihn einst in Afrika gefangen genommen hätten, zu erzählen. 14, 15, 16 Jahre alt seien die gewesen und sie hätten Waffen auf ihn gerichtet. Eine wirklich beängstigende Situation, so Herzog, da die Kinder alle betrunken gewesen seien. Er habe ihnen auf Englisch versucht klarzumachen, dass sie mit ihm vermutlich den Falschen erwischt hätten, deren Anführer habe daraufhin entgegnet, dass sie Französisch sprechen würden und er auch Französisch sprechen müsse, wenn er wolle, dass sie ihn verstehen. Da habe er sich geweigert.

Werner Herzog erzählt seine Geschichten wie andere von ihrem Einkauf erzählen, vom Wochenende, von dem es nichts Außergewöhnliches zu berichten gibt, vom Besuch bei der langweiligen Verwandtschaft. All das mit markanter Stimme, in dem ihm eigenen, fast schon meditativen Ton.Seine Art zu sprechen – unter anderem in den Serien „The Simpsons“, „American Dad“ und „Rick und Morty“ zu hören – trägt zum Kult um Herzog bei. Der Inhalt seiner Anekdoten ist jedoch der Star.

Im Internet kursiert eine Vielzahl an Memes, Reels und Clips zu Werner Herzog. Er habe für eine Szene, in der ein Schiff über einen Berg fahren sollte, ein Schiff über einen Berg ziehen lassen („Fitzcarraldo“, 1982) heißt es da, sei zu Fuße von München nach Paris gelaufen, da er glaubte, eine erkrankte Freundin von ihm werde so wieder gesund. Herzog habe seinen eigenen Schuh gekocht und gegessen („Werner Herzog Eats His Shoe“, 1980), sei während eines Interviews angeschossen worden und habe einfach weiter gemacht. Geschichten, die sich andere nicht ausdenken würden. Werner Herzog hat sie erlebt.Das meiste davon ist in irgendeiner Weise belegt, die Schüsse sieht man gar in einem Video-Ausschnitt.

Das Interessante im Banalen

Auf seinem eigenen Account filmt sich Werner Herzog dabei, wie er ein Steak brät oder seine Eis-Axt vorstellt („Wie kann ein Mensch soviel Aura ausstrahlen, während er die Geschichte seines Eispickel erzählt??“). Er zeigt eine Pfeilspitze, die, abgeschossen von einem indigenen Volk, am Set eines seiner Filme einem Teammitglied den Nacken durchbohrt habe, den man anschließend auf dem Küchentisch habe operieren müssen, wie er erzählt. Oder hält ein Teil eines Flugzeuges in den Händen, auf einem dessen Plätze er gebucht gewesen sei, bevor es über dem Dschungel abstürzte – wenige Tage vor dem Drehbeginn eines Filmes im Urwald des Amazonas („Aguirre, der Zorn Gottes“, 1972).

Authentizität gewinnt

Im Internet, wo zwischen Echt und Fake längst nicht mehr unterschieden werden kann und auch noch der letzte User-von-Nebenan sich selbst erblödet in hysterischem Aktivismus immer schrillere Clips auf der Jagd nach dem einen viralen Hit, ein bisschen Reichweite, ein paar dazugewonnenen Followern hochzuladen, bleibt Werner Herzog einfach nur er selbst. Der originelle, authentische, und unaufgeregt präsentierte, aber meist skurrile Content von und über Werner Herzog scheint genau das zu sein, was hunderttausende Nutzer gerade wollen. Und ist tatsächlich das Beste, was Instagram seit langem zu bieten hat.