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Robert SeethalerDie Poesie des alltäglichen Scheiterns

3 min
Robert Seethaler schaut zwischen Säulen hindurch in die Kamera.

Der Schriftsteller Robert Seethaler hat ein neues Buch geschrieben: "Die Straße" 

Der neue Roman von Robert Seethaler, „Die Straße“, verteidigt das literarische Recht der kleinen Leute auf ein einfaches Leben. 

„Die meisten von uns sind aus der Gegend. Viele sogar aus der Straße. Die Wege werden kürzer mit der Zeit. Früher gehörte die Straße uns.“ Robert Seethaler lässt seine Leser bewusst darüber im Ungewissen, wer hier und an den meisten anderen Stellen seines neuen Buches spricht. Aber für wen das „uns“ steht, dem die Straße nicht mehr gehört, erschließt sich schon auf den ersten Seiten: Zu den Bewohnern eines Altenheims kehrt Seethaler mit schöner Verlässlichkeit zurück. Wenn das Leben eine Straße ist, liegt dieses Haus an ihrem Ende. Die Wege werden kürzer, bis niemand sie mehr geht.

Sein neues Buch hat Robert Seethaler so lakonisch betitelt wie die meisten seiner Romane: Vor „Die Straße“ gab es bereits „Das Feld“, „Der letzte Satz“, „Der Trafikant“ und natürlich seinen Welterfolg „Ein ganzes Leben“. Lakonisch sind auch die Momente und Gedankenflüsse, die er auf der Straße sammelt wie Zufallsbegegnungen oder Gehörtes im Vorübergehen. Aber wie schon auf dem Gräberfeld, auf dem die Toten zu sprechen beginnen, oder im „Café ohne Namen“, das zum Treffpunkt von Menschen und Geschichten wird, ist das Stimmengeflecht sorgfältig komponiert.

„Die Straße“ ist ein langer, ruhiger Bewusstseinsstrom

„Die Straße“ ist ein langer, ruhiger Bewusstseinsstrom, ein „Ulysses“ für die gesichts- und namenslose, leicht heruntergekommene und etwas verschlafene Vorstadt. Es ist das ganze Leben im Kleinen, ein Kosmos, gebildet aus Figuren, die als einfache Leute arg verkürzt, aber auch nicht falsch beschrieben sind. Man erfährt wenig von ihnen, manche kehren jedoch so regelmäßig wieder, dass man sie im fließenden Wechsel der Perspektiven wiedererkennt: eine Frau, die das Haus ihrer ins Altenheim verzogenen Tante bewohnt, ein Mann, der gegen jede kaufmännische Vernunft ein Antiquariat eröffnet, eine unglücklich verliebte Blumenhändlerin, ein Polizist, der im besten Amtsdeutsch wütende Briefe an die übergeordnete Dienststelle verfasst.

Die Dramen des Alltags fehlen in dieser Straße nicht. Es gibt den finanziellen und persönlichen Konkurs, das straffällig gewordene Kind, den versuchten Suizid, die alljährliche Straßenfestprügelei, das allmähliche Verdämmern in der Demenz. Seethaler sitzt mit am Tisch, wenn sich die lokalen Geschäftsleute rasch zerstreiten und ebenso rasch wieder versöhnen, belauscht, wie sich die Bewohner des Altenheims an ihr flüchtiges Leben erinnern, und verfolgt die bestenfalls halblegalen Tricks und Kniffe, mit denen Immobilienhaie ein Wohngebiet entmieten. „Früher gehörte die Straße uns“, dieser nostalgische Satz hat auch einen gesellschaftspolitischen Unterton: Was früher allen, der Allgemeinheit, gehörte, wird jetzt privatisiert, schnöde zu Geld gemacht.

Wenn Seethaler die Spekulanten belauscht, scheint er auf die gerechte Wut seiner Leser zu bauen und auf die gesellschaftspolitische Bedeutung seines kleinen Straßenkosmos zu schielen. Allerdings ist er ein überzeugenderer Klassenkämpfer, wenn er das Recht der kleinen Leute auf ihr einfaches Leben verteidigt. Also das Glück dort findet, wo man es am wenigsten vermuten würde, und das Unglück im achtlos Dahingesagten oder hinterhältig Dahingedachten. Die Poesie des alltäglichen Scheiterns ist Seethalers Metier, auch wenn er es mit dem Impressionismus mitunter übertreibt. Sogar amtliche Schriftverkehre und Lokalpolitikerreden nimmt er in seinen Erzählfluss auf; an solchen literarisierten Stellen wirkt das ganze Leben etwas aufgesetzt.

Am Ende des Romans fühlt man sich angenehm verloren im Gewimmel der Figuren und im Konzert der abgelauschten Gedanken. Alles scheint ineinanderzufließen, die Straße spricht plötzlich mit einer Stimme, dem Chor der unaufhaltsam verschwindenden Lebenszeit. „Früher war es ruhig in der Straße. Wo wollen die Menschen bloß hin? Da unten gehen sie, und der Regen weht ihnen in die Augen, und sie sind müde von der Arbeit und müde vom Tag und müde von den weiten Wegen.“


Robert Seethaler: „Die Straße“, Claassen, 240 Seiten, 25 Euro, E-Book: 19,99 Euro.