Abo

„Schnatterzone der Damentoilette“Wie frauenfeindlich darf es sein?

3 min
Ildikó von Kürthy kommt zur Verleihung "Goldene Bild der Frau" im Stage Theater im Hafen.

Ildikó von Kürthy bei der Verleihung "Goldene Bild der Frau" in Hamburg 

Der Kölner Literaturkritiker Denis Scheck hat mit seiner Schmähkritik am neuen Buch von Ildikó von Kürthy eine Debatte ausgelöst.

Seit Jahren nimmt es der Kölner Literaturkritiker Denis Scheck auf sich, all die Bücher zu lesen, zu verreißen und buchstäblich in die Abfalltonne zu werfen, die Vertretern der bürgerlichen Hochkultur ansonsten nicht einmal eine gerümpfte Nase wert erscheinen. Man kann dieses Schauspiel allmonatlich in der ARD-Sendung „Druckfrisch“ verfolgen: Dort widmet sich Scheck den Bestsellerlisten und bewertet abwechselnd die zehn bestverkauften deutschsprachigen Werke in den Kategorien Sachbuch und Belletristik mit kurzem Lob und Tadel, einem Bonmot oder gerne auch mal einem bösen Wort.

Elke Heidenreich nennt Denis Schecks Kritik frauenfeindlich

In der Regel trifft Schecks Verdikt solche Werke, die man früher der Schundliteratur zugerechnet hätte, ohne sich länger damit aufzuhalten. Seitdem ihr Verkaufserfolg wöchentlich ausgewiesen wird, lässt sie sich aber offenbar nicht mehr länger ignorieren. Dabei gehört Scheck nicht zu den Verächtern der Unterhaltungsliteratur – solange diese nur gut gemacht ist, findet sie regelmäßig vor ihm Gnade. Anderes verfolgt er ohne Nachsicht und nimmt seinem Publikum dabei die Mühe ab, selbst in die Niederungen der Literatur hinabzusteigen.

Man kann das wohlfeil finden. Aber Scheck hat durchaus eine Botschaft über sein Stammpublikum hinaus. An die Leser der Schundliteratur gerichtet lautet diese: Ihr habt Besseres verdient. Das klingt ehrenwert, wird von den Betroffenen aber wenig geschätzt; so würde ihm die BookTok-Gemeinde wohl am liebsten Hausverbot erteilen.

Denis Scheck, Literaturkritiker und Übersetzer, kommt zur 15. Verleihung des Deutschen Radiopreises im Stage Theater Neue Flora.

Denis Scheck, Literaturkritiker und Übersetzer

Seit letzter Woche sind Schecks Bestseller-Bewertungen auch Gegenstand der Feuilleton-Debatten. Denn dieses Mal warf er nicht einen Fitzek-Thriller in die Tonne, sondern Ildikó von Kürthys Sachbuch „Alt genug“ – begleitet vom Urteil, dieses biete vornehmlich „Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“.

Was soll man davon halten? Elke Heidenreich, Kolumnistin dieser Zeitung, die mit Scheck eine langjährige, offenbar auf Gegenseitigkeit beruhende und teilweise öffentlich ausgetragene Feindschaft pflegt, nannte das Malmot in der „Zeit“ frauenfeindlich und fiel gleich mit der Schlagzeile ins Haus: „Warum darf Denis Scheck noch immer Bücher in die Tonne werfen?“ In der „Süddeutschen Zeitung“ mutmaßte ein Autor, ob Scheck, mit mehr als 60 Jahren selbst nicht mehr der Jüngste, möglicherweise nicht mit den Alltagserfahrungen alternder Frauen behelligt werden möchte. Und die „NZZ“ regte an, Scheck solle sich angesichts der vielen, unter seinem Niveau veröffentlichten Literatur etwas mehr Gelassenheit antrainieren. Zudem sende Scheck mit seinen Bestseller-Verdikten selbst aus der „Schnatterzone der Hochkultur“.

Wir wissen nicht, ob Denis Scheck alle Frauen für dumme Gänse hält, wären aber sehr verwundert, wenn es so wäre. Die Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy scheint er aber für eine unrühmliche Ausnahme zu halten und darüber seine gute Erziehung zu vergessen: Frauen schnattern zu lassen, wenn auch nur in einer Zone, ist ein sattsam bekanntes frauenfeindliches Klischee. Den Vorwurf der Misogynie war es Scheck aber offenkundig wert, spätabendlich gegen Kürthy auszuteilen.

Bleibt die Frage, ob die „Alt genug“-Leserinnen (und Leser) Besseres verdient haben, als es ihnen die Kürthy-Lektüre geliefert hat. Die Antwort darauf darf man getrost eben diesen Lesern und Leserinnen überlassen, deren Zahl seit Schecks Einzeiler sicherlich nicht kleiner geworden ist. Als Teil jener Kraft, die das Böse will und das Gute schafft, dürfte Scheck maßgeblich dabei geholfen haben, Kürthys Sachbuch einen dauerhaften Platz auf der Sachbuch-Bestsellerliste zu sichern – und sich selbst die Gelegenheit, dies im Fernsehen kurz angebunden zu beklagen. So läuft das in der Aufmerksamkeitsökonomie: Am Ende gewinnt der Markt immer, und alle Kritik daran ist nur Geschnatter.