Vivaldi und Klarinette, wie bitte? Ja, anders als Bach und Händel gehörte der Venezianer – zusammen übrigens mit seinen deutschen Kollegen Georg Philipp Telemann und Johann Melchior Molter – zu den auch instrumentatorisch experimentierfreudigen Komponisten der Barockzeit, die bald nach 1700 die Frühformen der erst im späteren 18. Jahrhundert zu bautechnischer Reife gelangten Klarinette einsetzten: das „Clarinetto“ und das Chalumeau.
Beide tauchen in seinen zahllosen Solokonzerten und auch als obligate Farbe in der Arienbegleitung seiner Opern und Oratorien auf. Warum wir die Kombination Vivaldi und Klarinette trotzdem merkwürdig finden? Weil wir, infiziert durch Mozarts Meisterwerke für das Instrument, die Klarinette einfach mit einem modernen, weicheren, kantableren, wenn man so will: romantischeren Klangideal assoziieren. Dabei machen wir allerdings einen Fehler: Vivaldis Klarinette klang eben noch nicht so wie die Mozart’sche, sondern entweder blockflöten- oder trompetenhaft – und fügte sich solchermaßen ausgezeichnet in das Orchester der Barockzeit.
Wie hätte Vivaldi wohl für die Klarinette komponiert, wenn er Zeuge ihrer technischen Vervollkommnung in den Jahrzehnten nach 1750 geworden wäre? Die Hypothetik der Frage hat den schwedischen Star-Klarinettisten Martin Fröst und das Originalklangensemble Concerto Köln nicht davon abgehalten, auf einer soeben beim Label Sony Classical erschienenen CD eine klingende Antwort zu versuchen. Nein, Fröst spielt, abgesehen von der Arie „Veni, veni, me sequere fida“ aus dem Oratorium „Judith triumphans“ (die Singstimme versieht dort der Cellist Alexander Scherf), keine originalen Clarinetto- oder Chalumeau-Partien. Der unermüdliche Bearbeiter und Arrangeur Andreas N. Tarkmann hat wieder einmal zugeschlagen und aus Arien verschiedener Vivaldi-Oratorien und -Opern drei neue Klarinettenkonzerte geformt – zwei dreisätzige und ein viersätziges in der typischen Satzfolge der Kirchensonate (Concerto Köln gibt noch zwei dreisätzige Ouvertüren hinzu).
Allem Geschick und aller Metiersicherheit, auch aller gelungenen vokal-instrumentalen Übertragung zum Trotz – das Ergebnis befriedigt nicht vollends. Zum einen lässt sich die Formdramaturgie der Vivaldi’schen Arie nicht umstandslos mit der seiner Konzertsätze kurzschließen: Die Arien sind – und das hat seine Gründe – in der Dacapo-Form (ABA) gehalten, die (originalen) Konzertsätze in der Ritornellform. Und Fröst hat sich in Paris ein Instrument aus Buchsbaum nachbauen lassen, das die technischen Mängel der frühen Klarinette vermeidet, aber – angeblich – deren Klangeigenschaften entspricht. Letzteres ist dem Höreindruck zur Folge aber nur eingeschränkt der Fall.
Idiomatisch ist Frösts Klarinette durchaus schon auf dem Weg zu Mozart, in den langsamen Sätzen schwärmt sie gesanglich, in den schnellen dudelt sie hochvirtuos und bereits mit jener Anmutung leicht näselnder Betrunkenheit, die man aus späteren Zeiten kennt. Und wenn sie am Beginn des zweiten Konzerts („La Fenice“) gleichsam aus dem Nichts kommt, dann ist das verführerisch genug, hat allerdings mit Barockästhetik nichts mehr zu tun. Keine Frage: Der Klang dieser CD ist ein Hybrid und insofern ein künstliches Amalgam, von historischer Treue dürfte er ziemlich weit entfernt sein.
Lässt man diese Einwände beiseite, so ist viel Schönes zu gewärtigen, die klangsinnlich-temperamentvolle Aufnahme macht beim Anhören sogar richtig Spaß. Dafür ist selbstredend in erster Linie der glanzvolle Solist verantwortlich, der hier nicht einfach Partituren abspielt, sondern die Musik durch seine improvisatorischen Einlassungen, die Spontaneität des Hier und Jetzt erst zu feurigem Leben erweckt.
Concerto Köln hingegen, das zur Zeit schwerpunktmäßig mit Kent Nagano auf Wagners Spuren wandelt, zeigt, dass es die Freude am Repertoire des frühen 18. Jahrhunderts durchaus nicht verloren hat. Zuletzt: Diese CD zeigt wieder einmal, dass Vivaldi in verbreiteter Einschätzung immer noch unter Wert verkauft wird. Da gibt es eben nicht nur Quintfallsequenzen, sondern genauso unvermutete harmonische Ausbrüche, reizvollste Klangkombinationen und überraschende Formlösungen.