- Der französische Filmemacher hat den Film „Gelobt sei Gott” über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche gedreht.
- Ein Gespräch über Opfer-Geschichten, Traumata und seine eigenen Erfahrungen mit Missbrauch.
Herr Ozon, Ihr neuer Film „Gelobt sei Gott“ rollt den Fall von sexuellem Missbrauch in der Diözese Lyon auf. Was hat Sie dazu bewegt, einen Film über Pädophilie in der katholischen Kirche zu drehen?
Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Geschichte mit fragilen, sensiblen Männerfiguren. In einer Zeit in der sehr viel über die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau diskutiert wird, wollte ich in meinem neuen Film Männer zeigen, die nicht dem patriarchalen Stereotyp entsprechen. Bei der Recherche bin ich auf die Zeugenaussagen von Alexandre Guérin im Fall Preynat gestoßen. Was mich an seiner Geschichte sehr überrascht hat: Alexandre war trotz seiner traumatischen Erfahrungen gläubiger Katholik und hat versucht innerhalb der Kirche um Anerkennung und Gerechtigkeit zu kämpfen. Das hat mich sehr berührt. Als ich mich mit ihm getroffen habe, hat er mir sofort ein Packen Dokumente überreicht und gesagt: „Machen Sie damit, was Sie wollen“. Das war der Ausgangspunkt meiner journalistischen Recherche.
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Journalistische Recherche, das war bisher nicht Ihr Metier ...
Ich versuche für jeden Film die richtige Erzählform zu finden. In diesem Fall wollte ich mich in den Dienst der real existierenden Protagonisten stellen. Ursprünglich wollte ich daraus einen Dokumentarfilm machen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Protagonisten sich mir gegenüber öffneten, weil ich ein Spielfilm-Regisseur bin. Sie vertrauten mir Dinge an, die Sie der Presse nicht anvertraut hätten. Was den Täter angeht, waren die Fakten in ganz Frankreich bekannt. Aber die wenigsten kennen die Geschichte der Opfer und ihrer Familien.
„Gelobt sei Gott“ zeigt sehr eindrücklich, wie unterschiedlich die Opfer sexueller Gewalt mit ihrem Trauma umgehen. Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?
Jedes Opfer hat eine andere Geschichte. Wichtig ist, wie die Familien darauf reagieren. Bei François haben die Eltern sehr schnell verstanden, was da passiert ist und sind aktiv geworden. Alexandres Eltern hingegen wollten den Missbrauch nicht wahrhaben. Emmanuels Mutter hat nichts bemerkt. In seinem Fall kommt erschwerend hinzu, dass die eigene Familie auseinandergebrochen ist und ihm eine Vaterfigur fehlte. Er war den Erlebnissen schutzlos ausgeliefert. Wir müssen uns vor Augen führen, dass es viele Menschen gibt, die diese Erfahrungen nicht bewältigen können und von ihren Erinnerungen in den Selbstmord getrieben werden.
Ihr Film reflektiert auch das sehr katholische Konzept der Vergebung, unter dessen Deckmantel Täter und Opfer an einen Tisch geholt werden. Ist eine solche Versöhnung überhaupt notwendig?
Diese Täter-Opfer-Gespräche zeigen deutlich das perverse Vorgehen der Kirche, die versucht beide Seiten Händchen haltend an einen Tisch zu bringen. Alle Psychologen sagen, dass eine solche Konfrontation für die Opfer sehr gefährlich ist, weil sie erneut in die Situation der Machtlosigkeit hinein gedrängt werden. Pädophilie ist ein Verbrechen und somit eine Sache der Justiz.
Warum hat die katholische Kirche über so lange Zeit hartnäckig den sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen geleugnet?
In Frankreich ist gerade ein Buch erschienen, das die Doppelmoral im Vatikan bezüglich des Themas Homosexualität untersucht. In „Sodoma“ kommt Frédéric Martel zu dem Schluss, dass schätzungsweise 75 Prozent der Bischöfe und Kardinäle in Rom homosexuell oder homophil sind. Wenn diese Geistlichen anfangen sich gegen pädophile Priester einzusetzen, laufen sie Gefahr, als schwul geoutet zu werden. Weil keiner an den Pranger gestellt werden will, schützen sie sich gegenseitig. Und so konstituiert sich jene „Omertá“, die dem Schweigegelübde der italienischen Mafia nicht unähnlich ist.
François Ozon, 1967 in Paris geboren, ist wohl der bekannteste Regisseur Frankreichs. Zu seinen Filmen gehören
„8 Frauen“ (2002), „Swimmingpool“ (2003), und „Frantz“ (2016). Für „Gelobt sei Gott“ gewann er bei der Berlinale den Silbernen Bären. Der Film ist derzeit in den deutschen Kinos zu sehen.
Wie ist Ihr eigenes Verhältnis zur katholischen Religion?
Ich bin ganz klassisch katholisch aufgewachsen. Ich bin zum Katechismus-Unterricht gegangen und habe die Erstkommunion gefeiert. Nachdem ich als Jugendlicher meine Sexualität entdeckt hatte, habe ich mit dem katholischen Glauben gebrochen, weil ich die Positionen der Kirche zu diesem Thema als scheinheilig empfand. Außerdem erkannte ich, dass das, was in den Evangelien steht, nichts mit dem zu tun hat, was die Kirche tut. Ich bin nicht mehr Mitglied der katholischen Kirche. Aber viele meiner Freunde sind praktizierende Katholiken und das respektiere ich.
Hatten Sie als Kind eigene Erfahrungen mit pädophilen Priestern?
Ich war sieben oder acht Jahre alt, als wir beim Katechismus-Unterricht mit einem der Priester Verstecken spielten. Er hat zu mir gesagt: „Du ich habe da ein Bomben-Versteck“. Als wir dort waren, fing er plötzlich an schwer zu atmen und mich an sich zu drücken. Ich habe ihn ganz impulsiv von mir weg geschubst. Als diese Erinnerungen in mir hoch kamen, ist mir schon ein wenig schwindlig geworden. Wenn dieser Priester etwas offensiver vorgegangen wäre – wer weiß, was das aus mir und meinem Leben gemacht hätte?



