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Sie taumelten, aber sie siegten

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Pete Doherty (l.) und Carl Barât am Samstagabend in Köln-Mülheim

Es ist Liebe! Liebe, gegen Sinn und Verstand. Liebe, die beständig droht, in Co-Abhängigkeit abzugleiten, und doch stärker bleibt als der Stoff, der sie befeuert und zerreißt. Diese unmögliche Liebe zwischen dem ewig süchtigen Gossenkind Pete Doherty und dem vergleichsweise vernünftigen, jedoch nicht minder talentierten Carl Barât bildet seit mehr als 20 Jahren das schlagende Herz der Libertines.

Sie sind das skandalöseste, klatschspaltentauglichste und talentierteste Künstlerpaar seit Elizabeth Taylor und Richard Burton. Wundern sie sich gleich im ersten Song des Abends („Heart of the Matter“), warum dieses Herz trotz all der Prügel, die es über die Jahre bezogen hat, immer noch schlägt, ist das reines Kokettieren. Dass sie noch da sind, wider alle Erwartungen, ist ja ihr größtes Pfund.

Im ausverkauften Carlswerk Victoria müssen die alten und die nachgewachsenen Fans der Briten erst drei Vorgruppen durchstehen, bevor Doherty gegen Viertel vor neun auf die Bühne schwankt, sanft in Position gebracht von Barât. Der hat sich mit Schiebermütze und locker gebundenem Leopardenprint-Tuch sichtlich ums korrekte Boheme Outfit bemüht; Doherty sieht einfach nur aus, als habe er in seinem Anzug geschlafen. So spielt er auch seine Gitarren, schlägt Akkorde als zuckte seine Hand in einer Traumphase unwillkürlich übers Griffbrett, wirft sie dann in hohem Bogen den auf alles gefassten Roadies zu. Während Barât seinem Instrument wohlgeformte Riffs und zierliche Läufe entlockt und dabei so entrückt zur Decke schaut, wie man das von Paul McCartney in alten Beatles-Filmaufnahmen kennt.

Das dürfte doch gar nicht zusammenpassen, und oft tut es das ja auch nicht: Immer wieder sprengt Doherty die Setlist und stimmt einen Oldie an, der ihm gerade durch den Kopf rauscht, immer wieder schrammeln die Busenfreunde aneinander vorbei, während der stoische Drummer Gary Powell und der noch stoischere Bassist John Hassall warten, dass der Funke endlich überspringt. Aber das tut er. Jedes Mal. Und zum Publikum gleich von der ersten Note an. Bierbecher fliegen, Körper werfen sich aufeinander, Männer mit grauen Bärten verwandeln sich in schwärmerische Indie-Mädchen anno 2002.

Dabei ist die Zeit der Libertines längst vorbei. Anfang der nuller Jahre gehörten sie mit den Strokes und den White Stripes zum letzten Aufgebot des Rock ’n’ Roll. Seitdem ist aufreizend synthetischer Pop für die Innovationen zuständig und HipHop für die Produktion von Stars. Gitarrenbands betreiben Denkmalpflege. The Libertines müssten also tot sein, stattdessen bereiten sie gerade ihr viertes Album vor. Pete Doherty müsste tot sein, stattdessen hat er die 40 geschafft. Als er vor ein paar Monaten seinen runden Geburtstag feierte, konnte er sich seine Wohnung mit Artikeln tapezieren, die eben diesen Umstand mit höchster Verwunderung zur Kenntnis nahmen.

Aber der Abend im Carlswerk ist das reine unreine Leben. Dafür gibt keine vernünftige Erklärung. Es muss Liebe sein. „Du bist mein Waterloo“ krächzt Doherty Barât auf Deutsch zu. Gibt ihm ein Küsschen. Teilen sie sich ein Mikrofon oder spritzen sich schaumiges Bier in die offenen Münder, sieht das nach Sex in der Öffentlichkeit aus.

Zum pogenden, grölenden Höhepunkt gibt es die beschleunigten Jugendverschwendungshymnen „Up the Bracket“ und „What a Waster“. Nach langen Zugaberufen tappt einer von Dohertys grauen Huskies auf die Bühne. Sein Herrchen tappt hinterher und kann gar nicht damit aufhören, den Refrain von „Music When the Lights Go Out“ anzustimmen. Aber dann ist doch Schluss mit der Musik: Pete hatte zu viel von was auch immer. Powell rettet mit einem Drumsolo, Barât schaut zur Decke, seufzt ins Mikrofon, dass alles nur tote Luft sei, und die große Liebe seines Lebens torkelt links von der Bühne und wird von den Roadies aufgefangen wie eine achtlos weggeworfene Gitarre.