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Salman Rushdie in Köln„Ich bin ein glücklicher Schriftsteller“

9 min
Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie hält am 22. März 2026 eine Rede zur Eröffnung des Festivals „Literatur im Nebel“ in Heidenreichstein bei Zwettl in Nordösterreich.

Salman Rushdie war auf der lit.Cologne in Köln zu Gast.

Warum Salman Rushdie nach der Messerattacke auf seine Person kein Opfer sein wollte. Eine Begegnung mit dem weltberühmten Autor in Köln.

Herr Rushdie, der letzte Satz der letzten Geschichte in „Die elfte Stunde“, Ihrem neuen Band mit Erzählungen, lautet: „Uns fehlen die Worte“. Ihr vorhergehender Roman, „Victory City“, endet mit der Aussage: „Worte sind die einzigen Sieger.“

Salman Rushdie: Das ist natürlich ganz bewusst so geschehen.

Offensichtlich – aber wie können beide Aussagen wahr sein?

Nun, in „Victory City“ meint die Figur damit, dass Geschichten das sind, was von uns bleibt. Imperien können vergehen, aber wir überleben in Geschichten. Nur Worte überwinden die Zeit. Diese neue Story ist aber eine dunklere Geschichte, obwohl sie in komischer Form geschrieben ist. Es geht um das Scheitern der Kommunikation. Sie ist eine Art Warnung. Und sie spielt auf einem Platz an einem namentlich nicht genannten Ort, weil sie auf mehr als einen Ort zutrifft. Die Piazza könnte überall sein.

Sie könnte auch für soziale Medien oder das Internet stehen.

Genau. Eine Metapher für die Demokratie sieht sie als einen öffentlichen Raum, in dem Menschen streiten. Aber wenn wir die Fähigkeit verlieren, überhaupt miteinander zu kommunizieren, bricht die Gesellschaft zusammen. Dann kann man sich nicht mehr verstehen, obwohl man eigentlich dieselbe Sprache spricht. Ich glaube, da befinden wir uns in vielen Gesellschaften heute.

Sie lassen sogar die Sprache selbst als allegorische Figur auftreten, die aus dem öffentlichen Raum vertrieben wird.

Ich hatte nicht erwartet, dass die Sprache zu einer Figur in dieser Geschichte werden würde. Sie ist einfach in diese Geschichte hineinspaziert und hat sich hingesetzt. Ich dachte: Oh, da bist du ja. Manchmal kann die eigene Vorstellungskraft einen überraschen. Dann muss man entscheiden, ob es eine gute oder eine schlechte Überraschung ist. Aber mir hat es wirklich gefallen, als sie auftauchte.

Die Mächtigen missbrauchen die Sprache, um die Wahrheit zu verzerren und so Macht auszuüben. Als Schriftsteller versucht man, mithilfe von Sprache die Wahrheit zu enthüllen.
Salman Rushdie

Sie schreiben, Sprache könne keine Gesellschaft formen, wenn sich Menschen nicht mehr auf die Bedeutung von Wörtern wie „gut“ und „schlecht“ oder „richtig“ und „falsch“ einigen können.

Ich glaube, das ist im Lauf der Geschichte immer wieder passiert. Nicht nur jetzt, nicht nur unter Donald Trump. Schon während des Vietnamkriegs verdrehte der Sprachgebrauch der Machthaber in Amerika die Wahrheit. Mein Freund Michael Herr schreibt in „Dispatches“, seinem großartigen Buch über den Vietnamkrieg, dass die Soldaten in Vietnam am wütendsten über die Art und Weise waren, wie ihre Vorgesetzten den Krieg darstellten. Nämlich als eine Art von Triumph. Vor Ort fühlte sich der Krieg dagegen überhaupt nicht triumphal an. Die Mächtigen missbrauchen die Sprache, um die Wahrheit zu verzerren und so Macht auszuüben. Als Schriftsteller versucht man, mithilfe von Sprache die Wahrheit zu enthüllen.

Würden Sie sagen, dass eine schmale Linie zwischen diesen beiden Gebräuchen der Sprache verläuft? An der Kunst in Propaganda ausarten kann?

Nein, ich glaube, sie stehen im fundamentalen Gegensatz zueinander. Politiker benutzen Sprache, um zu verbergen, was wirklich vor sich geht. Künstler benutzen Sprache, um zu zeigen, was wirklich vor sich geht.

Sie haben an anderer Stelle gesagt, dass Sie als jüngerer Schriftsteller viel mehr Zeit mit der Architektur eines Romans verbracht haben, mit dem Planen der Handlung.

Ich weiß nicht, ob es nur daran liegt, dass ich jetzt erfahrener bin. Natürlich braucht man eine gewisse Architektur, muss die grobe Richtung kennen, in die die Geschichte geht. Aber mir gefällt die Idee des Schreibens als eines Akts der Entdeckung. Dass man herausfindet, was man schreibt, indem man es schreibt. Um es mit einer musikalischen Metapher zu sagen: Ich habe mich von einem Sinfoniekomponisten zu einem Jazzmusiker entwickelt.

Ich musste an die Musikerin Chandni aus Ihrer Geschichte „Die Musikerin von Kahani“ denken, die sowohl klassisches Konzertklavier als auch Sitar spielt.

Ja, die indische klassische Musik, der Raga, erlaubt ein enormes Maß an Freiheit. Es gibt eine Form, aber innerhalb dieser Form gibt es viel Raum für Ausdruck, Entdeckung und Improvisation.

Wenn man älter wird, ist einem manches egal. Und wenn man tot ist, ist einem natürlich alles egal.
Salman Rushdie

In jeder der fünf neuen Storys gibt es Figuren, die dem Tod nahe sind oder auf andere Weise ihre Handlungsfähigkeit verloren haben. Ein Protagonist ist sogar bereits gestorben. Ihnen gemein ist: Sie haben nichts mehr zu verlieren.

Ich glaube, das ist eine Frage des Älterwerdens. Wenn man älter wird, ist einem manches egal. Und wenn man tot ist, ist einem natürlich alles egal. Ich finde besonders die Geschichte des Geistes interessant. Manche Leute haben mir gesagt, es sei eine Rachestory. Aber ich denke, es ist etwas ein wenig Subtileres: Es geht um Gerechtigkeit. Ihm wurde in seinem Leben ein großes Unrecht angetan. Und der Grund, warum er keine Ruhe finden kann, ist, dass dieses Unrecht wiedergutgemacht werden muss. Er braucht nicht nur Vergeltung. Er kann nur Frieden finden, wenn ausgesprochen wird, dass das, was man ihm angetan hat, falsch war. Es ist eine Geschichte darüber, das zu bekommen, was man verdient und was einem zu Lebzeiten verweigert wurde.

An Rache per se ist ja auch ein würdiges Sujet. „Hamlet", der größte Text im westlichen Kanon, handelt von Rache.

Ja, aber Hamlet braucht den größten Teil des Stücks, um zu entscheiden, ob er Rache suchen wird oder nicht. Und als er es tut, geht es sehr schlimm schief und alle sterben.

Wir haben bereits über die Musikerin Chandni gesprochen. Sie nimmt gnadenlos Rache an dem Guru, der ihren Vater verführte, an der Milliardärsfamilie, die ihr Leben gekapert hat …

Ihre Rache kommt aus ihrer Kunst. Das ist reine Fantasie, die Idee, dass Kunst so mächtig sein kann. Das passiert nur in einer Geschichte, nicht im echten Leben. Ich dachte mir einfach: Stell dir vor, Kunst wäre mächtiger als die Mächtigen. Außerdem verdienen Milliardäre alles, was ihnen widerfährt.

Was ist die Magie der Kunst für Sie, abgesehen vom Wunschdenken?

Ich glaube, die Erfahrung von Kunst kann transformativ sein. Wenn es ein Buch ist, oder ein Musikstück, oder ein Gemälde, das man wirklich liebt, dann verändert sich dabei etwas am eigenen Bild der Welt. Man kann ein Buch lesen und danach die Welt anders sehen als zuvor. Keine politische Revolution, aber eine Revolution im Individuum. Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich Picassos „Guernica“ gesehen habe. Das hing damals noch im Museum of Modern Art in New York, wohin es gebracht worden war, um es vor Franco zu schützen. Ein umwerfendes Gemälde. Als die Demokratie nach Spanien zurückkehrte und sie es zurückforderten, wollte das MoMA es zuerst nicht zurückgeben. Man schätzte, dass etwa drei Millionen Menschen pro Jahr ins Museum kamen, nur um dieses Gemälde zu sehen. Dann hing es im Prado. Und nachdem man die Reina Sofía gebaut hatte, um es zu beherbergen, wollte es der Prado nicht hergeben. Es wurde also um dieses Gemälde gestritten, weil es so mächtig ist. Wenn ich an Krieg denke, denke ich an dieses Gemälde. So bewegend kann Kunst in ihren besten Momenten sein. Kennen Sie die berühmte Geschichte, dass Picasso von einem deutschen Heeresoffizier gefragt wurde: Haben Sie das gemacht? Und er sagte: Nein, Sie haben das gemacht.

Aber dann gibt es Menschen wie den Sohn des Milliardärs in Ihrer Geschichte, die für jede Art von Kunst unerreichbar sind.

Nun ja, manche Milliardäre wollen auch ihre Großzügigkeit unter Beweis stellen. In Indien zum Beispiel hat die Familie Ambani gerade ein riesiges Kunstzentrum für Theater, Malerei, etc. eingerichtet. Ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu diesem Ort. Aber manchmal werden die Reichen zu Mäzenen der Künste, und das kann durchaus von Nutzen sein.

Stell dir vor, Kunst wäre mächtiger als die Mächtigen.
Salman Rushdie

Wie die Kirche oder die Könige in früheren Zeiten.

Historisch gesehen hat sich viel Kunst aufs Mäzenatentum gestützt. Selbst die Mona Lisa ist ein Auftragswerk. Nur dass Da Vinci sie seinem Auftraggeber nie übergab. Er weigerte sich, sie fertigzustellen. Er trug sie überall mit sich.

Ich habe immer gedacht, dass Leonardo seine Gemälde nicht vollendete, um sie für sich zu behalten.

Ja, genau. Selbst als er Italien verließ und in Frankreich landete, nahm er die Mona Lisa mit, weshalb sie sich im Louvre befindet.

Jetzt scheinen Sie in Ihren neuen Geschichten einige alte Schauplätze wieder aufzusuchen. Etwa Ihre alte Nachbarschaft in Mumbai, die wir aus „Mitternachtskinder“ kennen.

Ja, ich habe ganz bewusst, diesen alten Schauplatz wieder aufgesucht. Ich wollte noch eine letzte Geschichte von diesem Ort erzählen. Jedes Mal, wenn ich nach Bombay zurückgekehrt bin, fühlte ich mich zu diesem kleinen Viertel hingezogen. Nur um dort fünf Minuten lang zu stehen und mich an meine Kindheit zu erinnern. Ich musste immer diese Pilgerfahrt den Hügel hinauf machen.

Salman Rushdies neuer Erzählband „Die elfte Stunde“

Auch um Ihre älteren Werke noch einmal zu besuchen?

Nein, es geht um meine eigene Geschichte und mich, mehr als um „Mitternachtskinder“. Natürlich gibt es das Echo von „Mitternachtskinder“, das ist unvermeidlich. Aber es ist nicht nur das. Als ich „Quichotte“ schrieb, spielt sich die Vorgeschichte der Figur des indischen Filmstars ebenfalls in diesem Viertel ab. Ich habe es in meiner Arbeit also ein paarmal aufgesucht, aber ich glaube, das war jetzt das letzte Mal.

Lassen Sie uns noch einmal auf die Präsenz des Todes in diesen Storys zurückkommen. Die hängt doch sicher auch damit zusammen, dass Sie ihm nur knapp entkommen sind?

Zum Teil ja, aber auch einfach damit, älter zu werden. Das ist jetzt mein 23. Buch. Ich glaube nicht, dass es noch einmal 23 werden. Ich wäre froh, wenn es noch ein oder zwei werden. Wenn man diesen Punkt im Leben erreicht, an dem man erkennt, dass das meiste davon bereits hinter einem liegt, bringt einen das zum Nachdenken. Ich wollte mich mit diesem Seinszustand im letzten Lebensabschnitt befassen. Aber auf eine leichte Art und Weise, spielerisch statt erschreckend.

Liegt in dem Wissen, dass Sie sich nichts mehr beweisen müssen, nicht auch eine große Freiheit?

Ich bin ein glücklicher Schriftsteller, dem es gelungen ist, den Großteil seines Lebens von seiner Arbeit zu leben. „Mitternachtskinder“ erschien, als ich 33 Jahre alt war. Seitdem hat die Arbeit mich ernährt. Das bedeutet, dass ich nicht alle fünf Minuten ein Buch herausbringen muss. Und es bedeutet, dass ich nur schreibe, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich habe mir nichts mehr zu beweisen. Man schreibt die Bücher, von denen man das Gefühl hat, sie schreiben zu müssen. Die zu einem kommen und bei denen man sagt: Du musst diese Geschichte erzählen.

Sie konnten nach dem Attentat zunächst nicht weitererzählen, mussten das Geschehene zuerst verarbeiten. Hat es nach „Knife“, Ihrem Bericht über die Messerattacke, lange gedauert, bis Sie sich wieder an Fiktionen setzen konnten?

Nein, in dem Moment, in dem ich „Knife“ fertiggestellt hatte, in dem ich das Manuskript abgeschlossen und an den Verlag geschickt hatte, war es, als ob sich eine kleine Tür in meinem Kopf geöffnet hätte und die Geschichten wieder herausströmten. Und die erste, die zu mir kam, war die Geistergeschichte. Sie fühlte sich frisch an, anders als alles, was ich zuvor geschrieben hatte. Das war sehr erfreulich. Und dieses gute Gefühl führte dann zu den anderen beiden Novellen. Also ja, es war eine Art Freude, zur Belletristik zurückzukehren. Ich hoffe, dass da noch mehr kommen wird.

Schon in „Knife“ erzählen Sie ja nicht nur vom Attentat, sondern auch davon, wie Sie sich in Ihre Frau verliebt haben.

Ja, ich dachte, es wäre schön, wenn Leute dieses Buch aufschlagen in der Erwartung, es handele sich um einen True-Crime-Bericht, und dann entdecken, dass es auch eine Liebesgeschichte ist. Denn als ich das Buch anfing, dachte ich: Wenn ich nur über das spreche, was vorgefallen ist, über den Angriff, reicht das nicht für ein Buch. Das kann ich auf 15 oder 20 Seiten tun. Ich kam zu dem Schluss, dass das Buch von einem Gegensatz zwischen Liebe und Tod handeln soll. Zwischen Schönheit und Hässlichkeit. In der ganzen langen Saga der „Satanischen Verse“ ist alles, was ich am meisten bewundere – Liebe, Kunst, Schönheit, Freiheit – all dem gegenübergestellt worden, was ich am meisten ablehne: Fanatismus, Bigotterie, Gewalt. „Knife“ ist eine Miniaturversion dieser großen Themen, verkörpert einerseits in der Figur des Angreifers und andererseits in meiner Frau, die diese gegensätzlichen Kräfte repräsentieren. Mit mir am dritten Punkt des Dreiecks.

Ihr Messer, sagen sie dort, ist die Sprache. Den Bericht über den Angriff in eine Liebesgeschichte zu verwandeln, scheint mir die beste Art von Rache zu sein.

Nun, es hat auf jeden Fall dazu geführt, dass das Gefühl entstand, die Geschichte gehörte mir. Anstatt das Opfer von etwas zu sein, war ich der Schöpfer von etwas.

Ich möchte Ihnen eine letzte Frage zur Politik stellen. Vor zehn Jahren, unmittelbar bevor Trump zum ersten Mal gewählt wurde, sind Sie amerikanischer Staatsbürger geworden. Haben Sie diese Entscheidung jemals bereut?

Nein, ich denke, wenn man in einem Land lebt, möchte man wirklich ein Teil davon sein. Es ist seltsam zu sagen: Hier ist mein Zuhause, aber ich kann hier nicht teilnehmen. Ich kann nicht wählen. Ich bin dann prompt zum Geschworenendienst vorgeladen worden. Zum Glück wurde ich nicht ausgewählt. Aber das ist ein Teil der Demokratie. New York, wo ich wohne, ist nicht Amerika. Im restlichen Amerika mag man New York nicht besonders. Aber New York hat Trump schon lange durchschaut, als er noch ein korrupter Immobilienentwickler war. Wir wussten alle, wer er war. Leider wurde der Rest des Landes getäuscht.