Die Kölner Galerie Julian Sander zeigt Arbeiten der Fotografin Rosalind Fox Solomon. Ihr vertrauen Menschen, die etwas zu verbergen hätten.
Rosalind Fox Solomon in KölnSeltsame Menschen brauchen solche Verbündete

„Foxes Masquerade, New Orleans“ (1993/94) ist derzeit in der Kölner Galerie Julian Sander zu sehen.
Copyright: Rosalind Fox Solomon
Es gibt berühmte Bilderdiebe unter den US-Fotografen, Helen Levitt etwa oder Garry Winogrand, die auf den Straßen zu Hause waren und Augenblicke aus dem Leben ihrer Mitmenschen stahlen. Heute gehört ihre Beute zum Bilderschatz der Kunstgeschichte, sie zeigen die Welt in jenen kostbaren Momenten, in denen sie sich unbeobachtet glaubt.
Rosalind Fox Solomon näherte sich den Menschen auf ihren Bildern auf andere, man könnte sagen auf ehrlichere Weise. Sie gewann das Vertrauen von Fremden überall auf der Welt und brachte sie dazu, ihr die Türen ihrer Häuser und Wohnungen zu öffnen. Solomons Kalkül hinter ihrer Freundlichkeit war allerdings auch nicht ohne Widerhaken: Sie zeigt die Menschen dort, wo sie sich sicher fühlen und sich daher erstaunlich schutzlos präsentieren.
Berühmt wurde Rosalind Fox Solomon mit ihren Aufnahmen von Aids-Patienten
Berühmt wurde die mittlerweile 93-jährige Fotografin mit ihren Aufnahmen von Aids-Patienten, in denen sie, auf dem Höhepunkt der Aids-Epidemie, die Menschen und das Leiden hinter den politischen Zerrbildern und demagogischen Untergangsvisionen zeigte. Für diese Serie nahm Solomon gleichsam Urlaub von ihrer Lust am Seltsamen und Kuriosen, das ihr Werk ansonsten prägt.
In der Kölner Galerie Julian Sander ist jetzt eine schöne Auswahl aus Solomons privaten Archiven zu sehen. Anders als die Herkunft vermuten lässt, handelt es sich aber nicht um bislang von Solomon unter Verschluss gehaltene Aufnahmen. Viele sind veröffentlicht, einige ikonisch. Aber man kann sich bei ihnen zugleich immer auch vorstellen, dass sie in einer geheimen Schublade der Porträtierten lagen.
In New Orleans fotografierte Solomon eine Herrenrunde, die sich in einem Clubraum mit Fuchsmasken ablichten ließ; man denkt an Karneval, aber die Stimmung ist eher gesetzt und feierlich wie bei der Ausübung eines Kults. Eine Frau schaut lachend in die Kamera, während sie den Hintern einer anderen Frau mit einem elektronischen Gerät massiert, und zwei ältere Herren haben es sich in Loriot-Manier gemeinsam in einer Badewanne gemütlich gemacht.

Rosalind Fox Solomons Aufnahme „Mrs. Ova Heggi and Her Mannequin“ (1974)
Copyright: Rosalind Fox Solomon
Am Anfang ihrer Karriere, so Julian Sander, habe Solomon mit Puppen geübt. Diese Liebe zum unbelebten menschlichen Objekt blieb ihr offenbar erhalten. Sie lässt den Theaterregisseur Thadeusz Kantor in einer Probenpause mit einer als Braut kostümierten Puppe posieren, was bei Kantor an sich nichts Ungewöhnliches ist. Aber so unheimlich sah er dann doch selten aus. Ähnlich grandios ist die Aufnahme einer Schneiderin, die sich auf eine Frau ohne Unterleib stützt; die grazil geschwungene Fußstellung des Mannequins macht aus dem beinahe gewöhnlichen Bild ein Meisterwerk.
Solomon ist ohnehin eine Meisterin solcher „entscheidender“ Nebensächlichkeiten: eine Katze, die sich vorsätzlich von ihrem Herrchen abzuwenden scheint; eine Frau, die ins Bild ihres kopfstehenden Manns schielt; oder der schlangenartige Penis auf einem Gemälde, neben dem die Malerin mit einer „lebenden Statue“ posiert. Diesen Blick fürs erbauliche Detail bewies Solomon auch dann, wenn sie als „klassische“ Straßenfotografin unterwegs war, im Park kopulierende Hunde ablichtete oder einen Jungen vor einer riesigen Pappeistüte erwischte.
Auch Menschen in Kostümen konnte sie offenbar nicht widerstehen. Sander zeigt einen Wolf im hosenlosen Frack, eine lebendige Freiheitsstatue und einen Mann, der sein Gesicht in einer Leinwand mit dem Porträt Napoleons spazieren führt. Gerade in Köln darf man wohl feststellen, dass dies ganz normale seltsame Menschen sind. In Rosalind Fox Solomon haben sie eine Verbündete.
„Rosalind Fox Solomon. Photographs from the Private Achive“, Galerie Julian Sander, Bonner Str. 82, Köln, Mi.-Fr. 10-18 Uhr, Sa. 12-16 Uhr, bis 25. November 2023.

